Stark

Nein, diese CD kann man wirklich niemandem empfehlen, der nach einer neuen „Referenzaufnahme“ der beiden bekannten Schumann-Bilderfolgen oder der großen letzten Bach-Partita Ausschau hält. Dafür geht es darin um einiges zu vordergründig und laut, oft auch ein bisschen ruppig zu.

Und doch kann ich mich kaum erinnern, je zuvor einem Debüt-Solorecital begegnet zu sein, das mir so viel Freude gemacht hat. Denn diese tadellos aufgenommene TYXart-Produktion ist ein packender Frühbeleg eines musikalischen Ausnahmetalents namens Alexander Maria Wagner. Sie entstand ein paar Wochen vor dessen 19. Geburtstag und verblüfft von den ersten bis zu den letzten Takten durch die unverstellte Direktheit des Spiels und die klare, selbstgewisse Entschiedenheit der Aussage. Der junge Mann, Schüler von Franz Hummel und Pavel Gililov, packt gewaltig kraft- und temperamentvoll zu, gestaltet aufregend „fertig“ und markant, meistert die vielen pianistischen und musikalischen Hürden, die jedes der drei Werke vor dem Interpreten aufstellt, mit einer überrennenden Bravour, als existierten sie überhaupt nicht.

Außerdem ist Wagner offenbar eine musikalische Allround-Begabung: Schon als Vierzehnjähriger schloss er die Partitur einer ersten Sinfonie (mit dem Titel „Kraftwerk“) ab – sie liegt inzwischen bei Oehms auch als Einspielung vor. Und auf dieser CD spielt er zwischen den beiden Schumann-Werken das eigene „Inferno“, einen brillant-effektvollen Höllenritt, den man in Anlehnung an ein gerade 100 Jahre alt gewordenes Klavierstück von Prokofjew eine „Suggestion diabolique“ des 21. Jahrhunderts nennen könnte.

Schwer zu „besternen“. Aber auch ohne Jugend-Rabatt scheinen mir vier Sterne nicht übertrieben hoch gegriffen.

Ingo Harden