Anna Netrebko

Die neue Netrebko

Lang und bunt war der Weg der Sopranistin bis zum Ruhm: In ihren letzten Rollen hat sie sich nun endgültig zur Charakterdarstellerin entwickelt. Nun ist die Zeit reif für wahrhaft Großes. Manuel Brug über das Opern-Phänomen Anna Netrebko.

Anna Netrebko als blutdürstige Lady Macbeth in München: böse, schneidend, aber auch kraftvoll und energiegeladen. Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper
Anna Netrebko als blutdürstige Lady Macbeth in München: böse, schneidend, aber auch kraftvoll und energiegeladen. Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Primadonnenauftritte gehen normalerweise anders. Doch im Münchner Nationaltheater schreit die noch unsichtbare Anna Netrebko erst mal in einem mickrig-schiefen Army-Zelt die letzten Geburtswehen von sich. Dann kommt der Superstar der Oper – blutverschmiert in einem braunen Kleiderfetzen, hässlich rotes Haar umkringelt sie, ein blutiges Fötusbündel presst sie an sich. Und so geht es weiter, denn Martin Kusej, der diese vordergründig schockhafte, aber auch brutal blasse „Macbeth“-Inszenierung vor sechs Jahren herausgebracht hat, schenkt Shakespeares und Verdis bitterböser, machtgeiler Lady nichts. Die balanciert auf High Heels über Schädelberge, leckt am mörderischen Dolch, feiert als billige Kostümqueen blutige Feste, hängt im Kronleuchter, prostet ihren Anhängern mit dem Fuß auf einer Tüte mit dem Schädel ihres Feindes zu und simuliert mit diesem unter dem Unterrock lustvoll eine weitere Geburt: Aus diesem Schoß kriecht nur Böses.

Und böse, schneidend, aber auch kraftvoll, gierig, energiegeladen sind die Töne, die Anna Netrebko bei diesem, für sie so wichtigen Rollendebüt absondert. Nicht unbedingt schön, aber ehrlich, so, wie Giuseppe Verdi es wollte, als er 1847 mit dieser Figur eine seiner nachdrücklichsten Frauenrollen schuf. Und Anna Netrebko jetzt die Gelegenheit gab, endgültig die süßen Mädel, Zwitscherdrosseln und sentimental leidenden, meist ihr Leben soprangenussvoll aushauchenden Fräuleins ihrer bisherigen Karriere hinter sich zu lassen. Zehn Jahre, in denen sich ihre Stimme verändert hat und auch ihre Rollen. Die Zeit der netten Leichtgewichte ist vorbei: Adina, Norina, Juliette, Massenets Manon, selbst die eher Kummer gewohnten Bellini-Heldinnen Amina und Elvira, auch Donizettis männermordende Lucia und Verdis Traviata, sie gehören der Vergangenheit an.

Die Netrebko, fleißig und klug, weiß genau: Die Ära, in denen 60-jährige Sopranistinnen glaubhaft Ännchen, Susanna oder Zerlina singen konnten und durften, kommt nicht wieder. Wer an der Spitze bleiben will, muss sich wandeln, muss die Stimme frisch halten, sie füttern, sie aber auch mit Lebenserfahrung anreichern. Netrebkos namenlose Lady Macbeth ist immer der „ambitioso spirto“, der ehrgeizige Geist, als den sie gleich bei ihrem ersten, attackiert gesungenen Ton eigentlich ihren Mann charakterisiert. Doch sie hat sich bei aller ungeschminkten Monstrosität das Jungmädchenhafte bewahrt. Da tanzt jemand sehr bewusst auf dem Abgrund, was sie ja auch vokal mit voller gewordener Mittellage tut und trotzdem sicher ankommt.
Es fehlen ihr noch ein wenig das Abgründige, die fahlen Farben, um die sie sich bemüht, der Wahnsinn in der Stimme, den sie in ihrer großartigen Finalszene singt, aber noch nicht verinnerlicht hat. Doch wieder einmal muss man feststellen: Es ist toll, einer bedeutenden Künstlerin beim Reifen, bei der Weiterentwicklung zuzusehen und zuzuhören. Für Anna Netrebko ist so eine wichtige Etappe erreicht.

Sie hat sie gut geplant: mit der ersten der vier Soloszenen der Lady im Mai 2013 in St. Petersburg in der Live-Übertragung aus dem neuen Mariinsky-II-Theater, mit drei der Arien auf ihrer gelungenen Verdi-Platte im folgenden Sommer parallel zu den wie eine Reminiszenz wirkenden konzertanten Salzburger Auftritten als Verdis Giovanna d’Arco, mit der leichteren, ebenfalls erfolgreich absolvierten „Trovatore“-Leonora im November in Berlin (bald auch auf DVD) – und jetzt mit der kompletten Rolle. Nach München wird sie die Lady dann gleich wieder im Herbst an der Metropolitan Opera singen (und auch da wird wohl eine DVD folgen, wenn das Haus nicht bestreikt werden sollte, genauso wie Tschaikowskys Iolanta, die bereits in St. Petersburg aufgenommen wurde).

Auf zu neuen Ufern – mit bald 43 Jahren und zwei Jahrzehnten Gesangskarriere, davon eines auf dem manchmal sehr kalten, windigen Sängerolymp, ein guter Moment. Sie hat sich von ihrem Baritonbeau Erwin Schrott getrennt, liebt gegenwärtig ihren aserbaidschanischen Tenorpartner Yusif Eyvazov, hat den leichten Autismus ihres Sohnes Tiago publik gemacht, versucht ihre läppische Putin-Begeisterung vergessen zu lassen und will nicht mehr Mozarts Donna Anna, gleich gar nicht die „Figaro“-Gräfin, auch nicht Gounods „Faust“-Margarethe sein.

Diese Rollen hat sie unlängst alle abgesagt, dafür stehen jetzt Tschaikowskys Tatjana, im Salzburg-Sommer wieder die „Trovatore“-Leonora und Puccinis Manon Lescaut auf der Repertoireliste. Die nun mit Verdis lüsterner Lady eine wesentliche Erweiterung erfahren hat. Mozart ist also vorbei, Verdi wartet. Und alle diese neuen Rollen waren spannend. Denn die beharrlich berühmteste Sopranistin der Welt kann ja keinen öffentlichen Piepser mehr unbeobachtet von iPhones samt späterer Youtube-Verwertung unbegleitet tun.
Die Tatjana in „Eugen Onegin“, wohl traditionsreichste Sopranpartie des russischen Repertoires, hat sie mit viel Pomp und weltweiter Kinoübertragung im September 2013 zur Saisoneröffnung der New Yorker Metropolitan Opera gesungen. Zuvor hatte sie sich für diese erste Gipfelerkundung aber bequemerweise ihren gegenwärtigen Lebensmittelpunkt Wien ausgesucht. Und da stand sie nun, wie festgewurzelt, nur langsam fortgerissen in einem nie gekannten Gefühlssturm, der in der nächtlichen Briefszene, dem immer noch schönsten erotischen Erwachen der ganzen Opernliteratur, wie eine Naturgewalt aus ihr herausbrach. Netrebkos dunkel glühende Stimme mit dem festen Kern und dem angenehm sich verbreitenden Höhenvibrato scheint dafür ideal geeignet.

Das hörte man spätestens in der Petersburger Ballszene, in eleganter Robe auf schimmernden Treppenstufen. Jetzt war sie die Königin der Gesellschaft, immer noch in Onegin verliebt, aber ihn aus bürgerlichem Kalkül abweisend. Das steigerte sich im vokalen Finalduell bis zum Schrei – schön, wohlig, verzweifelt und doch gefasst.

Auch ihre Leonora im letzten Dezember war interessant: als durchgeknallte Verdi-Colombine in Philipp Stölzls nur comic-verrücktem „Troubadour“. Neben ihr tänzelte der (offiziell) fast 73-jährige Plácido Domingo in Strumpfhosen als Graf Luna am Abgrund. Und die Netrebko trug stoisch Leonoras Mühlsteinkragen auf den Hüften und schob bei der intensiv intonierten Cabaletta „Di tale amor che dirsi“ als weißhaarige Barock-Barbie am Boden liegend ihren Busen in den Graben. Trotzdem sang sie dabei ihre Koloraturen dunkel glühend, als gehe es um mehr als nur ein Verdi-Bühnenleben.

Im künstlichsten Comedy-Umfeld spielte sie mit Verve ein Hoffräulein-Abziehbild und rührte doch durch ihre Töne. Das soll Anna Netrebko erst mal eine nachmachen. Wie sie überhaupt von den Verzierungen noch nicht ganz lassen mag. So kehrt auch Donizettis Anna Bolena in Zürich wieder. Als Stratosphären-Queen wurde sie 2012 die Königin eines Wiener, später auch New Yorker Premierenabends.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe September 2014