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16.10.2015 16:00 Alter: 3 yrs

Bachs eifrige studentische Hilfskräfte


Bachs Schüler und Texter Birkmann. Foto: Bach-Archiv Leipzig

Die Wissenschaftler des Bach-Archivs Leipzig erforschen in einem neuen Projekt eine Personengruppe, die zu Bachs engstem Umkreis gehörte und die mit seinen Unterrichtsprinzipien, seiner Persönlichkeit und der Aufführungspraxis seiner Werke bestens vertraut war: Bachs Privatschüler.

Ein erster bedeutender Fund ist bereits gelungen. Der  Leipziger Student Christoph Birkmann (1703-1771), später Theologe in seiner Heimatstadt Nürnberg, konnte als Textdichter zahlreicher berühmter Bach-Kantaten nachgewiesen werden.

»Bachs Clavier-, Orgel- und Kompositionsschüler wussten all das, was wir heute gern über Bach wissen würden«, so Prof. Dr. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig, »schließlich gehörten die Schüler Bachs zu dessen engstem Umkreis und waren mit seinen Unterrichtsprinzipien, seiner Persönlichkeit und der Aufführungspraxis seiner Werke bestens vertraut.«

Einige wenige Einzelstudien zu später berühmt gewordenen Bach-Schülern haben in der Vergangenheit bereits bedeutende Neuerkenntnisse auch zu Bach selbst gezeitigt. Allerdings wurde hier stets nur ein sehr kleiner Personenkreis betrachtet, und selbst diese wenigen Untersuchungen –  über die Bach-Schüler J. L. Krebs, J. P. Kirnberger oder J. G. Müthel - sind inzwischen weitgehend veraltet.

In Vorbereitung auf das neue Forschungsprojekt haben die Wissenschaftler am Bach-Archiv bereits 125 Bach-Schüler namentlich ermittelt. Nun sollen deren hinterlassene  Materialien –  Musikalien, Briefe, Archivalien – erstmals systematisch erschlossen und ausgewertet werden. Dazu sind Recherchen in etwa 200 Archiven  und Bibliotheken in zehn mittel- und osteuropäischen Ländern notwendig. Von der Erschließung dieser Quellen erwarten die Wissenschaftler Neuerkenntnisse zu Bachs Unterrichts- und Aufführungspraxis, zu seinen Kompositionsprinzipien, seinen Idealen im Orgelbau und Hinweise zur genaueren Datierung seiner Werke.

Eine erste bedeutende Spur führt zu einem Nürnberger Theologen und vormaligen Schüler des Thomaskantors, Christoph Birkmann (1703-1771). Birkmann studierte von 1724 bis 1727 Theologie und Mathematik an der Universität Leipzig und wirkte während dieser Zeit nachweislich als Musiker an Bachs Kantatenaufführungen mit. Nun stellt sich heraus, das Birkmann sehr viel mehr für »den großen Meister Bach« war: Er schuf während seiner Leipziger Studienjahre die Verse zu einigen der berühmtesten Bach-Kantaten und legte anscheinend auch Hand an die monumentale Johannes-Passion. Studentische Textdichter Bachs waren der Forschung bislang unbekannt, wie überhaupt in der Vergangenheit kaum Dichter von Bachs Leipziger Kantaten namhaft gemacht werden konnten.

Die Leipziger Wissenschaftlerin Dr. Christine Blanken entdeckte die entsprechende Quelle in der Nürnberger Stadtbibliothek. Birkmann gab kurz nach seiner Berufung als Diakon an die St. Sebald Kirche in Nürnberg einen Jahrgang mit Kantatendichtungen heraus: die »Gott-geheiligten Sabbaths-Zehnden«, und behauptet im Vorwort, die Verse weitgehend selbst verfasst zu haben. Der Druck enthält die Texte zu mehr als 30 Bach-Kantaten: Werke, die genau während Birkmanns Leipziger Studentenjahre entstanden waren und weitgehend zu Bachs drittem Kantatenjahrgang gehören. Zudem ist in dem Buch der Text zur zweiten Fassung von Bachs Johannes-Passion (1725) abgedruckt. Zeitgenössische Textdrucke dieses Hauptwerks des Thomaskantors waren bislang nicht bekannt.

Unter den Kantatentexten des Nürnberger Drucks sind offenbar mindestens acht Libretti, die Birkmann selbst für Bach geschrieben hat, u. a. die Dichtungen zu den berühmten Solo-Kantaten »Ich will den Kreuzstab gerne tragen«, BWV 56 und »Ich habe genug«, BWV 82. Damit bietet der neu aufgefundene Textdruck die wichtigsten Neuerkenntnisse zur Urheberschaft von Bachs Kantatentexten seit mehr als 40 Jahren.

In den nächsten zwei Jahren sollen im Bach-Archiv zahlreiche weitere Quellen zu Bach und seinen Schülern gesammelt und ausgewertet werden. Abschließend werden die gesammelten Materialien und Daten für die internationale Forschergemeinde zugänglich gemacht: in der vom Bach-Archiv gepflegten freien Forschungsdatenbank »Bach digital«  und durch Verknüpfungen der Personeninformationen mit der Gemeinsamen Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek. Außerdem sind  eine kommentierte Edition der zentralen Quellentexte zu Bach als Lehrer sowie eine prosopographische Zusammenfassung der Forschungsergebnisse in Vorbereitung. Das für zunächst zwei Jahre angelegte Projekt wird von PD Dr. Michael Maul geleitet und durch die Fritz-Thyssen-Stiftung unterstützt.

Das Bach-Archiv Leipzig versteht sich als musikalisches Kompetenzzentrum am Hauptwirkungsort Johann Sebastian Bachs. Sein Zweck ist, Leben, Werk und Wirkungsgeschichte des Komponisten und der weit verzweigten Musikerfamilie Bach zu erforschen, sein Erbe zu bewahren und als Bildungsgut zu vermitteln. Die besondere Stärke des Bach-Archivs liegt in dem Perspektivenreichtum, den es im Zusammenwirken von Forschungsinstitut, Bibliothek, Bach-Museum, künstlerischem Betriebsbüro und Servicefunktionen auf eine der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten der europäischen Kulturgeschichte richten kann. Präsident des Bach-Archivs Leipzig ist der britische Dirigent und Bach-Spezialist Sir John Eliot Gardiner.

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