Musiklanddämmerung?

Musiklanddämmerung?

Deutschland ist reich, reich an Kultur, an Orchestern, Chören und Opernhäusern. Doch wir sind dabei, den Reichtum unserer musikalischen Kultur zu verspielen. Aber: Was steht da eigentlich auf dem Spiel? Ein Appell von Holger Noltze.

Sächsische Staatsoper Dresden (Foto: Erwin Döring/Sächsische Staatsoper)
<i>Sächsische Staatsoper Dresden (Foto: Erwin Döring/Sächsische Staatsoper)</i>

Nicht lange ist es her, da kam es in Bonn zu einer De ­monstration, in der vor allem Bürger, die in Sportvereinen engagiert sind, gegen eine ihrer Mei ­nung nach zu Unrecht bevorzugte »Prestigekultur« protestierten. Dazu zählen besonders die klassische Musik und der Auf ­wand, der für sie getrieben wird. Es ist ja wahr: Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Orchester, Chöre, Opernhäuser. Ein außer ­ordentliches Erbe, gegründet auf einer einzigartigen Tradition. Doch der Reichtum ist gefährdet. Die Bonner Aktion machte deutlich: Der Konsens, dass es wichtig ist, musikalische Kultur zu fördern, ein Sinfonieorchester in einer Stadt zu unterhalten, Musik als wesentlichen Teil einer persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zu begreifen, ist brüchig geworden.

Nun war es immer schon verkehrt, den Unterhalt eines Opernhauses gegen den eines Schwimmbads auszuspielen, die KiTa gegen die Musikschule. Neu scheint jedoch der Furor, der die Gegner der Klassik treibt: Was ihnen nicht gefällt, nicht mehr nur zu ignorieren, sondern am liebsten ganz zu streichen. Zu teuer, zu elitär, zu alt, zu nutzlos. Damit lässt sich heute, den allfälligen Sonntagsreden über die Unverzichtbarkeit von Kultur zum Trotz, sogar Kulturpolitik machen.

Auf Seiten der Akteure des Musikbetriebs verbreitet sich ein leises Unbehagen, das durchaus lauter sein könnte, wenn man einmal im Zusammenhang betrachtet, von welchen Seiten dem traditionsreichen Musikland Deutschland Ungemach droht. Das ABC der Probleme reicht von »Akzeptanz« bis »Zuwendungen«, von dem schwindenden Glauben an Wert und Nutzen von Musik, die mehr sein will als Klangtapete, bis zu den klammen Haushaltslagen vor allem der Kommunen, die den Großteil dessen zu schultern haben, was in einer Stadt an klassischer Musik stattfindet. Oder eben nicht. An den Schulen fällt der Musikunterricht massenhaft aus. Die hohen Er ­wartungen in die segensreichen Wirkungen von Maßnah ­men zur Musikver ­mitt ­lung, ein breiteres Publikum zu generieren, werden oft enttäuscht: Erreicht werden meist die bereits Bekehrten oder deren Nachwuchs.

In wenigen Jahren wird dieser Effekt wohl ziemlich abrupt ans Ende kommen: Denn die späte Liebe zu Bach, Beethoven, Bartók gründet in der Regel auf frühen Erfahrungen, die heute so nicht mehr gemacht werden. Der Bildungs ­imperativ: Du musst das kennen! gilt nicht mehr, Musik befindet sich in einer medialen Konkurrenz, die durch die digitale Revolution nachgerade explodiert ist. Zwar war nie mehr Musik leichter und billiger verfügbar, doch die Zeitfenster, sich auf etwas einzulassen, das man nicht schon kennt, sind enger geworden, und wer auf immer beschleunigte Überbietungsreize eingestellt ist, wird kaum noch die Geduld aufbringen, dem Roman einer ganzen Mahler-Sinfonie zu folgen oder der komplexen Schönheit einer Violin-Partita von Bach. Wie auch?

Wenn der Markt das zuverlässigste seismographische Instru ­ment ist, um zu ermitteln, was einer Gesellschaft wichtig und wertvoll ist, was weniger, dann muss die klassische Musik traurig ihren ökonomischen Bedeutungsverlust konstatieren: In Mün ­chen, Berlin, Hamburg mag man noch gut sortierte Platten ­läden finden, schon in Köln, wo der bislang größte Anbieter seine Klas ­sikregale empfindlich zurückgebaut hat, wird es schwierig.

Man kann es keinem Unternehmen zumuten, auf Dauer unprofitabel zu arbeiten. Deshalb dreht sich die Schraube weiter, ein eingeschränktes Angebot, das kaum noch über die wenigen Stars hinausgeht, mit denen noch Gewinne zu machen sind, wird weniger Interesse für anderes, Neues, wecken. Und womit noch verdient werden kann: der attraktive schnellste Geiger mit dem offenen Hemd, die Weihnachtskompilation – das gibt´s auch im Drogeriemarkt. Das Internet wird als Vertrieb wichtiger, hier findet man, was man sucht. Doch darf man dem Plattenladen alter Prägung durchaus eine Träne nachweinen, wo man auch fand, was man nie gesucht hätte. Das World Wide Web, es macht die Welt nicht nur größer, sondern auch kleiner. Und für die großen Download-Stores ist E-Musik bislang ein eher nachlässig bedienter Nischenmarkt.

So sind die Aussichten trübe, der ewig glänzenden Kinder ­augen zum Trotz, die die Broschüren zieren, in denen man sich der eigenen guten Taten erfreut, wenn wieder ein Education-Projekt der wachsenden Amusie entgegengesetzt wurde. Weil sich hier schnell Missverständnisse anschließen: Vielfältige, einfallsreiche Musikvermittlung ist bitter nötig. Die Zufrie ­den ­heit über das zweifellos Gelun ­ge ­ne sollte nur den Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse nicht verstellen; Tropfen auf den heißen Stein machen eben zunächst vor allem: Dampf.

Die Frage darf erlaubt sein, ob die Befür ­wor ­ter des Erhalts, der Pflege und Erneuerung der klassischen Musik nicht nur genug für ihre Sache tun, sondern auch, ob sie gut genug argumentieren. Was nämlich wäre Thomas Steinfeld entgegenzuhalten, der bereits vor Jahren in der »Süd ­deutschen Zeitung« die bevorzugende öffentliche Förderung klassischer Musik mit etwa der des Dixieland-Jazz verglich und konstatierte, das Verschwin ­den einer doch weitgehend überlebten Kunstform müsse durch ­aus kein Unglück darstellen.

Die Frage, wozu es gut ist, eine weltweit einzigartige Infra ­struktur zur Aufführung und Ausbildung, im weitesten Sinne »Pflege« von 300 bis 400 Jahren Musikgeschichte (und verhältnismäßig wenig Gegenwart) aufrechtzuerhalten, muss erlaubt sein. Doch die Antworten darauf klingen oft merkwürdig defensiv. Der Verweis darauf, dass die klassische Musik als Teil unserer Tradition, des kulturellen Erbes einen wichtigen Aspekt von Bildung ausmacht, mag berechtigt sein. Als Argument für die besondere Förderung von Musik bricht es sich am Achsel ­zucken einer großen Mehrheit, der solche Bildungserlebnisse lange schon gleichgültig sind.

<i>Bayerische Staatsoper München (Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe März 2013