Feines Innenleben

Der leichte Ton ist nicht nur etwas für französische Musik, sondern steht jeder Stilrichtung der Klassik – soweit die Leichtigkeit nicht mit Leichtfertigkeit einhergeht. Dass sie den leichten Ton beherrschen, haben die Musiker des Berliner Atos-Trios auf ihrem großartigen „French Album“ gezeigt. Auf dem nun erschienenen „Russian Album“ behalten sie diesen Ton bei und erschließen damit eine neue, anrührende Perspektive auf russische Kammermusik. Schostakowitschs Trio Nr. 2, Arenskys Trio Nr. 1, und Rachmaninows Trio Nr. 1: All das klingt hier wie mit feinem Strahl durchleuchtet, wie geröntgt, wobei ein feines, nahezu zerbrechliches Innenleben dieser Werke erkennbar wird. Schostakowitschs Trio, das der Komponist 1944 im belagerten Leningrad schrieb, ist hier nicht nur verzweifelte Mitteilung aus finsterem Kerker, sondern schwebt im freien Raum: irgendwo verloren über einem schwarzen Abgrund. Daraus kann sich eine Art höhere Heiterkeit ergeben, die die Schrecken des Irdischen schon hinter sich weiß: Die kecke Anarchie des Schlusssatzes klingt beim Atos-Trio, als sei die Angst vor dem Tod schon überwunden.

Arenskys Trio spielen die drei Musiker als empfindsames, fein gearbeitetes Stück der Hochromantik, tragisch, aber nie mit Theaterschmiere und im langsamen Satz am Rande der klanglichen Auflösung. Es gelingt da, was nur selten gelingt: dass die Instrumente vergessen gemacht werden und nur noch pure Atmosphäre übrigbleibt. Und auch wenn Rachmaninow zum großen Klangbad einlädt, bleiben die Atos-Leute wach: Wuchtige Ausbrüche werden hier stets in elegante Phrasierung gekleidet, Durchsichtigkeit geht vor Klangprotzerei. Das klingt alles so klug und zugleich warm, so diszipliniert und zugleich empfindsam, so frei und zugleich kollegial, dass man sagen möchte: Genau so sollte Kammermusik sein.

Clemens Haustein