Andris Nelsons

Keine halben Sachen

Gemessen am Alter hat er seine bisherige Karriereleiter nicht in Stufen, sondern in Sprüngen erklommen. Andris Nelsons zählt zu den gefragtesten Dirigenten rund um den Erdball. Seine jüngste Liaison hat ihn zum Boston Symphony Orchestra geführt, mit dem er auch demnächst in Köln und Essen zu hören sein wird. Über sein neues Amt und die Orchester-Tradition in Europa hat er mit Christoph Vratz gesprochen.

Fotos: Marco Borggreve/BSO/DG
Fotos: Marco Borggreve/BSO/DG

Wäre er nur für den Starkstrom zuständig, müsste er wohl irgendwann scheitern. Doch sein Talent ist nicht einseitig, er kennt auch die kleinen Drähtchen, die versteckten Schalter, die der Außenstehende kaum wahrnimmt. Wer Andris Nelsons im Konzert erlebt, sieht diesen emphatisch rudernden Menschen, der sich verausgabt, der Fäuste in die Luft stemmt und tief nach unten Löcher gräbt, der dem Taktstöckchen das Schwindeln beibringt und der selbst in den leisen Momenten noch vibriert. Die Arme bewegt er wie Schwungräder, nur um die große Batterie des Orchesters kontinuierlich mit Energie zu versorgen.

Emotionen – darum geht es in der Musik ja immer. Aber bei Nelsons sind Gefühle zugleich Grenzerfahrungen, nie etwas Beiläufiges, etwas Erleichterndes. Das ist sein Markenzeichen. Damit elektrisiert er das Publikum im Saal. Diesen Sog vermitteln aber auch seine CD-Aufnahmen, wenn man ihn nicht sieht. Nelsons kann nicht anders, und das macht ihn so authentisch. Und immer schwingt die Sorge mit: Hoffentlich übernimmt er sich nicht!

Dabei ist er noch so jung. Die Vierzig ist nur in Sichtweite. Ein Mann in den Dreißigern, der seit dem letzten Jahr eines der bedeutendsten Orchester leitet: Boston, in vergangenen Jahrzehnten galt es immer mal wieder als das beste der Welt!

Ein Zufall hatte Sie zum ersten Mal vor dieses Orchester geführt?
Es war im Frühjahr 2011 in New York. Ich dirigierte an der Met „Pique Dame“, als James Levine ein Konzert mit dem Boston Symphony Orchestra absagen musste. Ich hatte ein paar Tage frei. Ich habe in Boston geprobt und dann das erste gemeinsame Konzert in der Carnegie Hall dirigiert. Mahlers Neunte!

Was war Ihr erster Eindruck vom Klang, von den Möglichkeiten?
Es gab viel Unterstützung von Seiten der Musiker. Der Beruf des Dirigenten hängt ja oft mit Psychologie zusammen. Du spürst sehr schnell, wie ein Orchester reagiert. Es ist wichtig, dass dir die Musiker direkt spiegeln, ob du sie überzeugen kannst. Du kannst dich noch so clever anstellen – wenn du sie nicht erreichst, machen sie dicht, verweigern die Gefolg-
schaft, und dir gelingt nichts mehr.

Die berühmte Chemie muss stimmen.
Ja, und das war mit den Bostonern der Fall. Sie verstanden, was ich meinte, und ich verstand sie. Auch die Akustik in der Concert Symphony Boston hat bei den Proben sehr geholfen. Sie ist phänomenal.

Wie würden Sie den Klang des Orchesters beschreiben?
Es ist der sehr reiche Streicherklang, er ist angenehm warm, wie bei fast allen Top-Orchestern. Außerdem schwingt in Boston eine europäische Tradition mit. Es ist ein spezieller Reichtum …

Der sich wie von anderen Orchestern unterscheidet?
Die Berliner Philharmoniker erreichen ihre Tiefe oft durch eine bis ins Dunkle reichende Wärme, die Wiener dagegen sind genauso reich, aber es klingt mehr golden, das Concertgebouw wiederum klingt, wie das Gewandhaus, eher bronzen. Es sind überall andere Farben. Und in Boston kommt etwas Creme-artiges hinzu. Zumal ich die solistischen Qualitäten der Holzbläser sehr schätze. Auch das erinnert an Europa. Man sagt amerikanischen Orchestern gern nach, dass sie im Zusammenspiel perfekt, aber individuell nicht ganz so herausragend besetzt sind. Zumindest für Boston trifft das nicht zu.

Russisch, französisch, deutsch

Immer wieder verweist Nelsons auf den Boden, auf dem das Orchester gewachsen ist: die russische Tradition mit Koussevitzky, das Französische mit Henri Rabaud, Pierre Monteux und Charles Munch, die deutschen Elemente vom ersten Chefdirigenten George
Henschel über Arthur Nikisch bis zum Wiener Erich Leinsdorf, und dann waren da die fast drei Jahrzehnte unter Seiji Ozawa.
Nelsons hat die Programme der Vergangenheit genau unter die Lupe genommen. Natürlich, mit Strauss, Mahler und Tschaikowsky hat Nelsons längst mit verschiedenen europäischen Orchestern seine Schwerpunkte umrissen. Seine Aufnahmen, oft sind es Konzertmitschnitte, zeigen, warum Nelsons in die Phalanx der bedeutendsten Dirigenten aufgestiegen ist. Wenn etwas luftig und filigran klingen soll, bekommt er das mühelos hin, wenn er die großen Bögen formt, kennt er jedes Detail, aus denen sie gebaut wurden. Vor allem aber gelingt es Nelsons, nie nur laut zu klingen. Laut können viele. Aber bei ihm bleibt der Klang im Fortissimo stets gefüllt mit Substanz. Eingebunden in dramaturgische Zusammenhänge. Glühend im Kern oder majestätisch. Aber nie scheppernd, nie lärmend. Triumph und Abgrund lassen sich für jeden Hörer voneinander unterscheiden. Seine Skeptiker monieren, dass er zu viel und zu deutlich knetet, bremst, beschleunigt, wuchtet. Doch selbst in Momenten, wo das zutreffen mag, erkennt man immer noch, worum es gerade geht. Melodielinien bleiben bei Nelsons noch im Tumult erkennbar, und Strukturen sind bei ihm keine abstrakten, formbestimmten Gebilde, sondern Etappen in einem Erzählfluss.
Die alten Bekannten wie Mahler und Strauss wird Nelsons auch künftig nicht verschmähen. Doch für Boston nennt er neue Namen: Schostakowitsch und Bruckner.

Welche Ausrichtung verfolgen Sie, wenn Sie ein Orchester übernehmen?
In Birmingham wanderten vor meiner Zeit dort Komponisten wie Strauss und Tschaikowsky zwar gelegentlich ins Programm, aber nicht so oft. Daher habe ich daraus einen Schwerpunkt gemacht.

Wo liegen denn Unterschiede zwischen dem Chef-Sein in England und in Amerika?
Die Kriterien für die Weiterentwicklung eines Orchesters sind überall dieselben: Arbeit am Klang, eine möglichst große Flexibilität, kammermusikalisches Miteinander und die Förderung individueller Stärken. Es ist immer besser, Fehler zu machen, wenn man ein Maximum an Ausdruck anstrebt, als auf halber Strecke stehen zu bleiben und auf Nummer sicher zu spielen. Unter diesem Aspekt gibt es zwischen den Orchestern keine wirklichen Unterschiede. Die ergeben sich eher auf spieltechnischem Niveau und in der Mentalität. Insofern sind schon die amerikanischen Orchester untereinander verschieden. Das hängt vom Alter der Orchester ab und auch von der Altersstruktur der einzelnen Musiker. Boston ist sehr europäisch. Das hat es mir leichter gemacht.

Also lassen sich Orchester für Sie nicht in eine bestimmte Richtung lenken?
Es macht nicht viel Sinn. Warum sollte ein deutsches Orchester klingen wie ein englisches? Zunächst einmal sprechen alle dieselbe Sprache. Die heißt Musik. Und die heutige Internationalisierung weicht den individuellen Klang, den ein Orchester haben kann, gelegentlich auf. Dennoch hat jedes Orchester etwas Unverwechselbares, das sich nur bis zu einem gewissen Grad verändern lässt, etwa bei der dynamischen Spannweite. Das aber lässt sich auch nicht verallgemeinern. Das eine Orchester hat in dramatischen Momenten diese große Spannweite, ein anderes eher in den hell-flutenden.

Was heißt das für den Dirigenten, der immer ein bestimmtes Ideal im Kopf hat und der sich doch anpassen muss?
Die Vorstellung, die man als Dirigent von einem Werk entwickelt, und die Frage, wie sich der Komponist die Umsetzung einer Partitur gewünscht hat, ist unabhängig vom Orchester, mit dem man dieses Werk aufführt. Wenn jedoch die unmittelbare Arbeit mit den Musikern beginnt, wird von mir genau jene Flexibilität gefragt, die umgekehrt auch ich von einem Orchester erwarte. Das heißt, man muss schon während der Vorbereitung antizipieren und sich auf gewisse Hürden, auf gewisse Modalitäten einstellen. Die Suche nach dem Ideal ist immer eine Suche nach der Balance – nicht auf Kosten der Qualität, sondern wie sich gemeinsam eine musikalische Botschaft am besten mitteilen lässt.

Der feurige Andris Nelsons in Aktion. Foto: Marco Borggreve/BSO/DG
Der feurige Andris Nelsons in Aktion. Foto: Marco Borggreve/BSO/DG

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe August 2015