Ohrenöffner

Der Übergang vom Barock zur Klassik gehört zu den spannendsten Kapiteln der Musikgeschichte – und zu den am schwersten zu überblickenden. „Galanter Stil“, „empfindsamer Stil“, das sind Begriffe, die Phasen dieses Übergangs benennen möchten und doch nur schwer voneinander abgegrenzt werden können – zumal für den unkundigen Hörer. Diese CD mit Flötensonaten des Berliner Kreises um Friedrich den Großen bringt Licht ins Dunkel. Zunächst mit einem exzellenten Booklet: Da wird ausführlich auf die feinen Unterschiede zwischen den aufgenommenen Stücken eingegangen und gezeigt, wo es auf Galantes und wo auf Empfindsames zu achten gilt. Sodann mit einer Einspielung, die den überlieferten Spielweisen folgt und dabei doch volle Sinnlichkeit bewahrt. Das hat viel mit der durchaus überraschenden Entscheidung zu tun, der Traversflöte kein Cembalo an die Seite zu stellen, sondern ein Fortepiano. Begründet wird das mit Zitaten von C. Ph. E. Bach und J. J. Quantz, die beide für kleine Besetzungen dieses zarter klingende Instrument empfehlen. Die Wirkung ist grandios. Plastisch zeichnen sich da die Distanzen ab, die etwa zwischen Johann G. Grauns arg konventionell scheinender Sonate F-Dur und Franz Bendas wilder Sonate e-Moll liegen. Wie sich hier im langsamen Satz die Dissonanzen reiben und der musikalische Duktus von aufgeregtem Stammeln durchbrochen ist – das hat bis heute nichts von seinem revolutionären Geist eingebüßt. Die aufwühlende Sonate des „Bückeburger“ Bach-Sohnes Johann Christoph Friedrich weist dann schon deutlich in Richtung Klassik. Ricardo Magnus am Fortepiano und Leonard Schelb an der Traversflöte spielen das so virtuos wie „empfindsam“ und liefern damit eine CD, die nicht nur gefällt, sondern Augen und Ohren öffnet.

Clemens Haustein