Porträts » Interpreten » Rolando Villazón

Rolando Villazón

„Als Opernsänger bewegen wir uns ständig am Limit“

Mit einem Verdi-Recital legt Rolando Villazón das erste klassische Soloalbum seit drei Jahren vor. Nach den Ausflügen zu Händel und Mozart eine Rückkehr in sein angestammtes Repertoire. Im Interview mit Bjørn Woll spricht der Tenor offen über die Krisen der letzten Jahre, über Singen als Hoch­leistungssport – und die emotionale Kraft der Musik Giuseppe Verdis.

(Foto: Gabo/DG)
(Foto: Gabo/DG)

Herr Villazón, Sie haben ein paar schwierige Jahre hinter sich. Wie geht es Ihnen?

Ganz einfach: sehr gut! Es gehört zum Leben dazu, dass es gute Momente gibt und schlechte – und man muss beide annehmen. Das ist es, was uns als Men­schen ausmacht, wir sind das Er­geb­nis der Erfahrungen, die wir gemacht haben, der guten wie der schlechten. Jeder Künstler oder Sportler, der sich auf einem hohen Niveau bewegt, kennt auch schwierige Phasen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es für uns völlig normal ist, bei Sport­lern über Verletzungen zu sprechen, während das Thema bei Sängern stark tabuisiert ist?

Das ist eine gute Frage. Es existiert die Idealvorstellung, dass ein Sänger, vor allem in der Opernwelt, ein Übermensch ist. Sobald dann etwas schiefgeht, sagen die Leute: Er hat ein falsches Repertoire gesungen, er hat eine falsche Technik... Bei einem Sportler würde man hingegen nie sagen: Es ist zu intensiv, oder falsch, wie er spielt. Zum Glück wird es langsam besser, nachdem einige Sänger offen über dieses Probleme reden. Aber ich kenne so viele Kollegen, die nichts sagen. Ich finde das schade, denn je offener wir darüber sprechen, umso weniger wird es tabuisiert. Das liegt aber auch ein bisschen an der Oper, denn das Publikum ist hier sehr euphorisch: Es gibt nur Bravo oder Buh, entweder ist man der beste Sänger der Welt, oder man ist kaputt. Es liegt aber auch an der Welt, in der wir leben: Schlechte Nach­richten bekommen mehr Aufmerksamkeit als gute Nachrichten. Wenn ein Tenor auf der Bühne ausgebuht wird und die Bühne verlässt, ist es international in den Nachrichten. Wenn derselbe Tenor eine erfolgreiche Premiere nach der anderen an den größten Opernhäusern gibt, schafft er es gerade einmal in die Lokalnachrichten.

Trifft uns als Publikum dabei eine Schuld, sind die Erwartungen an die Sänger zu hoch?

Ich würde nicht Schuld sagen. Es ist das, was die Oper ausmacht: große Ge­fühle! Das muss auch so sein. Daher gehören Opern­­sänger zu den Künstlern, die mehr Risi­ken eingehen müssen. Manchmal ist es dabei schwierig, die Balance zu finden, weil beim Singen ein kleiner Fehler eine große Auswirkung haben kann. Noch­ einmal: Die Erwartungen des Publi­kums, mit all seinen Emo­tio­nen, machen einen Teil der  Oper erst aus. Und deswegen können wir als Opern­sänger unsere Karrieren überhaupt machen.

Wenn ein Sportler eine Verletzung hat, dauert es oft lange, bis er nach einer Pause und Rehabilitation wieder völlig fit ist. Was macht ein Sänger nach einer Operation?

Da ist es ganz ähnlich. Vor allem braucht man viel Geduld, für mehrere Monate oder sogar Jahre. Denn vieles muss man noch mal ganz neu lernen. Allerdings sprechen wir heute zu sehr über den sportlichen Aspekt beim Sin­gen. Ein Sänger muss in erster Linie ein Künstler sein. Wir aber sprechen viel von hohen Tönen, von Piano und von Atemkontrolle. Das ist auch in Ord­nung, aber dann sprechen wir über Athleten. Natürlich brauchen wir das als Grund­lage, aber dann geht es doch darum, der Musik Leben zu geben. Es gibt viele Sän­ger mit einer hervorragenden Technik, mit tollen hohen Noten und einem tollen Piano – und man sagt: wow! Das ist wie jemand, der mit zwölf Bällen jongliert. Aber das ist erst der Anfang von Kunst. Jeder Sänger ist ein guter Athlet, man kann kein guter Künstler sein, ohne ein guter Athlet zu sein. Aber man kann ein guter Athlet sein, ohne ein guter Künst­ler zu sein. Diesen Unterschied kann man zwar nicht sehen, aber das Publi­kum spürt ihn.

Der Dirigent Gianandrea Noseda steht dem Tenorstar in Sachen Verdi zur Seite. (Foto: Rainer Maillard/DG)
Der Dirigent Gianandrea Noseda steht dem Tenorstar in Sachen Verdi zur Seite. (Foto: Rainer Maillard/DG)

Ist es für Sänger heute schwieriger, auf ihre Stimme aufzupassen als vor 100 Jahren?

Das kann ich nicht sagen, denn ich weiß nicht, wie es vor 100 Jahren war. Wir wissen zwar, dass das Leben heute schneller ist, dass es mehr Allergien gibt. Aber ich glaube, dass die Leute früher nicht so viel darüber gesprochen haben. Caruso hatte acht Operationen an den Stimmbändern, der größte Tenor aller Zeiten. Heute haben wir Youtube und Live-Übertragungen von Opern im Kino, es gibt ein Dokument von allem, was wir auf der Bühne machen. Wenn ein Künst­ler  heute einen Fehler macht, weiß es morgen die ganze Welt. Das bedeutet auch Stress für den Sänger. Dabei ist Musik doch wichtiger als die Indivi­dualität des Inter­pre­ten. Bei meiner neuen CD zum Bei­spiel sollten wir über Verdi sprechen, nicht über mich.

Über Verdi sprechen wir auch noch, versprochen!

In unserer Kultur ist es so einfach, über die Leute zu reden. Wichtiger aber ist, dass wir über die Musik sprechen. Wenn wir nicht mehr da sind, kommt jemand anders, der diese Musik singt. Doch was bleibt, über was reden wir immer noch? Die Komponisten, über Mo­zart, Verdi und Puccini. Wovon wir aller­­dings etwas Abstand gewinnen müssen, ist die Gier nach der Sensation. Manch­mal gibt es fantastische Vorstel­lungen, manchmal gibt es gute Vorstellungen, und manchmal gibt es schlechte Vor­stel­lungen, das ist eben so. Als Opernsänger bewegen wir uns ständig am Limit, auf der Bühne ist es oft eine Gratwan­de­rung.

Kommen wir nun zu Verdi, wie ist seine Musik?

Seine Musik ist ein Spie­gelbild der menschlichen Seele. Verdi hat nicht für den Applaus komponiert, seine Musik erzählt immer etwas, sie spricht über die Gefühle der Rollen. Es ist, als würde die Seele sprechen, obwohl alles so simpel ist. Verdi hatte keine Angst davor, einfach zu sein. Deswegen haben die Leute einen direkten Zugang zu seiner Musik. Mit Wagner ist das nicht so einfach, bei ihm hört man den Kampf mit dem Werk, die Arbeit wie an einer Skulptur. Verdi ist da authentischer, mehr eins mit seinen Kom­positionen, deshalb sind sie so universell. Die Tragödie von Violetta, der Egois­mus des Herzogs in „Rigoletto“ oder diese dunklen Shakespeare-Rollen –  das ist fantastisch! Er nimmt Sha­ke-speare und gibt ihm Musik, es ist wie eine perfekte Übersetzung in Noten.

Warum berühren uns seine Figuren heute, nach über 100 Jahren immer noch?

Weil es mehr ist als die Rolle, über die er gerade spricht. Wenn er über Me­lan­cholie spricht, dann ist es die Melan­cho­lie. In diesem Augenblick gehört es zwar zur Rolle, aber so klingt Melancholie. Er nimmt die Figuren, versteht perfekt, was sie gerade erleben, und setzt es in Musik – und am Ende ist es mehr als ein Rol­lenporträt, es wird universell.

Sind Verdis Rollen für Bariton nicht eigentlich interessanter, der Simon Boc­ca­negra etwa oder der abgründige Jago? Die Tenorrollen sind hin­gegen oft eindimen­sionaler, durchlaufen keine richtige Ent­wick­lung.

Verdi hat für alle Stimmgattungen wunderbare Rollen geschaffen. Ich glaube allerdings, dass für Verdi die Ent­wick­lung der Charaktere nicht so wichtig war wie das Porträtieren von Gefühlen. Wir sehen zum Beispiel Alfredo nervös, dann glücklich, dann verzweifelt. Die Ent­wick­lung, der Weg von einem Ge­müts­zustand in den anderen, wird hingegen nur wenig beleuchtet. Das macht aber gar nichts, weil die Musik so klar zu uns spricht, dass wir die Geschichte trotz­dem verstehen. Natürlich gibt es auch ein bisschen Entwicklung, aber Verdi zeigt uns vor allem die wichtigen Mo­men­te. Das ist wie im Film, da sehen wir oft nur Momentaufnahmen, was dazwischen passiert, sehen wir gar nicht. Und trotzdem stellt unser Gehirn die richtigen Verbindungen her.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Dezember 2012