Tzimon Barto. Bild: Eric Brissaud für Ondine

Tzimon Barto. Bild: Eric Brissaud für Ondine

Tzimon Barto oder die Macht der Vorurteile

Tzimon Barto, Literat, Sprachgenie, Bodybuilder und herausragender Pianist, der in kein Schema passt, trat in Köln auf.

Da sehnt sich die ganze Musikwelt immer nach Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten. Und kommt dann einer um die Ecke, der genau damit dem stromlinienförmigen Windkanal des Betriebes kraft seiner Persönlichkeit entgegen steht, ist es auch wieder nicht recht.

Doch ist es im Fall des 55-jährigen geistig und körperlich hoch gebildeten Tzimon Barto aus Florida nicht nur der Betrieb. Auch Barto selber (der mit bürgerlichem Nachnamen Smith heißt) hat dazu beigetragen, etwa mit grenzwertigen Fotos und wie der Spiegel berichtete, vor Jahren mit Drogenproblemen. Im Pianistenelfenbeinturm konnte er es sich auch durch den Tod seiner beiden Kinder sicher nicht gemütlich machen. Das Leben hat dem Mann ordentlich etwas zu bewältigen gegeben, vielleicht hat ihm dabei sein Bodybuilding geholfen. Nach steilem Karriereanstieg mit EMI-Vertrag folgte ein Karriereknick, seit rund zehn Jahren ist er wieder da. Zum Glück für alle, die den gefälligen Einheitsbrei mit Dauergrinsen oder die äußerliche Leidenschaftsattitüde über haben.

Geschmeidig und gefällig ist Bartos Klavierspiel nie. Sein Anschlag ist hart und klar, die Weichheit kommt bei ihm nicht aus dem einzelnen Ton, sondern aus der Linie und der Fähigkeit, extreme Piani zu spielen. Auf der anderen Seite dürfte er an der entgegen gesetzten Grenze der Dynamik konkurrenzlos sein: So laut wie Barto kann wohl kaum einer spielen. Aber auch dies setzt er nicht als oberflächlichen Showeffekt, sondern als spannungsentladendes und damit interpretatorisches Mittel ein.

Speziell in den beiden Zugaben des Konzertes, der zweiten und sechsten Ungarischen Rhapsodie von Franz Liszt, eröffnete diese weite Spannbreite der pianistischen Möglichkeiten einen emotionalen Zugang zur Musik, den man bei vielen anderen Pianistinnen und Pianisten vergeblich sucht.

Langweilig war dieses Konzert in keiner Sekunde. Und das bei einem ersten Teil, der mit den sechs Grandes Études de Paganini von Franz Liszt und den Paginini-Variationen von Johannes Brahms zwei Werke präsentierte, unter deren Virtuosentum die Bedeutungsebene des Musizierens leicht abhanden kommen kann. Bartos Ansatz ist nicht, alles unter einen großen egalisierenden Bogen zu setzen und dabei die Extrempunkte einzuebnen, er macht aus Liszts Paganini-Etuden keinen großen Gesang, wie etwa der anders geniale Trifonov. Barto neigt dazu, Kontraste herauszuarbeiten und kenntlich zu machen. Zu Beginn wirkte manches dadurch nicht ganz locker, der Pedaleinsatz war mitunter grenzwertig, eher venezianisch barock, denn perlend-pianistisch. Aber auch diese Beobachtung sei relativiert, weil Barto den Zuhörer immer in Spannung hielt. Ein Zurücklehnen im Virtuosengenuss war nicht möglich.

Mit dem Nocturne Nr. 8 von Lowell Liebermann (Jahrgang 1961) kam Barto aus der Pause und schlug im vollen Wortsinn einen anderen Ton an, einen durchgängig lyrischen. Er spielte dieses elegische Werk schöner, als es von seinem Widmungsträger Marc-André Hamelin zu hören ist. Damit hatte Barto zugleich einen guten Übergang zu Chopins Andante spianato op. 22 gelegt, das er berührend fließen ließ. In der sich nahtlos anschließenden Polonaise brillante begeisterte er dann virtuos-final.

Ein Konzert also, das mehr als die rund 500 Zuhörer im weiten Rund der Kölner Philharmonie verdient hatte. Zumal Barto - das darf man wohl auch bemerken - als Typ eine Sensation ist: der groß gewachsene, muskelbepackte, leicht hüftsteife Riese, der in Pullover zur Smokinghose auftritt. Die beiden Zugaben kündigt er mit hintergründigem Lachen an, dem Vorfreude innewohnt. Der Mann wurde im Verlauf des Abends immer besser. Vielleicht wird man dies eines Tages auch vom Gesamtverlauf seiner Laufbahn als Pianist sagen.

Johannes Schmitz