Theremin

Der Tanz der Hände

Musikinstrumente werden immer gezupft, gestrichen, geblasen oder geschlagen? Das Theremin nicht. Hier bewegt der Spieler seine Hände in einem elektromagnetischen Feld, ohne das Instrument je zu berühren. Dorothea Walchshäusl hat die Theremin-Virtuosin Carolina Eyck im Konzert erlebt und stellt das ungewöhnliche Instrument vor.

Theremin-Konzerte wirken oft wie ein magisches Ritual, da der Spieler das Instrument nicht berührt. Foto: Bengt Nyman/Wikipedia
Theremin-Konzerte wirken oft wie ein magisches Ritual, da der Spieler das Instrument nicht berührt. Foto: Bengt Nyman/Wikipedia

Ein Konzertabend in Halle. Auf der Bühne der Georg-Friedrich-Händel-Halle schwelgt die Staatskapelle in Jean Sibelius’ „Finlandia“ op. 26: Andante sostenuto, Allegro moderato, Allegro, Applaus – so weit, so gut, so weit, so vertraut. Wäre da nicht schon dieses vorfreudige Wispern im Saal, das Raunen der Damen und Herren in den Zuschauerreihen, die sich unsichtbare Fusseln von der Abendrobe zupfen und rätselnd nach der Attraktion des Abends Ausschau halten. „Da vorne, das könnte es sein …“ murmeln sie, „Das ist doch dieses komische Instrument, dieses Verrückte … oder ist es doch der Kasten da oben links hinten? Und wie heißt es nochmal? Theremi … was?“ Hilfloses Blättern im Programmheft, derweil Umbau auf der Bühne, der Dirigent tritt ab, und das Rätsel wird gelöst. Es erscheint elfengleich und mit behändem Schritt Carolina Eyck im türkisen Kleid, ein paar Meter nur, dann ist sie angekommen beim Faszinosum dieses Abends – mal wieder, würde die Theremin-Virtuosin selbst dazu sagen, denn kaum ein Konzertpodium, auf dem es ihr anders ergeht. Routiniert greift die zarte Frau mit den dunkelbraunen Haaren zum Mikrofon, und das Raunen verstummt. Es folgt: eine Kurzeinführung in das Reich des Theremins, jenes geheimnisvollen Wesens, das die Instrumentenwelt seit bereits fast 100 Jahren mit mystisch anmutenden Klängen bereichert und doch bis heute weitgehend ein Nischendasein pflegt.

Von außen betrachtet ist das Theremin ein schmuckloser Kasten in Hüfthöhe, an dem auf beiden Seiten je eine Antenne angebracht ist. Während die rechte vertikal in die Höhe ragt, gleicht die linke einer horizontalen Schlaufe. Im Kasten verborgen, agieren drei Radiosender miteinander, und um die beiden Antennen herum existiert jeweils ein elektromagnetisches Feld, in das der Spieler mit seinen Händen einwirkt. Die Höhe und die Intensität des Tons hängen vom Abstand der Hände des Spielers zu den zwei Antennen ab: Während die rechte Hand die Tonhöhe bestimmt – je näher sie an der rechten Antenne ist, desto höher wird der Ton –, reguliert die linke die Lautstärke – je näher sie an der Schlaufe ist, desto leiser klingt der Ton. Über einen angeschlossenen Verstärker mit Lautsprecher wird der Ton schließlich hörbar und fasziniert mit dem typisch futuristisch-melancholischen Theremin-Sound.

In der Georg-Friedrich-Händel-Halle hat Carolina Eyck eben noch lässig charmant das Publikum belehrt, nun verwandelt sich die Solistin in eine musikalische Schamanin auf der Bühne. Mit konzentriertem Blick, spannungsvoll ruhendem Körper und kunstfertiger Fingertechnik lässt sie zusammen mit dem Kammerorchester der Staatskapelle Kalevi Ahos Theremin-Konzert „Eight Seasons“ erklingen. Filigran und sphärisch schwirrend beschwört sie dabei Naturassoziationen herauf: Das Theremin braust, klirrt und fiept, zaubert düstere Himmel und gleißendes Sonnenlicht, lässt Vögel kreischen und Winde hauchen. Ausnahmezustand im Konzertsaal in Halle, für ein paar Minuten bestimmt ein Holzkasten in Schwingung die Welt.

Ein Konzertflügel-Bauset für Hobbybastler? Ein Ton, ohne auch nur eine Taste oder Saite berührt zu haben? Undenkbar. Allerdings nur, solange man sich auf seine konventionellen Instrumenten- und Musikerfahrungen verlässt. Womöglich ist es auch gerade das, was die Auseinandersetzung mit dem Theremin so spannend macht: das Aufbrechen sicher geglaubter Gewissheiten und die Infragestellung von Wahrnehmung und Gewohnheit. Da ist zum Beispiel dieser eigen- und einzigartige überirdisch singende Klang. Der klassische Hörer sucht nun ringend nach Vergleichen, mit einer fragil zitternden Frauenstimme etwa, einem Glissando auf dem Streichinstrument oder dem Heulen des Windes durch ein offenes Rohr. Für den Theremin-Liebhaber allerdings klingt all das schlicht nach Theremin. Oder fragt man etwa einen Geiger nach der vergleichenden Klangbeschreibung seines Instruments?

In jedem Fall ist der Theremin-Sound in seiner Fragilität und vibrierenden Sinnlichkeit eine gern verwendete Zutat für die Rezeptur von Filmmusiken, allen voran im Spuk-, Grusel- und Science-
Fiction-Bereich. Schon in Vorkriegsfilmen wie „King Kong und die weiße Frau“ oder „Frankensteins Braut“ war das Theremin zu hören, in den 50er-Jahren sorgte dann das Theremin-Vibrato in „Gefahr aus dem Weltall“ für Gänsehaut, und auch in jüngeren Filmen gelang samt Theremin-Untermalung die Kunst der surrealen Verfremdung, etwa in „Mars Attacks“ oder in „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Weitere Anwendungen fand und findet das Theremin in der Popmusik. So ergänzte zum Beispiel Tom Waits in seinem Musiktheaterstück „Alice“ das Orchester durch das elektronische Instrument, und Sting griff für seinen Song „Moon Over Bourbon Street“ selbst zum Theremin.

Foto: Bernd Hutschenreuther/Wikipedia
Foto: Bernd Hutschenreuther/Wikipedia

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe August 2015