Ulrich Tukur

„Ich singe, wie ich singe“

Den Schauspieler Ulrich Tukur braucht man nicht vorzustellen – und auch als Musiker hat er sich seinen Weg zum Ruhm gebahnt. Mit seiner Tanzkapelle, den Rhythmus Boys, hat er soeben ein neues Album herausgebracht, die nächste Tour steht vor der Tür. Stephan Schwarz hatte das Glück, ihn vorher noch einmal in Hamburg zu sprechen.

Foto: Katharina John/PR
Foto: Katharina John/PR

Hamburg im Regen – aber wie. Es ist Anfang Juli, und man muss beinahe fürchten, vom nasskalten Trommelfeuer, das ein griesgrämiger Himmel auf einen niederprasseln lässt, erschlagen zu werden. Ein Glück für Ulrich Tukur, dass er an große Wassermengen gewöhnt ist. In seiner Wahlheimat Venedig ist der Schauspieler, Sänger, Schriftsteller, Allroundmensch davon umgeben. „Nur“, sagt er, „da kommt das Wasser von unten und nicht von oben.“ Der Regen ist nicht die einzige Plage, die ihn dieser Tage ereilt hat. Gerade eben hat Ulrich Tukur ein anstrengendes Fotoshooting hinter sich gebracht, weitere Pressetermine stehen noch an, es gibt anscheinend Probleme mit seinem Handyvertrag (zumindest schimpft er darüber, als er zur Tür hereinkommt), und als würde all dies nicht reichen, musste er am Vortag eine Wurzelresektion über sich ergehen lassen. „Ich bin vollgepumpt bis oben hin mit Medikamenten“, sagt er, als müsste er sich dafür entschuldigen. Schlechte Bedingungen für ein Interview? Von wegen, scheint es bei Ulrich Tukur nicht zu geben: Hier sitzt ein aufmerksamer, hellwacher, eloquenter und charmanter Gesprächspartner – nur eines scheint er zu Hause vergessen zu haben …

Herr Tukur, sind Sie sicher, dass Sie alles dabei haben?
Was? Wieso? Fehlt was?

Ich habe gehört, Sie haben auf Reisen immer ihr Akkordeon mit …
Ach so, das meinen Sie. Ich habe sogar zwei im Auto. Warten Sie, ich hole sie eben schnell.

Gehen Sie bloß nicht zurück in diesen Regen! Auch wenn es mich interessieren würde, welches Akkordeon Sie derzeit spielen …
Ich besitze insgesamt acht Stück, habe aber immer ein Lieblingsinstrument. Im Augenblick ist es ein Spezialbau der Firma Borsini, eines kleinen, sehr feinen und würdevollen Familienunternehmens aus dem Städtchen Castelfidardo bei Ancona. Die Brüder Borsini – heute 84, 86 und 88 Jahre alt – haben mir ein Instrument ganz nach meinen Vorstellungen gebaut. Es sollte leicht und schick sein und eine bestimme Klangfarbe haben. Ein sehr bühnentaugliches Instrument. Dann besitze ich noch ein altes Giulietti-Akkordeon, eine echte Schönheit, Art déco mit Perlmutttasten und hervorragendem Klang, das mir vor 25 Jahren mal in die Hände gefallen ist – nur leider mit einem schwindsüchtigen Bass. Vor einem Jahr habe ich den Akkordeonisten Hartmut Saam kennengelernt, der gleichzeitig ein hervorragender Instrumentenbauer ist. Der hat meiner Giulietti einen tiefen, fetten, orchestralen Bass aus den 60er-Jahren eingebaut, und jetzt ist sie richtig umwerfend. Sie ist nur leider riesengroß.

Als Sie damals für Ihre erste Filmrolle engagiert werden sollten, sollen Sie ebenfalls mit Akkordeonspielen und Musikmachen beschäftig gewesen sein. Stimmt das, oder ist es eine Legende?
Ja, das stimmt. Die Rolle war die des Willy Graf im Film „Die Weiße Rose“, den Michael Verhoeven drehen wollte. An dem Tag im Jahre 1980, als Verhoeven die Schauspielschule besuchte, um im Jahrgang über mir nach passenden, jungen Schauspielern zu suchen, war ich zwar da. Ich saß am Eingang der Schulbühne und kontrollierte die Eintrittskarten der Besucher, die das Abschlussstück des letzten Jahrgangs sehen wollten. Als die Anfrage aber kam – er hatte mich gesehen und die physiognomische Übereinstimmung mit Willy Graf für so schlagend befunden, dass er unbedingt wissen wollte, wer denn dieser junge Schauspieler mit den blonden Haaren gewesen sei, der da am Eingang gesessen habe – war ich verschwunden. Ich machte Straßenmusik auf einem Straßenfest in Backnang, mit meiner Tübinger Band, mit der ich es damals schon zu lokaler Berühmtheit gebracht hatte. Hätte ich mir noch eine längere Auszeit von der Schule gegönnt und Verhoeven mich nicht mehr rechtzeitig erreicht, wer weiß, vielleicht wäre mein Leben ganz anders verlaufen.

Hätten Sie sich damals vorstellen können, auch eine rein musikalische Karriere anzustreben?
Ich habe darüber nicht nachgedacht. Ich liebte die Musik. Ich brauchte sie auch, um mein Studium zu finanzieren, habe mir das Akkordeon-Spielen beigebracht und meine erste Band gegründet. Doch dann geriet ich eines Tages zufällig in die „Dreigroschenoper“-Aufführung des Tübinger Zimmertheaters und war vollkommen elektrisiert. So bin ich sehr schnell in der Welt des Theaters verschwunden. Die Option einer Musikerlaufbahn hatte sich somit erledigt, obwohl sich Musik und Theater in den folgenden Jahren immer wieder miteinander vermischten.

Nun gibt es für Sie ja beides, die Schauspielerei und die Musik. Sind das Teile eines Künstlerlebens, oder gibt es zwei verschiedene Künstler, den Schauspieler Ulrich Tukur und den Musiker Ulrich Tukur?
Alles ist miteinander verbunden. Musik hat immer mit Theater zu tun; sie sind wesensverwandt, und das Theaterspiel ist immer eine sehr musikalische Angelegenheit. Wenn Sie also von der Musik herkommen, besitzen Sie ein besseres Sprach- und Rhythmusgefühl. Bei mir kommt dann noch als dritte Disziplin das Schreiben hinzu. Das mache ich seit ein paar Jahren. Alles drei für mich wunderbare Möglichkeiten, dieses sonderbare Leben abzubilden.  

Wie sind Sie damals musikalisch sozialisiert worden in Ihrem Elternhaus?
Ich stamme aus einer Familie, die großen Wert auf Tradition legte, auf unsere deutsche Tradition, und dazu gehörte natürlich auch Hausmusik. Ich wurde ans Klavier getrieben wie meine beiden Geschwister auch. Irgendwann aber haben mich Clementi und Czerny derart genervt, dass ich kurz davor war abzuspringen. Doch dann habe ich auf einmal, es muss so Mitte der 60er-Jahre gewesen sein, die Jazzmusik für mich entdeckt. 1971 wurde ich konfirmiert und bekam von einer alten Tante Schellack-Platten geschenkt. Alles leichte Muse, Tanzmusik und Jazz aus den 30er-Jahren auf 78er-Schallplatten, die kein Mensch mehr hörte. Außer mir. Und ich wollte so spielen lernen wie diese Leute auf den Platten, wie Fats Waller am Klavier, oder so singen wie Rudi Schuricke in den Vorkriegsjahren. Ich habe es dann versucht. Es ist mir nicht ganz gelungen, hat aber viel Spaß gemacht.  

Nach dem Klavier kam das Akkordeon und danach die Rhythmus Boys. Wie kam es damals zur Gründung dieser Truppe?
Der Anfang war ein Tucholsky-Seminar an der Tübinger Universität. Das hatte ich mit Uli Mayer besucht, meinem heutigen Gitarristen, und wir hatten einfach keine Lust, uns nur theoretisch an diesem großartigen Schriftsteller abzuarbeiten. Also haben wir uns fünf Tucholsky-Chansons ausgesucht, um sie im Seminar zum Besten zu geben. Ich sagte damals zu Uli: „Uli, vergiss dein Klavier und lern Gitarre, damit gehen wir dann auf den Marktplatz.“ Ich habe mir für  60 Mark ein gebrauchtes Hohner-„Student“-Akkordeon gekauft und mir das Spielen in drei Wochen beigebracht – also so, dass es gerade ging –, und Uli schraddelte auf seiner Gitarre herum. Das waren die Preliminarien. Wir sind dann tatsächlich auf dem Tübinger Marktplatz aufgetreten,
im berühmten Jazzkeller, irgendwann gesellte sich ein waschechter Reichsgraf dazu (mit starker Affinität zum Alkohol), der eine Art Büchsenbass spielte, bald darauf ein misanthropischer Geiger mit mäßigem Strich. Es war besser als jede Schauspielschule: auf dem Marktplatz zu stehen, mit den Menschen zu reden, sie zu unterhalten und mit Liedern zu verzaubern, die fast vergessen waren.  

Ulrich Tukur und seine Rhythmus Boys – die demokratischste Tanzkapelle der Welt. Foto: Katharina John/PR
Ulrich Tukur und seine Rhythmus Boys – die demokratischste Tanzkapelle der Welt. Foto: Katharina John/PR

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2014