Ella Milch Sheriff. Foto: Iris Nesher

Ella Milch Sheriff. Foto: Iris Nesher

Verblendung, Schuld und das Wesen des Bösen

Während auch die breite deutsche Öffentlichkeit den zugewanderten Antisemitismus nicht mehr übersehen kann, probt das Ensemble der Oper in Regensburg eine Uraufführung über Hannah Arendt und "Die Banalität der Liebe".

Liebe, Philosophie, Politik – um diese Themen kreist die Auftragsoper „Die Banalität der Liebe“ der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriff, die am 27. Januar 2018 im Theater Regensburg uraufgeführt wird.

Im Fokus steht dabei eine der wichtigsten und einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, die in Israel bis heute umstritten ist: Hannah Arendt. Ella Milch-Sheriff und Savyon Liebrecht (Libretto) verhandeln in ihrer Oper für das Theater Regensburg zentrale Fragen der jüngeren deutschen Geschichte: Fragen nach Verblendung, Schuld und nach dem Wesen des Bösen. Und der Liebe. Die 69-jährige Hannah Arendt blickt auf ihre Lebensgeschichte zurück ...

Alles beginnt 1924, als sie als junge Frau eine Vorlesung Martin Heideggers besucht. Schnell entwickelt sich eine geheime, aber sehr intensive Liebesbeziehung zwischen dem renommierten Professor und seiner brillanten Studentin. Doch während Heidegger die Machtergreifung Hitlers als notwendige Erneuerung des deutschen Volkes begrüßt, sieht Arendt als Jüdin ihr Volk und sich selbst in Gefahr. Hannah Arendt, eine der wichtigsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, ist in Israel bis heute eine umstrittene Figur. Als deutsche Jüdin zu Beginn der 1930er Jahre zur Emigration in die USA gezwungen, avancierte sie nach dem Krieg zu einer führenden intellektuellen Stimme. Doch immer wieder brachte sie die jüdische Gemeinschaft gegen sich auf: Sie bezog Position gegen die zionistischen Bestrebungen der Staatengründung Israels, weil sie einen schwelenden Konflikt mit den Palästinensern befürchtete; und sie schmälerte in den Augen vieler das Leid des Holocausts in ihren Protokollen über den berühmten Eichmann-Prozess in den 1960er Jahren, den sie mit „Banalität des Bösen“ übertitelte.

Darin schilderte sie Adolf Eichmann nicht als bösartiges Monster, sondern als phantasielosen, banalen Befehlsempfänger. An ihren Mann schrieb sie: „In Eichmanns Mund wirkt das Grauenhafte oft nicht einmal makaber, sondern ausgesprochen komisch.“ 1982 wurde außerdem bekannt, dass Arendt zu Beginn ihres Philosophie-Studiums eine Liebesbeziehung mit ihrem damaligen Professor Martin Heidegger eingegangen war – für manche ein weiterer Verrat am Judentum, da Heidegger 1933 zunächst als glühender Unterstützer Hitlers aufgetreten war und sich später nie für seine Fehleinschätzung entschuldigt hat.

Anhand der Liebe zwischen Arendt und Heidegger widmen sich die israelische Komponistin Ella Milch-Sheriff und die Librettistin Savyon Liebrecht in „Die Banalität der Liebe“ den emotionalen, philosophischen und politischen Dilemmata, mit denen Arendt zeitlebens zu kämpfen hatte und die ihr Bild in der Öffentlichkeit bis heute prägen.

Ella Milch-Sheriff fasst einen wichtigen Teil der deutschen (Geistes-)Geschichte in Musik und erzählt zugleich von der Magie und Tragik einer unmöglichen Liebe. Inszenieren wird das Stück der junge israelische Regisseur und Schauspieler Itay Tiran in einem düster-suggestiven Bühnenbild von Florian Etti. Beide Künstler sind zum ersten Mal in Regensburg zu Gast. Begleitend zur Uraufführung der „Banalität der Liebe“ am 27. Januar – dem Tag der Befreiung von Auschwitz – findet am Theater Regensburg eine Projektwoche zu israelischer Kultur mit Gesprächsrunde, Kammerkonzert, Filmvorstellung und einer Installation statt.