Markus Stenz. Foto: Kaupo Kikkas

Markus Stenz. Foto: Kaupo Kikkas

Uraufführung der Kurtág-Oper

György Kurtág (92) bricht noch einmal zu neuen Ufern auf: „Fin de Partie“, die wörtliche Vertonung des gleichnamigen Samuel-Beckett-Dramas, ist sein erster Ausflug ins Operngenre – und zugleich die mit Abstand längste Komposition des Ungarn. Markus Stenz dirigiert die Uraufführung.

Einige Jahrzehnte schon begleitet Kurtág das Verlangen, Becketts Stück zu vertonen. Rund sieben Jahre hat Kurtág an der 450-seitigen Partitur gearbeitet, zuletzt in engem Kontakt mit Markus Stenz, der nun am 15. November 2018 in der Mailänder Scala die Uraufführung dirigieren wird. Als vor zwei Jahren eine ZEIT-Journalistin bei György Kurtág für ein Interview zum bevorstehenden 90. Geburtstag anfragte, erhielt sie die Antwort, „er habe zu tun: seine Oper, Becketts Endspiel, das ganze menschliche Leben“. Und fand dann doch noch Zeit für ein Gespräch, indem er eingestand, sich vor der großen Aufgabe Oper zu fürchten. Was wiederum für diesen Künstler auch ein zentraler Antrieb ist: „Die Spannung besteht darin, immer das Unbequemste zu finden“, sagt er – der kompositorische Schöpfungsprozess läuft für Kurtág über die stetige Selbstherausforderung ab.

Mit „Fin de Partie“ legt er nun ein Zwei-Stunden-Opus vor, nachdem sich sein bisheriges Schaffen eher durch aphoristischen Grundcharakter und zum Teil extreme Kürze ausgezeichnet hat. Das Drama „Fin de Partie“ erlebte György Kurtág gleich 1957 bei der französischen Erstaufführung in Paris und kaufte sich anschließend sofort eine Textausgabe, die praktisch gleich lautend mit dem Textbuch 2018 ist: „Eins zu eins hat Kurtág Text und Szenen ins französischsprachige Libretto übernommen und überträgt tatsächlich die Sprachmelodie auf die Singstimmen ohne jede Opernattitüde“, erläutert Markus Stenz. „Dabei unterstützt die Musik immer den Sprachfluss und der musikalische Subtext entspringt immer dem Wort.“

Mit seinem provokanten Endzeit-Drama löste Beckett seinerzeit einen veritablen Theaterskandal aus: Vier Menschen, womöglich die letzten Überlebenden einer Katastrophe, befinden sich in einem leeren Raum: der blinde und gelähmte Hamm (in der Scala gesungen von Frode Olsen) im Rollstuhl, sein Diener Clov (Leigh Melrose), der wegen Beinsteifheit kaum gehen und nicht mehr sitzen kann, sowie Hamms beinamputierte Eltern Nell (Hilary Summers) und Nagg (Leonardo Cortellazzi), die in Mülltonnen dahinvegetieren. Clov möchte den Tyrann Hamm verlassen und weiß doch, dass damit der Tod der drei immobilen Menschen vorprogrammiert wäre. Wohl aber auch sein eigener, denn Hamm verfügt über Lebensmittelvorräte, die bislang ihr Überleben gesichert haben.

„Bei Beckett geschieht extrem wenig im Stück – und dem entspricht Kurtág musikalisch. Beide beherrschen die Kunst, mit ganz wenigen Tönen respektive Worten ganz viel zu sagen“, skizziert Stenz Partitur und Bühnengeschehen. „Anregend und farbenreich sind die Töne, die Kurtág für die Geschichte findet: Psychogramme auf den Punkt gebracht mit pessimistischen und humorvollen Farben zugleich.“

Den Zuschauer/-hörer erwartet bei dieser von Pierre Audi inszenierten Oper so etwas wie kammermusikalisches Theater und theatrale Kammermusik zugleich, so Stenz: „ein Kunstwerk von enorm reduzierter und fein geflochtener Struktur mit extrem fein nuanciertem Timing in der Abfolge von Pause/Ton/Pause (immer wenn Beckett “un temps” (Stille) vorsieht um das Gesprochene zu trennen, trennt Kurtág das Gesungene mit einer komponierten, einer musikalischen Pause); schlicht eine subtile Klangsphäre“, was diese Endzeit-Vision mit ihrer außergewöhnlichen Instrumentation – neben dem klassischen Orchester u.a. Pianino mit Supersordino, Cimbalom, Bayan und Vibraphon – regelrecht sinnlich erfahrbar macht. Der Untertitel „Scènes et monologues“ des neuen einaktigen Bühnenwerks, das der Ungar seinem Kompositionslehrer Ferenc Farkas gewidmet hat, verweist im Übrigen darauf, dass hier „nur“ ca. 56 Prozent des Beckett‘schen Dramas vertont sind. György Kurtág bekundet jedoch die feste Absicht, auch noch den übrigen Text ohne jede Streichung in Musik zu setzen – dann mit Aussicht auf eine künftige Vier-Stunden-Oper.