Bruno Walter

Die unbekannte Seite eines Genies

Vor fünfzig Jahren starb Bruno Walter, einer der einflussreichsten europäischen Dirigenten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beinahe vierzig Jahre, bis kurz vor seinem Tod am 17. Februar 1962, hat er Schallplatten eingespielt, zuletzt in Stereo. Diese zeigen, was ihn heraushebt und worin er sich von seinen Zeitgenossen unterscheidet. Von Götz Thieme.

(Foto: FF-Archiv)
<i>(Foto: FF-Archiv)</i>

Bei einem Fernsehinterview in den sechziger Jahren entfuhr Ot ­to Klemperer wieder einmal einer seiner charakteristisch unverblüm ­ten Sätze. Was ihn von dem neun Jahre älteren Bruno Walter unterscheide? Bei allem Respekt, Walter sei ein Moralist, »I am an immoralist«, sagte Klemperer in knorrigem Englisch, ohne das weiter aus ­zuführen. Er meinte etwas mokant Walters Auffassung, Musik sei eine Kunst, die die Menschen aus der Enge ihres Da ­seins erhebt, sie zu einer erhabeneren Stufe des Lebens führt. Be ­zeich ­nen ­derweise hieß einer von Wal ­ters Wiener Vorträgen, der später veröffentlicht wur ­de, »Von den moralischen Kräften der Musik«. Für Otto Klemperer war Musik Musik. Für Walter hatte Musizieren Bekenntnischarakter. Schon 1925 meinte Frieder Weissmann in seinem Diri ­gentenbuch, er »kann nur Musik mit ethischem Untergrunde aufführen«. Wal ­ter selbst schrieb Ende 1939 an den Kap ­lan Helmut Fahsel, er fühle »tiefer als je zuvor die Musik als Ver ­bin ­dung mit dem Göttlichen«.

Zu dieser Zeit war Bruno Walter in eine zweifache Krise gestürzt. Im Jahr zuvor war er endgültig gezwungen worden, seine deutschsprachige Heimat zu verlassen, zuerst 1933 Berlin, danach 1938 Wien. Bruno Schlesinger, der Sohn eines jüdischen Buchhalters, hatte 1897 zwar seinen Namen ändern können, für die Nazis aber nicht seine ethnische Her ­kunft. Und im August 1939 wurde seine Tochter Gretel, die eine Affäre mit dem Bassisten Ezio Pinza hatte, von ihrem eifersüchtigen Mann erschossen.

Walter gehört zu den wenigen Diri ­genten, die durch natürliche Autorität ihre Vorstellungen bei den Orchestern durchzusetzen wussten; sein freundliches, menschliches Auftreten hat das Bild eines Musikers entstehen lassen, dem die Attribute des Klassischen, der Wär ­me, der Ausgeglichenheit zugesprochen werden. Für die Nachgeborenen ist er ein Humanist, ein Apolliniker, aber eben kein Dirigent, mit dem man Vir ­tuo ­sität, Dramatik oder Ekstase verbindet. Zu dem Bild haben Walters altersweise, aber nicht unbedingt spannungsberstenden späten Aufnahmen bei ­getragen. Das Eti ­kett klebt bis heute und ist völlig falsch.

Allein die Verehrung für Gustav Mahler und die lebenslange Aufführung seiner Werke – noch beim letzten Konzert mit den New Yorker Philharmonikern am 24. April 1960 dirigierte er das »Lied von der Erde« – sprechen für ein viel umfassender gelagertes musikalisches Tem ­pe ­rament. Die wohl wichtigste Begegnung in Walters Leben fand 1894 statt, als der 18-Jährige eine Stelle als Korrepetitor am Hamburger Stadttheater antrat, wo Mahler als Chefdirigent regierte. Sicher, Walter hat dem Komponisten Mahler nicht bei jedem Werk folgen können: Die Siebte hat er wahrscheinlich nur einmal aufgeführt, die sechste Sinfonie gar nicht – sie war Walter schlicht zu pessimistisch. Aber Mahler selbst hat dem Getreuen geschrieben: »Ich weiß niemanden, von dem ich mich so verstanden fühle wie von Ihnen.«

(Foto: FF-Archiv)
<i>(Foto: FF-Archiv)</i>

Für einige Mahlerianer stand Walter nie hoch im Kurs. Hans Wollschläger do ­kumentiert einen Brief von Adorno an ihn: »Was er mit Frau Ferrier und dem ,Lied von der Erde´ anstellt, soll er einmal im Himmel vor Mahler verantworten, falls er dorthin kommt, was ich allerdings sehr bezweifle.« Das skeptische Urteil über eine Aufnahme, die weit ­hin zu den Klassikern der Mahler-Diskographie zählt, überrascht. Man darf dem Philosophen widersprechen, denn hier wird ein idealistischer Maß ­stab an Texttreue angelegt, die letztlich utopisch bleibt. Es mag in der im Mai 1952 im Wiener Musikverein eingespiel ­ten Aufnahme mit Julius Patzak, Kath ­leen Ferrier und den Philhar ­mo ­ni ­kern Balance- und Dynamikprobleme geben: Von einer Verzerrung der Ideen Mahlers lässt sich nicht wirklich sprechen. Und kann ein Hörer von Ferriers »Abschied« unberührt bleiben? Walter wurde vorgeworfen, er habe die Kon ­traste in Mah ­lers Musik eingeebnet: Aus der Per ­spektive eines Leo ­nard Bernstein mag das so sein, aber Walter hat die Werke nie sentimentalisiert.

Unbestreitbar und verdienstvoll bleibt, dass Wal ­ ­ter sich nicht für alle, aber für fünf der Sinfonien eingesetzt hat, er hat die Schallplattenpremieren des »Lieds von der Erde« (1936), der Neunten (1938) und Fünften (1947) geleitet. Noch in den vierziger und fünfziger Jahren war der Widerstand einflussreicher Kritiker in den USA, deren Staatsbürger Walter seit 1946 war, erheblich. Olin Downes nannte Mahlers Musik »vulgär«. Die Erste, Zwei ­te, Vierte, Fünfte, Neunte und das »Lied von der Erde« liegen teilweise mehrfach vor. Von der ersten Sinfonie beispielsweise gibt es sechs Live-Dokumente und zwei Studioversionen, besonders faszinierend ist eine vor Vitalität berstende Aufnahme mit Toscaninis NBC Sym ­phony Orchestra von 1939.

Bruno Walter hatte im Gegensatz zu seinem ewigen Rivalen Wilhelm Furt ­wängler keine Vorbehalte gegen die Schall ­platte. Bereits eine von Walters ­ers ­ ­ten Aufnahmen zeigt einen Dirigen ­ten, der oftmals enorme Energie aus dem Rhythmischen gewinnt: weiß glühend der Marsch-Satz in der Gesamt ­auf ­nah ­me der sechsten Sinfonie von Tschaikowsky, 1925 mit der Staatskapelle Ber ­lin noch in den Trichter gespielt. Walter »konnte« eben nicht nur das deutsch-österreichische Repertoire; die Live-Aufnahmen mit französischer Musik, Berlioz´ »Sym ­phonie fantastique« und Ravels »Rapso ­die espagnole«, gehören zu den ebenso sensibel-feinsinnigen wie spannendsten der Diskographie.

Seit Anfang der vierziger Jahre bis ein Jahr vor Walters Tod sind eine Fülle von Studioaufnahmen entstanden, die bis heute Bestand haben, zurzeit aber nicht vollständig erhältlich sind. Bei Sony Clas ­sical, der Nachfolgerin von Colum ­bia Records, der Firma, an die Walter, die letzten20 Jahre seines Lebens vertraglich gebunden war, sind zum Jah ­restag lediglich noch einmal die Mahler-Sinfonien sowie eine Sechs-CD-Box mit Werken von Mozart erschienen. Sie enthält die späte Stereofassung der »Jupiter«-Sinfonie vom Februar 1960 mit dem Columbia Symphony Orchestra, einem Telefonorchester, die Walters Altersstil repräsentiert, weniger glühend als frühere Mozart-Mitschnitte, aber von ungeminderter Eleganz und Grandeur ist, sowie das monumentale Requiem, 1956 mit hervorragenden Solisten (Irmgard Seefried, Jennie Tourel, Léopold Simo ­neau, William Warfield) und dem New York Philharmonic aufgenommen. Mit diesem Orchester liegen in großartiger Klangqualität glücklicherweise die Mono-Gesamtaufnahmen der Sinfonien von Beethoven (1941 bis 1953) – die Sechste mit dem Philadelphia Orchestra – und von Brahms (1951 bis 1953) vor. Walter hat wenig später beide Zyklen erneut und in Stereo eingespielt, diesmal mit dem Columbia Symphony Orchestra; alles in allem sind sie jedoch nicht von gleicher mitreißender Lebendigkeit.

Walter profitiert auf jeden Fall von der Erschließung öffentlicher und privater Archive in den letzten Jahren. Wie bei vielen Dirigenten haben seine Live-Mit ­schnitte eine eigene Qualität und Aura. Absolut unterrepräsentiert ist ein Kom ­ponist, der neben Mozart, Beet ­ho ­ven, Mah ­ler, Bruckner und Berlioz zu den wichtigsten für ihn zählte: Richard Wag ­ner. Was für ein Ver ­lust das Fehlen einer vollständigen Auf ­nahme einer Wagner-Oper ist, lässt ein Konzert ­do ­ku ­ment aus Amsterdam er ­ahnen. Am 15. März 1936 dirigierte Wal ­ter die Ouvertüre zum »Fliegenden Holländer«. Die Inter ­pre ­tation ist zweifellos aus dem (nicht vorhandenen) szenischen Zu ­sam ­menhang erfühlt und erfüllt: stürmisch, peitschend und mit Zäsuren, in denen der Hörer den Atem anhält. Das Concert ­gebouw Orkest, bei dem Walter von 1923 bis 1952 zu Gast war, von 1934 an für fünf Jahre als ständiger Erster Di ­ri ­gent neben Mengelberg, spielt in Hochform.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe März 2012