Der Beifall

Applaus, Applaus!

Der Beifall ist das Brot des Künstlers, heißt es. Tatsächlich bezeugt er den Dank der Gemeinde, die zwei Stunden lang im Konzertsaal zur Stille verdonnert war. Trotzdem würde mancher Musiker auf Applaus mitunter gern verzichten. Wolfram Goertz unternimmt eine kleine, lehrsame Reise in die Kulturgeschichte des Klatschens.

Es sind magische Momente, wenn sich die Anspannung löst – bei Publikum wie Künstler – und der Applaus den Interpreten umbrandet, wie hier Maria Callas bei einem ihrer zahlreichen Solovorhänge. Foto: Archiv
Es sind magische Momente, wenn sich die Anspannung löst – bei Publikum wie Künstler – und der Applaus den Interpreten umbrandet, wie hier Maria Callas bei einem ihrer zahlreichen Solovorhänge. Foto: Archiv

Jeder von uns erinnert sich jener befreienden, doch auch leicht peinlichen Momente, da er in einem Ferienflieger nach Ibiza saß und nach der Landung viele Passagiere vor allem weiblichen Geschlechts klatschen hörte. Während schabrackenhafte Flugbegleiterinnen diese angeblich naiven Emotionsausbrüche still belächelten, wurden sie von den typischen Vielfliegern kalt ignoriert, jenem Menschenschlag mit ergrauten Koteletten, der auch bei stärksten Turbulenzen noch gelangweilt die Leitartikel der FAZ liest. Heutzutage wird fast nie mehr applaudiert, es sei denn, ein Pilot hat einen Airbus gut durch ein exorbitantes Unwetter gesteuert. Im Nachhinein betrachtet, fand ich das Klatschen im Flugzeug irgendwie schön. Man begab sich in fremde Obhut und bedankte sich hinterher.

Der Applaus im Konzertsaal ist demgegenüber seit Menschengedenken krisensicher. Geklatscht wird immer. Für manche Zuhörer ist das die einzige Möglichkeit ihrer aktiven Beteiligung. Unter Kennern, die zum Sarkasmus neigen, geht die Formel: Je weniger intensiv einer zuhört, desto lauter klatscht er hinterher. Ich weiß nicht, ob die Kenner hiermit Recht haben. Eine weitere Formel sagt: Ovationen im Stehen, gern als „standing ovations“ apostrophiert, sind völlig unbedeutend. Sie entstehen, weil einer aufsteht und der Hintermann ihm folgen muss, weil er nichts mehr sieht. Über gehobene oder gar luxuriöse Qualität sagen sie gar nichts. Auffällig ist immer das Bekenntnishafte, der Demo-Charakter von Leuten, die nach dem letzten Takt eines Klavierabends sogleich aufspringen, als habe sich ihr Sessel plötzlich in eine heiße Herdplatte verwandelt.

Wozu dient der Applaus? Wer spendet ihn warum? Was drückt er aus? Wie aussagekräftig ist er? Die Bochumer „Arbeitsgruppe für sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung“, ein unbekanntes Ensemble kluger Köpfe, hat sich mit dem Applaus beschäftigt. Ihre These: Am besten überhört der Künstler ihn. Beifall besitze keine Belastbarkeit und erst recht keine Relevanz, weil kaum ein Auditorium, so die Bochumer Wirklichkeitsprüfer, Ahnung von Kunst habe. Ihm fehle „der Sachverstand“; es herrsche allein der „unbändige Unterhaltungswunsch“.

Ist diese Behauptung so falsch? Das Publikum jubelt bekanntlich fast nie nach einer Mozart-Sonate, die unter den Händen großer Pianisten gehaltvoll und kristallin tönt, sondern nach der aufreizenden Liszt-Etüde mit ihrem Klingeling. Künstler, die mit effektvollen Stücken starken Jubel ernten, haben ihr Ziel erreicht: am Ende vom Applaus zu Zugaben genötigt zu werden. Dann heißt es in der Kritik am übernächsten Tag: „Für den gigantischen Beifall bedankte sich der Interpret mit...“


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe November 2015