Die Tonhalle in Düsseldorf.

Die Tonhalle in Düsseldorf.

Zerstörte Utopie lebt wieder auf

Ein von Stalin verbotenes Orchesterprojekt lebt als Art-Group wieder auf und ist im September in Düsseldorf zu hören.

„Persimfans" ist die Kurzform des russischen „Perwy Simfonitscheski Ansambl", zu Deutsch: „Erstes symphonisches Ensemble". Die Musiker, die sich im Jahr 1922 zusammenfanden, waren Pioniere und leidenschaftliche Idealisten, die die ursprüngliche Bedeutung von „symphonisch" („zusammenklingend") und Ensemble („Gesamtheit, Einheit") beim Wort nahmen. Sie übertrugen das in der Kammermusik gängige Prinzip des gleichberechtigten Spiels auf das große Orchester.

Die größere Verantwortung jedes einzelnen Musikers, die Notwendigkeit von mehr Kommunikation untereinander und die gemeinsame Überzeugung führten – und führen auch heute noch – zu frischen, spektakulären Ergebnissen. Das legendäre Orchester wurde durch Stalins Kulturrepressionen im Jahr 1932 aufgelöst. 2008 gründete der Pianist und Klangkünstler Peter Aidu – Enkel eines Mitglieds des originalen Ensembles – „Persimfans" neu.

Das Ensemble versteht sich heute als Art-Group, die sich der Wiederbelebung jener Utopien der Avantgarde verschrieben hat, die durch die Diktaturen des 20. Jahrhunderts zerstört wurden. Es präsentiert neben Konzerten auch interaktive Klangausstellungen und theatralmultimediale Konzepte. Für den Herbst des Jahres 2017 – das Jubiläumsjahr der Oktober-Revolution – plant die Tonhalle Düsseldorf ein zweiteiliges „Persimfans"-Projekt als Kooperation zwischen dem neu gegründeten Persimfans-Orchester und den Düsseldorfer Symphonikern.

Am Wochenende 7./8. Oktober werden in den Tonhallen-Konzertreihen „Supernova – neue und neueste Musik" und „Ehring geht ins Konzert" jeweils Programme zur Aufführung kommen, die Musiker aus Moskau und Düsseldorf gemeinsam nach den Maximen des originalen Persimfans-Orchesters erarbeitet haben. Bei diesem Projekt geht es nicht (nur) darum, ein durch diktatorische Machenschaften zerstörtes und daraufhin weitgehend vergessenes Kulturphänomen in Erinnerung zu bringen und der Geschichte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern auch darum, den frischen, kreativen Impetus eines Umgangs mit Musik zu erfahren, der sowohl in der Präsentationsform als auch im Repertoire der Konzerte auch heute noch als innovativ gelten kann – auch wenn das Musizieren ohne Dirigenten in kleineren Orchestern keine Seltenheit mehr ist. 

Das Vorhaben ist als Austauschprojekt konzipiert: Auf den Besuch der Moskauer Musiker in Düsseldorf im Oktober 2017 soll im Dezember 2017 ein „Gegenbesuch" stattfinden, bei dem Musiker aus Düsseldorf nach Moskau reisen, Tschaikowsky Concert-Hall ein Konzert zusammen mit den Persimfans-Musikern zu realisieren, das Höhepunkte der beiden Konzerte in Düsseldorf vereint. Diese Reise wird vom 11.-15. Dezember 2017 stattfinden.