Sturm und Drang

Der 17-jährige Yojo Christen stammt aus Oberbayern und nahm bereits mit 15 ein hoch gelobtes Album mit Sonaten von Haydn, Mozart, Beethoven und originellen Eigenkompositionen auf. Nun hat er sich Beethovens »Pathétique« und Liszts ge ­wal ­tige h-Moll-Sonate vorgenommen.

Das »Allegro con Brio« der »Pathétique« nimmt Yojo ausgesprochen stürmisch und leidenschaftlich, als wäre diese Sonate bereits ein Vorbote der »Appassionata«. Das ziemt sich nicht beim frühen Beethoven, mag die »Stilpolizei« einwenden, doch mich überzeugt diese juvenile »Sturm und Drang«-Deutung mehr als so manche »klassisch gemäßigten« Interpretationen von Beethovens Frühwerken, die über den Status gepflegter Langeweile nicht hinauskommen.   Im berühmten »Adagio cantabile« dürfte die Oberstimme noch ein wenig mehr strahlen und sich   klanglich klarer von den Begleit-Sechzehnteln abheben, das Rondo wiederum gelingt Yojo hervorragend. Er spielt es sehr rasch, von innerer Getriebenheit erfüllt, und die Forte-Akkorde kraftvoll und schroff.

Liszts h-Moll-Sonate bewältigt er mit drängender Virtuosität und originellen Detaillösungen. Zwar erreicht er im Fugato-Teil nicht ganz die Transparenz und Durchhörbarkeit des russischen Nachwuchsstars Daniil Trifonov, aber Yojo ist ja auch ein paar Jahre jünger. Dass er auch Spaß am Improvisatorischen hat, zeigt seine Umsetzung der graphischen Partituren Klaus Caspers, die bisweilen ein wenig nach Messiaen klingen. Fazit: Auch auf seiner zweiten CD zeigt sich Yojo Christen als ein Pianist von hohem handwerklichen Können und mit mehr strukturellem Verständnis und   Persönlichkeit als so mancher mit massivem Marketing-Aufwand gepuschter junger »Starpianist«.

Mario-Felix Vogt