Ungeschnittene Kandidaten-Auslese

Ökonomisch, ökologisch, soziologisch: Beim Klavierwettbewerb Clara Haskil geht es natürlich um Musik. Doch der Wettbewerb selber ist auch Studienobjekt.

In diesem Jahr findet beim Clara Haskil Wettbewerb eine Art Vorauswahl statt, um einen kleineren  Kandidatenkreis zu erhalten. Dies wurde erreicht, indem gezielt nur Professoren mit hochbegabten Studenten an angesehenen Institutionen wie der Juilliard School, dem Salzburger Mozarteum, der Sibelius Academy, dem Royal College of Music oder dem New England Conservatory in Boston angeschrieben wurden.

Neu ist auch, dass die Ausschreibung für den Wettbewerb aus ökonomischen und ökologischen Gründen nur online erfolgte. Insgesamt 70 Pianisten haben ihre Kandidatur per Video eingereicht, vor allem um jedweden Zusammenschnitt zu unterbinden. Aus diesen Bewerbern wurden 26 Pianisten ausgewählt, die mit Bravour die Auswahlvorspiele meisterten: Chopin-Etüden und Mozart-Sonaten, die als Messlatte für Exzellenz gelten, da sie elementare technische Schwierigkeiten, Virtuosität und Musikalität vereinen.

Die Jury war sehr angetan vom hohen musikalischen Niveau des Jahrgangs 2017, das Ergebnis wurde einstimmig gefasst. Neu in der Jury ist die französische Pianistin Anne Queffélec, die 1990 bei den Victoires de la Musique als «Beste Interpretin des Jahres» ausgezeichnet wurde. Den Juryvorsitz übernimmt zum zweiten und letzten Mal der bekannte deutsche Dirigent und Pianist Christian Zacharias, der dem Auswahlverfahren eine neue Ausrichtung gegeben hat: Das Repertoire der Pflichtvorträge konzentriert sich nunmehr auf Werke von Chopin (Musikalität und technischer Anspruch) und Mozart (Musikalität).

Im Halbfinale tragen die sechs ausgewählten Kandidaten unter anderem ein etwa 10 Minuten langes Stück vor (ein oder mehrere Sätze aus Sonaten, Stücken oder Zyklen sind akzeptiert). Die drei Finalisten wiederum präsentieren insbesondere ein etwa 5 Minuten langes, für den Prix Modern Times 2017 komponiertes Stück von Nicolas Bacri, der als bedeutender französischer Komponist gilt.

Christian Zacharias selbst wird das Orchestre de Chambre de Lausanne beim Finale dirigieren, das wie in den Vorjahren live auf RTS Espace 2 übertragen wird. Zu den Neuerungen zählt auch, dass bei dem Projekt Jeune Critique die Soziologie mit im Spiel ist. Aufgrund des grossen Erfolges bei den vergangenen drei Wettbewerben gibt Jeune Critique wieder sieben Musikstudenten die Möglichkeit, aktiv an der Organisation des Wettbewerbs mitzuwirken. Das pädagogische Programm bietet den Studenten Gelegenheit, ihr Netzwerk für ihre berufliche Karriere auszubauen. Sie tragen während des Wettbewerbs zur Sichtbarkeit der Veranstaltung bei, indem sie durch öffentliche Veranstaltungen führen und an Radiosendungen mitarbeiten.

2015 lag der Schwerpunkt des Projekts Jeune Critique auf dem Schriftstellerischen, schliesslich hatte der Wettbewerb Clara Haskil und Nancy Rieben (Lehrbeauftragte bei Unige und HEM sowie Trägerin des Projekts Jeune Critique mit den Universitäten und Hochschulen HEM) den Musikkritiker und Gründer von Forumopera, Sylvain Fort, eingeladen, der unlängst eine Biografie über Herbert von Karajan verfasst hat und heute Kommunikationschef des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ist.

2017 arbeitet Jeune Critique mit der Soziologin Miriam Odoni zusammen, die für ihre Dissertation sechs Jahre lang über Auswahlkriterien bei internationalen Musikwettbewerben unter soziologischen Aspekten geforscht hat. Der Wettbewerb Clara Haskil eröffnet ein neues Untersuchungsfeld und ermöglicht ihr einen ganz neuen Blick auf ein musikalisches Kandidatenauswahlverfahren. Miriam Odoni war bei den Auswahlverfahren anwesend und wird es auch bei allen Beratungen der Wettbewerbsjury sein. Für dieses soziologische Projekt, arbeitet Jeune Critique mit Olivier Voirol, Lehr- und Forschungrat der Universität Lausanne, zusammen.   

Als treue Wettbewerbspartner sind in der Children's Corner auch wieder Nachwuchstalente aufgefordert, an der von Daniel Rausis präsentierten Sendung von RTS Espace 2, „A vous de jouer" teilzunehmen. Die Idee dahinter ist, dem breit gefächerten musikalischen Leben der Musikschule auch ausserhalb eine Plattform zu bieten und die Fähigkeiten der Kleinen und nicht mehr ganz so Kleinen zur Geltung zu bringen. Die Konzerte können wieder live in der Grenette miterlebt werden und bieten eine schöne Möglichkeit, den Wettbewerb in entspannter Atmosphäre zu verfolgen.