Essay

Die Musen der Musiker

In der antiken Mythologie war die Muse die Schutzgöttin der Künste. In der Musikgeschichte besaß sie zahllose Aufgaben – sie war Beraterin, Zugehfrau, lebende Inspiration, Verschworene. Manche Komponisten wie Beethoven oder Janácek wären ohne ihre ferne Geliebte womöglich eingegangen. Heutzutage überwiegen pragmatische Partnerschaften. Von Wolfram Goertz.

Apfelsaft und Seezungen: Damit ihr geliebter Vladimir während Konzertreisen keinen Mangel an seinen Lieblingsspeisen leiden musste, kümmerte sich seine Gattin Wanda persönlich um alles. Vermutlich wäre er ohne sie retttungslos verloren gewesen. Foto: FF-Archiv

Erinnert sich noch jemand an Amanda Lear? Jene geschlechtlich nicht genau zu erfassende Lady, die in den 70er-Jahren mit schwarzen Catsuits, einer Stimme wie aus dem Rauchfang und mulmigen Disco-Songs pubertäre Gelüste bediente? Ihre geheimnisumwobene Transsexualität war der Kitzel, den der spanische Maler Salvador Dalí brauchte, um die PR-Maschine um seine Bilder mit ihren brennenden Giraffen und gekochten Bohnen zu befeuern. Das Verruchte der seltsamen Lady, Dalís Muse, war im Surrealismus-Haushalt des schrägen Künstlers ein weiterer Mehrkomponenten-Kleber. Alles sehr sonderbar!

Der Künstler und seine Muse – dies ist ein Themenfeld, das die Fachliteratur noch nicht hinreichend beackert hat. Eher scheinen diese Duos und Duette ins Fach des Boulevards und zur leichten Muse zu zählen. Berüchtigt sind jene Exzesse, in denen alkoholisierte und vollgedröhnte Rockbarden luxuriöse Hotelsuiten verwüstet und zuvor ein paar Groupies zur Mitternacht verspeist haben. Diese Zusammenkünfte zwischen Männlein und Weiblein im Angesicht der Kunst gebären auch heute noch regelmäßig Schlagzeilen, wenn vorzeitig verlebte Schlagzeuger, an denen kein Fetzen untätowierte Haut mehr zu finden ist, hinfällige Hollywood-Püppchen ehelichen und schon drei Wochen später den Scheidungsanwalt konsultieren müssen – weil die Damen es nicht ausgehalten haben.

In der Klassik ist das natürlich anders. Der nach einem Schumann-Liszt-Klavierabend randalierende Großpianist in Begleitung einer weiblichen Textilsparmaßnahme ist bislang nicht aktenkundig geworden. Natürlich hat es solche Fälle gegeben, sie fanden nur nicht den Weg in die Zeitungen. Zu früheren Zeiten war der Berufsstand des Paparazzo noch nicht erfunden. Es gab auch keine Revolverblätter, denen Hotelportiers, die ihr Taschengeld aufbessern wollten, Pikanterien aus dem Nachtleben der Stars ausflüsterten. Franz Liszt oder Niccolò Paganini als Hexenmeister mit erst schmachtenden, dann komatösen Zuhörerinnen wären perfekte Lieferanten gewesen.

Trotzdem haben sich auch in früheren Jahrhunderten viele Kunstschaffende einer Muse versichert. Die genauen Beziehungsgeflechte und auch die Vorteile, die ein Künstler aus der Gegenwart einer Muse schlägt, sind nicht genau zu ermessen, denn ihr Berufsbild und ihr Anforderungskatalog sind unklar. Ist sie eine kapriziöse Nymphe, die beizeiten mit waffenscheinpflichtiger Garderobe an die Seite des Meisters tritt? Ist sie eine Briefpartnerin, die in unendlicher Geduld monatelange Schweigephasen des Genius erträgt? Ist sie eine zarte Beraterin, eine gebildete Einflüsterin, die im entscheidenden Moment raunt: „Lies mal, was Goethe dazu im ,West-östlichen Divan‘ schreibt!“ Ist sie die Dulderin, an deren Seite das Genie, zu dem sie aufschaut, jede Eskapade erlaubt bekommt? Ist sie der paramilitärische Abschirmdienst (wie Eliette von Karajan), der dem Maestro die Bewunderer vom Leib hält? Oder ist sie die Verbindung von Buchhaltung und Bügelkompetenz und somit zuständig für die lebenspraktische Ordnung im Chaos des Kunstschaffenden? Jedenfalls sind manche Musiker von ihrer eigenen Kunstausübung dermaßen absorbiert, dass normale Beziehungen nur unter erhöhter Opferbereitschaft der Partner möglich sind.

Schauen wir in die Musikgeschichte, so begegnet uns ein überaus schillerndes Panoptikum, aus dem sich überhaupt keine Generallinie abzeichnet, wer eine Muse ist und was sie tut. Können wir uns Beethoven anders vorstellen als im Zustand der verschrobenen Einsamkeit, in der die „ferne Geliebte“ vermutlich die perfekte Projektionsfläche war? Wollen wir uns Beethoven wirklich bürgerlich verheiratet vorstellen? Beethoven brauchte vielleicht sogar das Aufbegehren, die Negation, die Entsagung. Ein Prometheus, dem das Leben und die Liebe nicht in die Eingeweide hacken, sondern der um 18 Uhr von Josephine Brunsvik (der vermuteten heimlichen Geliebten) das Abendessen und morgens ein Kipferl serviert bekommt, wäre für visionäre musikalische Konzepte vermutlich nicht zu gebrauchen. Oder doch?

Heimlichkeit und Unerfülltheit sind manchmal wichtige Faktoren im Verhältnis der Komponisten zu ihren weiblichen Inspirationsbrünnlein. Das Verbotene seiner Liebesbeziehung zu Gräfin Brunsvik war für Beethoven möglicherweise das Impulsfeuer einer produktiven Unruhe. Der junge Johannes Brahms dürfte ähnlich gefühlt haben, obgleich uns zur genauen Beurteilung seiner Dreiecksbeziehung mit Clara und Robert Schumann entscheidende Fakten fehlen. Clara kommt in dieser Menage à trois die Funktion der Doppelmuse zu, wobei Brahms die weibliche Inspiration deutlich herzlicher (und natürlich verliebter) akzeptierte als Robert Schumann. Der sehnte sich schon früh nach einem „kleinen, warmen Nest“. Für Clara wollte er es zum Käfig ausbauen. In einem Brief schrieb er ihr im Juni 1839: „Erreiche ich nur das, dass Du gar nichts mehr mit der Öffentlichkeit zu tun hättest, wäre mein innigster Wunsch erreicht. Das bisschen Ruhm auf dem Lumpenpapier, was Dein Vater als höchstes Glück auf der Welt betrachtet, verachte ich.“

Manche Fachleute sagen, Schumann sei als Komponist nie besser, einfallsreicher, phantastischer gewesen als in der Zeit des Entbehrens, Wartens, Werbens, Ringens, also in den späten 1830er-Jahren. Für das Produktionsniveau mancher Komponisten war die Unerreichbarkeit der Nebenfrau möglicherweise ein entscheidender Vorteil. Leos Janácek traf man im Leben und in seinen Briefen oft in „fiebriger Unrast“ an. Deren Ursache hatte einen Namen: Kamila Stösslová, seine langjährige platonische, doch obsessiv umworbene Muse. Sie war eine Reibfläche, an der er mit verzweifelter Inbrunst das Feuer seiner Musik entzündete. Der nicht sonderlich glücklich verheiratete Janácek brachte dann den bitteren Realismus nicht grundlos in die Oper – in jeder seiner Frauengestalten, so verraten seine Briefe, spukte Kamila. Unter ihrem Zauber aus der Ferne entwickelte „auf ewig Dein L.“ die Kraft lakonischer Poesie. Es sei ein Unglück, wenn eine Frau einen Mann heirate, den sie nicht liebe: „Das sind Handschellen, die einschneiden, selbst wenn sie stumpf sind.“

Auch der große Alban Berg hat einer Geliebten musikalisch nachgeweint. „Denn wisse: ich bin seit diesem größten Ereignis nicht mehr ich. Ich bin ein in stetem Herzklopfen dahintorkelnder Wahnsinniger geworden“: Diese Zeilen, die eine schöne Gefühlsübersteigerung formulieren, sind aber keineswegs an die Gattin Helene adressiert – beide hatte Theodor W. Adorno zum „Hohen Paar“ stilisiert –, sondern an die Geliebte Hanna Fuchs, die Schwester Franz Werfels. In seiner „Lyrischen Suite“ für Streichquartett verewigte Berg die heimliche Affäre, indem er seine Initialen und diejenigen seiner Geliebten in musikalische Form brachte.

Heiße und innige Liebe: Leos Janácek und Kamila Stösslova. Von ihren Ehepartnern ließen sie sich dabei nicht irritieren. Foto: Archiv

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2015