Kein Selbstzweck

Bei Liedanthologien stellt sich immer das Problem des Auswahlkriteriums, zumal wenn in den ursprünglichen Publikationen kein thematisches oder musikalisches Prinzip zu erkennen ist. Julian Podger hat sich dafür entschieden, 21 Lauten- und Consortlieder von Dowland, Byrd, Johnson, Campion und Ford mit sechs Instrumentalstücken so zu gruppieren, dass ein Prolog und sieben Bilder entstehen: »Der Held entdeckt die Liebe, dann kommt sie ihm abhanden; er verliert sich selbst, dann findet er sich wieder und damit zum Happy-End.« Das Ergebnis kann überzeugen, weil Podger in seiner Dramaturgie sehr umsichtig vorgeht, die einzelnen Stücke nicht widersinnig umfunktioniert und seine konzeptionelle Idee nicht überstrapaziert. Recht originell ist sein Einfall, einige Lieder aus der Ferne erklingen zu lassen, gewissermaßen als Motto oder Reflex. Auch dieses Stilmittel wird behutsam eingesetzt und geht einem auch bei mehrmaligem Hören nicht auf die Nerven.

Dynamisch braucht der Tenor sich in diesem Repertoire nicht anzustrengen. Dementsprechend unaufwendig wirkt seine Gesangstechnik, seine Stimme klingt sehr natürlich, aber nie kunstlos, seine Gestaltung erwächst aus dem Innern von Text und Musik. Was Podgers Vortrag so sympathisch, aber auch so berührend macht, ist, dass der Sänger nicht in seine Stimme verliebt zu sein scheint, sondern sie als Mittel zum Zweck begreift – er hat wirklich etwas mitzuteilen. Dies gilt auch für Lee Santana (Laute) und Sirius Viols unter Leitung von Hille Perl, die subtil, delikat und eindringlich wie immer agieren, hier aber auf manche Marotten verzichten, über die sich bei manchen ihrer früheren Aufnahmen bisweilen streiten ließe. Kurzum: Sehr zu empfehlen!

Matthias Hengelbrock