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Herbert Schuch

Der Berg Sinai

Herbert Schuch ist ein angenehm unaufdringlicher Künstler. Homestories mag er nicht so gerne, lieber trifft er sich auf einen Cappuccino um die Ecke. Jetzt hat er das Klavierkonzert des Schönberg-Schülers Viktor Ullmann aufgenommen. Simon Tönies traf den Pianisten in seiner Wahlheimat Köln.

(Foto: Appel/PR)
(Foto: Appel/PR)

Für das Interview verlängert Her­bert Schuch sein Frühstück. Es ist ein diesiger Herbstvormittag, der Pianist sitzt in einem Eck-Café in der Kölner Südstadt, nur ein paar Meter von seiner Wohnung entfernt. Herbert Schuch hat sich den Tisch neben dem historischen Klavier ausgesucht, er braucht nur die Hand auszustrecken, um dem Instrument ein paar verstimmte Töne abzuschmeicheln. Heu­te Nach-mittag steigt er in den Zug nach Berlin, wo er zur ECHO-Klassik-Ver­leihung eingeladen ist. Ausgezeich­net wird auch ein Kam­mermusik-Al­bum, an dem er mitgewirkt hat, Klavier­quintette von Mozart und Beethoven. Auf der Bühne wird Her­bert Schuch nicht zu sehen sein – wie viele seiner Kollegen. Der Kellner bringt einen Cap­puccino und ein Körb­chen mit Crois­sants, von denen er sich langsam mundgerechte Stücke abbricht, während er redet. „Ich freue mich natürlich über den Preis, aber wenn ich keinen ECHO gekriegt hätte, wäre das auch egal gewesen“, sagt er. Allzu wichtig nimmt Her­bert Schuch solche Auszeichnungen nicht: „Ich lege mir lieber selbst Rechen­schaft über meine Leistung ab. Zum Beispiel höre ich mir einmal im Jahr meine eigenen CDs an, und da entdeckt man doch immer wieder Punkte, an denen man noch arbeiten muss. Das sind oft ganz grundlegende Sa­chen. Zum Beispiel, wie bilde ich einen Akkord ab? Wie gestalte ich eine Melo­die? Wie vermittle ich eine rhythmische Struktur?“ Grund­lagenarbeit also. Her­bert Schuch, der auch Geige gelernt hat, sieht sich noch lange nicht als fertigen Pianisten. Er spricht mit warmer, gesetzter Stim­me. „Dieser Lernprozess ist vielleicht bei Pianisten etwas langwieriger, denn wir müssen ja erst ein Gefühl für die Ver­tikale entwickeln. Das Problem hat man bei Melo­die­instrumenten nicht.“

Es ist schwierig, Herbert Schuch auf ein Alter zu schätzen mit dem jugendlichen Shirt unter dem schmal geschnittenen Sakko, dem roten Armband und dem grau melierten Sechstagebart. Er ist 33 Jahre alt. 1988, ein Jahr vor der Wende und der Absetzung der kommunistischen  Ceaucescu-Diktatur, siedelte er mit seiner Familie von Rumänien nach Deutsch­land über. Mit zwölf kam er in die Klasse von Karl-Heinz Kämmerling am Salz­burger Mozarteum, dem bedeutenden Klavierpädagogen. In diesem Sommer ist Karl-Heinz Kämmerling gestorben. „Er war für mich natürlich eine prägende Gestalt. Kämmerling hat mir beigebracht, dass Töne nicht nur singen, sondern auch sprechen sollten, Klangrede, wenn du so willst. Da ist Über­zeu­gungs­kraft gefragt.“ Jetzt nimmt Herbert Schuch bei Alfred Bren­del Unterricht. Wie die meisten Intel­lek­tuellen hat er eine Vorliebe für die ältere Generation. „Arbeiten wir uns nicht im Grunde immer noch an dieser Gene­ration ab?“ – die Frage klingt eher wie eine Fest­stellung. „Gün­ther Grass – wie auch immer man zu ihm steht –, Helmut Schmidt, Alfred Brendel. Diese Generation 80 plus ist gerade für uns Jüngere faszinierend, da haben wir die Essenz eines kompletten Lebens.“ Man möchte ihm Recht geben, weitere Namen in den Ring werfen wie Umber­to Eco, Nikolaus Harnoncourt, Pierre Boulez, Helmut Lachenmann. 2008 hat Schuch die „Schubert-Varia­tionen“ von Lachenmann eingespielt, ein Jahr später die „Drei Nachtstücke“ von Heinz Hol­li­ger. Der ist allerdings erst 73. Man ahnt: Herbert Schuch ist nicht der Typ, der sich etwas in den Kopf setzt und es gegen seine Lehrer verteidigt. Er ist ein Zuhörer, sucht nach der Erfahrung derer, die er bewundert, nimmt so viel wie mög­lich davon in sich auf. Ob ihn die dezidierte Meinung, der erhobene Zeigefinger eines Alfred Bren­del auch manchmal nervt? Schuch lächelt. „Wenn ich zum Berg Si­nai wandere und die zehn Gebote empfange, will ich darüber nicht diskutieren – das heißt aber nicht, von Brendel alles automatisch zu übernehmen, sondern es erst einmal wirken zu lassen.“

Den Lernprozess, den Herbert Schuch auf diese Weise und wohl auch dank einem spürbar hohen Maß an Selbst­re­fle­xion in den letzten Jahren zurückgelegt hat, veranschaulicht er, indem er die Fin­ger­kup­pen aufeinanderlegt. „Das ist wie ein Brennglas – von unendlich vielen Mög­lich­keiten muss man sich auf einen Punkt konzentrieren. Vieles fällt dann zwar weg, aber in der Beschrän­kung, im Detail eröffnen sich unendlich viele neue Mög­lich­keiten.“ Bei den letzten Worten legt er die Handballen aufeinander und hält die Hände im spitzen Winkel. Mit Beschränkung meint Schuch wohl auch eine Fokussierung des Reper­toires auf mitteleuropäische Musik der Klassik und Frühromantik sowie des 20. Jahr­hun­derts. Das rein Virtuose scheint er zu meiden. Nicht aus Scheu vor der technischen Herausforderung, sondern aus Qualitätsbewusstsein: „Je schwie­riger es ist, den Charakter einer Musik zu treffen, desto interessanter ist die Musik. Mit den Klavierkonzerten Mozarts oder den Beethoven-Sonaten ist man nie fertig, deswegen ist diese Musik für mich auch am spannendsten.“ Zu Hause, vielleicht hatte Brendel da seine Finger im Spiel, übt Herbert Schuch deswegen gerade „heimlich“ sämtliche Schubert-Sonaten. „In den nächsten Jah­­ren wird es einen starken Schu­bert-Schwerpunkt geben.“ Die Wal­zer und zwei Sonaten hat er bei Oehms bereits eingespielt, für die Jahre 2013 und 2014 ist ein sechsteiliger Schubert-Janácek-Zyklus geplant.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Dezember 2012