Sängerin Florence Singewald mit Bühnenpartner. Foto aus dem Stadtarchiv Gera

Sängerin Florence Singewald mit Bühnenpartner. Foto aus dem Stadtarchiv Gera

Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Thüringen

Eine Ausstellung und eine wissenschaftliche Tagung befassen sich mit dem Thema „Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Thüringen. Eine Spurensuche“. Das vom Verein weim|art e.V. getragene Projekt findet in Kooperation mit dem Stadtmuseum Weimar und der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar statt.

Zunächst wird am Donnerstag, 31. Januar um 18:00 Uhr eine Ausstellung im Stadtmuseum eröffnet, die bis zum 31. März präsentiert wird. Parallel findet am 31. Januar und 1. Februar ebenfalls im Stadtmuseum eine musikwissenschaftliche Tagung zum Thema statt.  

Die Leitung des Projekts liegt in den Händen der Weimarer Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Helen Geyer sowie von Dr. Maria Stolarzewicz. Die Vorbereitung und Durchführung ermöglichte die Thüringer Staatskanzlei. Der Eintritt zur Tagung und der Ausstellungseröffnung ist frei!  

Die Ausstellung „Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Thüringen. Eine Spurensuche“ erzählt die Lebensgeschichten von Musikerinnen und Musikern, die als Mitglieder Thüringer Theater, Musikhochschulen sowie Musikschulen sowie auch als private Lehrerinnen und Lehrer die kulturelle Landschaft Thüringens mitgestalteten – und nach 1933 wegen „jüdischer“ Abstammung im nationalsozialistischen Deutschland tragische Schicksale erlitten oder ermordet wurden.  

So erging es etwa der Sopranistin Florence Singewald (1896–1992), die am Neuen Operettentheater in Gera von etwa 1920 bis 1922 tätig war. Anfang 1944 wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Dort stand sie zweimal vor Dr. Joseph Mengele „zur Selektion“. Nach der zweiten „Selektion“ wurde sie in das Frauenlager Salzwedel transportiert, wo sie in der Munitionsfabrik der Firma Polte-Werke Magdeburg bis zur Befreiung Schwerstarbeit leisten musste. Im Stadtarchiv Gera sind ihre handschriftlich verfassten Briefe an den Historiker Walther Simsohn erhalten, in denen sie von ihrem Schicksal berichtet.

Manche von den in der Ausstellung dargestellten Musikerinnen und Musiker, wie etwa der weltberühmte Schwager Gustav Mahlers, Eduard Rosé (1859–1943), der als erster Cellist am Orchester des Großherzoglichen Theaters sowie als Lehrer an der damaligen Großherzoglichen Musikschule in Weimar wirkte und am Ende seines Lebens in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurde, sind für viele ein Begriff.  

Doch die Biographie des an der Rudolstädter Landeskapelle tätigen Posaunisten Paul Joseph Linder (1894–1972) wurde für die Weimarer Ausstellung zum ersten Mal rekonstruiert – dank der im Stadtmuseum Rudolstadt entdeckten Personalakte. Über viele andere Musikerinnen und Musiker ist kaum etwas bekannt: Ihre Namen werden jedoch trotzdem aufgelistet, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.  

Vertieft und ergänzt werden die Inhalte der Ausstellung durch die musikwissenschaftliche Tagung am 31. Januar ab 9:00 Uhr und am 1. Februar ab 9:30 Uhr im Weimarer Stadtmuseum. Namhafte Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus Hamburg, Berlin, Osnabrück, Meiningen und Weimar werden u.a. über die nationalsozialistische Kulturpolitik, Musik und Exil, Musiker und Musik in Konzentrationslagern und die künstlerische Verarbeitung der Holocausterfahrung diskutieren. Prof. Dr. Dieter Borchmeyer wird nach der Ausstellungseröffnung am 31.1. um 18:30 Uhr einen Festvortrag über die Ambivalenzen der so genannten jüdischen Akkulturation in Deutschland halten. Ein Konzert mit Werken von Günter Raphael aus der Meininger Zeit ergänzt das Programm. Es musizieren Studierende der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar.