Ensemble KNM aus Berlin. Foto: Anja Weber

Ensemble KNM aus Berlin. Foto: Anja Weber

Zwischen Vernichtung und Nostalgie

Im Berliner Radialsystem hat das Ensemble KNM Berlin an zwei Abenden Konzerte mit Neuer Musik gespielt. Unter dem Titel 4Real gab es wie bei Jazzkonzerten jeweils zwei Sets von etwa einer Stunde Länge. Saori Kanemaki war für FONO FORUM dabei.

 

 

Die Gegenwart gehört noch zur Postmoderne und ihre kulturellen Strömungen befassen sich gelegentlich mit der Vernichtung der Vergangenheit. Allerdings zeigen diese Strömungen gleichzeitig die Neigung, auf verflogene Zeiten mit einer gewissen Nostalgie zurückzublicken.

Mit postmodernem Feingefühl hat das Ensemble KNM Berlin Kompositionen von Hannes Seidl und Martin Schüttler präsentiert. Titel und Werkeinführungen verraten Bezüge zu vergangenen kulturellen Ereignissen. Hans Seidl ging bei seiner zweiteiligen Komposition "Es geht besser besser" von einem in den 50er Jahren entstandenen Schlager Peter Alexanders mit demselben Titel aus und entfaltete seine Klangdimensionen mithilfe von Flöte, Oboe, Trompete, Schlagzeug und Elektronik.

Im ersten Teil des Stücks untermalte Seidl den Schlager mit live musizierten Klängen, die sich vom elektronischen Zuspiel in der Metrik unterschieden. Dabei war die Originalmusik des Schlagers noch gerade wahrnehmbar, obwohl der Komponist dessen Tempo änderte und ihn klanglich bearbeitete. Dagegen war im zweiten Teil der Komposition das Zuspiel des Schlagers kaum noch vernehmbar und der akustische Klangteil geriet allmählich in den Vordergrund. Diese künstlerische Wanderung von objektivem zu subjektivem Material wurde vom Ensemble KNM mit einem findigen musikalischen Entwicklungsbogen präsentiert.

Das Werk des Komponisten Martin Schüttler ging auf einen Spruch des Künstlers Martin Kippenberger („Nix verstehen ist besser als gar nichts.“) und auf Popmusik ein. In "schöner leben 5" für präparierte Viola mit Verstärkung und Zuspiel ertönte die Bratsche mal verstärkt, mal akustisch parallel zu kitschigen Melodien aus Klängen von Videospielen der 90er Jahre. Diese Abwechslungen im Klangcharakter des Instruments dienten der Entwicklung und der Ausweitung der Klangwelt. Andererseits konzipierte Schüttler seine Komposition "schöner leben 3", die von dem Titel "Girl You Know It's True" der Popband Milli Vanilli inspiriert wurde, für eine einzigartige Besetzung mit präparierten Flöten, einer Neonröhre und Zuspiel.

Neben dem nüchternen Spiel der Flötistin Rebecca Lenton hörte man die Neonröhre summen und statische Geräusche machen. Außerdem ertönten als Zuspiel elektronisch imitierter Flötenklang, bearbeiteter Klang aus einem YouTube-Video, Technomusik und ein Sinuston. Hierbei vermischten sich verschiedene Klangkonzepte – Bruitismus, Popkultur und sowohl akustische wie elektronische Musik.

Ein Highlight der Veranstaltung 4Real war Jakob Ullmanns Komposition "dissapearing musics", die 1989 bis 1991 geschrieben wurde. Die klangliche Reduktion dieses Werks erinnerte an Musik von John Cage, Morton Feldman oder Earle Brown. In der Tat hatte John Cage eine wesentliche Bedeutung bei der kompositorischen Motivierung von Ullmann. Das Werk wurde ursprünglich für sechs Musiker komponiert aber Ullmann fügte folgende Spielanweisung hinzu: „for 6 players (more or less)“.

An diesem Abend waren fünf Musiker auf der Bühne. Oboe, Kontrabassklarinette, Violine und Violoncello hatten sich im Halbkreis um eine Flötistin aufgebaut. Die Klänge der Flöte und der Kontrabassklarinette waren leicht dominant, dennoch war die Musik sehr dynamisch und dezent. Hinter den klanglich führenden Instrumenten bildeten Oboe, Violine und Violoncello ein murmelndes, welliges Band von Klängen. Das Stück wurde fast in Dunkelheit aufgeführt und die diskrete Lichtinszenierung mit Nebeleffekt ließ eine mystische Atmosphäre entstehen. Die intime Aufführung durch das Ensemble KNM führte durch die langatmigen Phrasierungen zu einer kontemplativen Versenkung, die auch nach den letzten Tönen des Stückes in einem längeren stillen Moment im Konzertsaal zu verspüren war.