Unerhört

Kaum ein Komponist scheint uns näher als Bach. Seine ineinanderfließenden Linien springen uns an, wo immer wir sie vernehmen; beinahe sind sie zum Alleinstellungsmerkmal des Barockkomponisten geworden. Und doch gibt es Unbekannteres: Bachs Lautenwerk zum Beispiel. Stephan Stiens hat sich mit seiner Gitarre in eine kleine Basilika zurückgezogen, um die Suiten samt Präludien und Fugen einzuspielen. Tatsächlich hat man als Hörer das Gefühl, in einer der Kirchenbänke Platz genommen zu haben. Die sprechende Akustik hatte für Stiens Gründe: »Die Gitarre ist ein extrem empfindliches und, wie wohl kaum ein anderes, von der Akustik abhängiges Instrument. Und der Schluss der Sarabande aus der Suite e-Moll, solch einen dramatischen Bogen kann man in keinem Tonstudio erreichen.«

Aber das Projekt hatte Tücken. So ist die Quellenlage schwierig, es existieren fehlerhafte Abschriften. Und: »Das größte Problem stellte die Suite d-Moll dar, von den meisten Gitarristen der Spielbarkeit wegen in a-Moll gespielt, aber dadurch mit vielen satztechnischen Fehlern behaftet. Und so nicht vertretbar. Erst diese, allerdings hochkomplexe Fassung gibt wohl den Komponistenwillen wieder, und so wurde der gesamte Zyklus eigentlich erst ermöglicht.« So präsentiert Stiens die Suiten gitarristisch als wunderbar homogenes Band aneinandergefügter Werke. Tänzerisches lässt erahnen, wie kurzweilig die Stücke gemeint waren, und doch vergaß Bach nie seine Formenstrenge. Es braucht einen Interpreten wie Stiens, um diesen widersprüchlichen Ziehkräften gleichermaßen Raum zu geben. Immer bleibt er Bachs Gestus auf der Spur. Transparent durchscheinend oder mit kräftig leuchtendem Ton zelebriert er eine Musik, die uns hier neu entgegenwächst.

Tilman Urbach