Cleveland

„Wenn wir nicht kreativ sind, haben wir keine Chance“

Cleveland beherbergt eines der erfolgreichsten und interessantesten Orchester der USA. Mit Kreativität und persönlichem Einsatz bemüht man sich dort um das Erschließen neuer Publikumsschichten – mit Erfolg. Jakob Buhre war vor Ort, schaute den Musikern bei der Arbeit zu und unterhielt sich mit dem Chefdirigenten Franz Welser-Möst.

Seit 2002 leitet Franz Welser-Möst das Cleveland Orchestra. Mit Projekten wie der halbszenischen Aufführung von Janáčeks „Schlauem Füchslein“ betreten die Musiker neue Pfade. Foto: Roger Mastroianni/PR
Seit 2002 leitet Franz Welser-Möst das Cleveland Orchestra. Mit Projekten wie der halbszenischen Aufführung von Janáčeks „Schlauem Füchslein“ betreten die Musiker neue Pfade. Foto: Roger Mastroianni/PR

Der Vosh Nightclub am Riverside Drive ist prall gefüllt. In dem gemütlichen Kneipenrestaurant treten normalerweise Rock- und Jazzbands auf, es gibt Comedy-Nights und eine Happy Hour für günstige Cocktails – auf den ersten Blick kein Ort für klassische Musik. Doch an diesem Freitagabend sitzen Isabel Trautwein (Geige), Tanya Ell (Cello) und Carolyn Gadiel Warner (Klavier) auf der Bühne und spielen Trios von Brahms, Schubert und Mendelssohn. Wir befinden uns in Lakewood, Ohio, vier Meilen westlich von Cleveland, ein ansehnlicher Vorort mit 50.000 Einwohnern und idyllisch-grünen Straßenzügen. Die drei Mitglieder des Cleveland Orchestra sind innerhalb einer „Neighborhood-Residency“ gekommen, einem Programm, mit dem der Kontakt zu den umliegenden Gemeinden gepflegt wird, der Eintritt ist frei.

Hinter dem Tresen surren die Kühlschränke, klimpert Geschirr, auf großen TV-Bildschirmen flimmert Fox News stummgeschaltet vor sich hin. Ein paar Gäste plauschen, die meisten jedoch blicken gebannt zur Bühne und spenden nach jedem Satz frenetisch Beifall. Isabel Trautwein, wie ihre Kolleginnen im T-Shirt, gibt kurze humorvolle Werkeinführungen, vor allem aber lädt sie die Zuhörer ein, doch mal wieder die Severence Hall zu besuchen, in der das Cleveland Orchestra beheimatet ist.

Sie rührt die Werbetrommel ebenso, als keine zwei Stunden später noch ein Quartett-Auftritt im „Mahall’s“ ansteht, einer Bowling-Bahn im Stil der 60er-Jahre. Auch hier herrscht eine ungezwungene Atmosphäre, es riecht nach Popcorn, Burger werden durchgereicht, während die vier Musikerinnen Werke von Bartók, Bach und den Beatles kombinieren und bei einem Klassik-Quiz Karten für das nächste Sinfonie-Konzert unter das bunt gemischte Publikum bringen.

„Ich hoffe, dass die Leute hier heute einen persönlichen Bezug zu uns Musikern bekommen haben und dass es hilft, bei den Orchesterkonzerten den Saal besser zu füllen“, sagt Isabel Trautwein, als sie sich nach der letzten Zugabe ein Glas Bier gönnt. Die Tochter deutscher Eltern war während ihres Studiums an der Musikhochschule Lübeck Gründungsmitglied des Artemis-Quartetts, im Cleveland Orchestra spielt sie seit dem Jahr 2002. „Die Clevelander sind extrem stolz auf dieses Orchester. Es ist ja das einzige Team der Stadt, das richtig internationalen Rang hat. Und das obwohl Cleveland eine relative Kleinstadt ist, die kleinste in den USA mit einem so großen Orchester.“

Knapp 400.000 Menschen leben heute in der am großen Eriesee gelegenen Stadt – weit weniger als noch zu Boom-Zeiten: In den „Roaring Twenties“ war Cleveland mit 900.000 Einwohnern zwischenzeitlich die fünftgrößte Metropole der USA. Insbesondere die Automobilindustrie hatte für einen Aufschwung gesorgt, der auch die Kultur beflügelte. Das 1918 gegründete Cleveland Orchestra gewann schnell an Bedeutung, wurde eines der sogenannten „Big Five“ (neben New York Philharmonic, Boston Symphony, Chicago Symphony und dem Philadelphia Orchestra) und stieg auch international in die erste Liga auf, insbesondere in der Ära unter George Szell von 1946 bis 1970. Als dann in den 60er-Jahren die Industrie einen großen Einbruch erlebte, verlor zwar die Stadt an Bedeutung, nicht jedoch das Orchester.

Dessen Qualität ist weltweit bekannt. Wobei es – nicht zuletzt aus deutscher Perspektive – erfrischend ist, zu beobachten, wie das Orchester jenseits der internationalen Erfolge auf lokaler Ebene funktioniert. Wo Private Sponsorship eine wesentliche Rolle spielt und wo die Musiker aktiv an der Zukunft des Orchesters mitarbeiten. Zum Beispiel Alexandra Preucil, stellvertretende Konzertmeisterin (engl.: assistant concert master) und der Cellist David Alan Herrell. Am Samstagmorgen stehen sie mit ihren Instrumenten vor gut 40 Kindern und deren Eltern in einem türkisch-amerikanischen Kulturzentrum. „Was ist ein Duett?“, fragt Preucil in die neugierige Menge, kurz darauf erklärt sie den Zusammenhang zwischen Tonhöhe und Instrumentengröße, bevor sie mit ihrem Kollegen einen Tanz von Bartók anstimmt. Später spielt Herrell ein Thema aus dem „Harry Potter“-Sound-track und lässt die Kleinen die Melodie erraten. „Musical Rainbows“ heißt dieses – ebenfalls kostenlose – Programm, bei dem die Jüngsten mit der Welt der klassischen Musik vertraut gemacht werden. Es ist eine von vielen sogenannten „Outreach“-Aktivitäten des Orchesters und ein kleiner Versuch des Gegensteuerns, dort, wo der amerikanische Staat Musikerziehung nicht mehr leistet.

„In den USA wurden sehr viele Schulprogramme gekürzt, wodurch eine Generationslücke entstanden ist“, erklärt Ross Binnie, beim CO verantwortlich für den Bereich Marketing. Und diese Lücke ist für das Orchester mittlerweile spürbar geworden. „Vor 30 Jahren haben wir die Konzerte durch Abos ausverkauft, über Outreach mussten wir uns gar keine Gedanken machen. Doch mit der Zeit erodierte das, und diejenigen, die in der Schule keinen Musikunterricht hatten, füllten nicht mehr die Ränge.“ Das Orchester suchte nach Auswegen und rief schließlich 2010 das „Center for Future Audiences“ ins Leben, welches vor allem unter 18-Jährige und Studenten in Cleveland und Umgebung ins Visier genommen hat. Ausgestattet ist das Center mit einem Budget von 20 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Der Jahresetat des CO lag 2013 bei 48,2 Millionen US-Dollar.

Das Orchester verstärkte seine Internetaktivitäten deutlich, man baute an den Universitäten ein Netzwerk studentischer Botschafter auf und schuf diverse Möglichkeiten für günstige und kostenlose Konzerttickets. Erste Erfolge zeichnen sich bereits ab, in der vergangenen Saison zählte man rund 40.000 Besucher aus der anvisierten Zielgruppe, berichtet Ross Binnie stolz. Flankiert wird das Engagement von einem ohnehin schon sehr breiten Angebot des Cleveland Orchestra, das von Schüler- und Familienkonzerten über Kinderchor und Jugendorchester, wöchentlichen „Music Study Groups“, einer „Meet the Artist“-Reihe hin zu den Nachbarschaftsprogrammen und den Sommerkonzerten im Blossom Music Centre reicht, der Open-Air-Spielstätte des Orchesters. Einige dieser Aktivitäten gehen bis in das Gründungsjahr 1918 zurück. Und sie alle scheinen ein Schlüssel zu sein zu der breiten Unterstützung, die dem Orchester vonseiten der Bürger Clevelands widerfährt.

Die Severence Hall ist Heimstätte des Cleveland Orchestra. Hier fand auch die Aufführung des „Schlauen Füchslein“ statt, in einer hinreißenden, halb animierten Inszenierung von Yuval Sharon. Foto: PR
Die Severence Hall ist Heimstätte des Cleveland Orchestra. Hier fand auch die Aufführung des „Schlauen Füchslein“ statt, in einer hinreißenden, halb animierten Inszenierung von Yuval Sharon. Foto: PR

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe September 2014