Aida Garifullina

Verführerisch

Aida Garifullina, die junge russische Sopranistin aus dem Ensemble der Wiener Staatsoper, beeindruckt mit ihrem CD-Debüt.

Von Dorothea Walchshäusl

Foto: © Decca / Simon Fowler
Foto: © Decca / Simon Fowler

Wien, Staatsoper, ein Tag Ende Januar. Im Foyer drängen sich Journalisten, Agenten und Fans, hinter Absperrbändern kontrollieren Aufseher gewissenhaft die Menge. Schließlich wird der Gustav-Mahler-Saal geöffnet, und die Menge strömt hinein. Bald wird Aida Garifullina hier die Bühne betreten, die 29-jährige russische Sopranistin, mit Hochsteckfrisur, rosa Spitzenkleid und einnehmendem Lächeln.

Die Präsentation des ersten Albums eines neuen Shootingstars ist stets eine perfekte Inszenierung. Nichts wird dem Zufall überlassen, jede Anmoderation sitzt, jede Videoeinblendung ist wohl kalkuliert. Und doch wirkt der Zauber nur dann, wenn die Musik aller akribischen Planung zum Trotz unmittelbar und berührend ihre emotionale Kraft entfalten kann. Eine Gratwanderung. Dass diese in Wien gelingt, liegt vorrangig an der grazilen Sängerin mit den dunkelbraunen Haaren und dem wachen Blick, die die Mischung aus Perfektion, Professionalität und Pathos vollendet verkörpert.

Für ihr Alter hat Aida Garifullina ein auffallend reifes Timbre, gerade auch in den tieferen Lagen. Ihre Stimmtechnik ist ebenso makellos wie ihre Erscheinung, und gibt sie auf der großen Bühne die Juliette, wie in diesen Tagen mit Juan Diego Flórez als Partner in Gounods „Roméo et Juliette“ unter der Leitung von Plácido Domingo, so verführt sie mit strahlender Wärme im Ton, tänzelnder Leichtigkeit in den Koloraturen und einer schlanken Stimmführung durch die verschiedenen Register. Für Garifullina ist die Wirkung der eigenen Stimme schwer festzumachen. „Schönheit ist eine sehr subjektive Sache“, sagt sie, und die Außenwahrnehmung sei oft deutlich anders als die eigene. Entscheidend sei für sie, ihre eigene Stimme in sich zu spüren und sie intuitiv bedienen zu können.

Bereits mit fünf Jahren stand Aida Garifullina zum ersten Mal vor der Kamera; ihre Mutter hatte sie für einen Gesangswettbewerb in Moskau angemeldet. Eine Zumutung für ein so kleines Kind? „Mir hat das sehr gefallen“, sagt die Sopranistin und lacht. Bis heute sucht sie die Bühne und scheint keine Scheu zu haben vor dem Fokus der Öffentlichkeit. „Die Zuhörer sind sehr wichtig für mich. Ich sehe die Augen der Leute, ihre Gesichter, ihre Emotionen, und ich spüre ihre Energie in jedem Moment. Ich bekomme die Liebe der Zuhörer und gebe sie ihnen mit Musik zurück. Das ist ein großes Geschenk.“


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2017