Herbert Blomstedt und die Staatskapelle 1972. Foto: Erwin Döring

Hans Pfitzner in Pose. Bild: Staatsbibliothek München

"Zwischen Vision und Abgrund"

Der WDR-Redakteur Michael Schwalb hat eine lesenswerte Biografie über Hans Pfitzner geschrieben, die den Stand des Wissens lesbar und griffig zusammenfasst. Auch die abstoßenden charakterlichen Schwächen Pfitzners kommen deutlich zur Sprache.

"Kleine bayerische Biografien" heißt die Serie im Verlag Friedrich Pustet, in der nun ein Band über den Komponisten Hans Pfitzner erschienen ist. Im Vorwort bemerkt der Autor Michael Schwalb, es sei wohl Pfitzners disparater Persönlichkeitsstruktur und seiner Anbiederung an den Nationalsozialismus geschuldet, dass sich die deutsche Musikwissenschaft nach dessen Tod im Jahr 1949 jahrzehntelang nicht für Pfitzner interessiert habe.

Und tatsächlich ergibt sich auch bei der Lektüre von Schwalbs sachlicher und gut verständlicher Arbeit das Bild einer Persönlichkeit, die in ihrer Egozentrik widerwärtig wirkt. Wäre da nicht die Musik Pfitzners, die unangepasst und Fragen aufwerfend zu faszinierend ist, um einfach beiseite geschoben zu werden. Der Kürze des Formates, knapp 130 Taschenbuchseiten, wird Schwalb auch dadurch gerecht, dass er sich nirgends im Narrativen verliert, sondern Historisches sofort einordnet und bewertet.

Das gilt auch für die Betrachtung der musikalischen Werke. Die Lieder Pfitzners etwa, die im Gesamtwerk eine große Bedeutung haben, ordnet Schwalb ganz klar in die Linie Robert Schumanns ein. Pfitzner als Liedbegleiter wird ebenso thematisiert wie seine autodidaktische Dirigierweise. Und auch die geografischen Stationen (Frankfurt, Berlin, München) werden direkt mit der Entwicklung Pfitzners in Verbindung gestellt. Die Hauptwerke werden kurz angerissen und - wo es angezeigt ist - auch schonungslos eingeordnet. Zu seiner letzten Oper "Das Herz" etwa bemerkt Schwalb: "Es scheint, als sei Pfitzner hier von aller musikalischen Delikatesse verlassen."

Breiten Raum nimmt die Verknüpfung ein, die Pfitzner zwischen seiner Musik und seiner rassistischen, antisemitischen und menschenverachtenden Weltanschauung vollzog. Sein Hass etwa auf den progressiven Musikwissenschaftler Paul Bekker und seine Selbstüberschätzung gegenüber den Nazis, die auf einem Besuch Hitlers an seinem Krankenbett im Jahr 1923 beruhte, arbeitet Schwalb klar heraus. "Ich müsste, wenn es richtig zuginge, der erste Mann im Land sein in künstlerischen Dingen ...". War er aber nicht. Selbst die Nazis also honorierten Pfitzners Anbiederung nicht, wie sehr Pfitzner sich das auch wünschte. "Pathologischen Größenwahn" attestiert Schwalb denn auch. Selbst nach dem Krieg blieb Pfitzner dieser seiner Linie treu.

Die Lektüre lässt - ihrem Wesen gemäß - eine Frage offen: Wie klingt diese Musik? Und damit führt diese Biografie auf ihren Motivationskern hin und bereitet vor auf die wissende Begegnung mit dem Werk Pfitzners.