Anne Schwanewilms

»Ich will Neues in mir entdecken!

A»Mehr Strauss, bitte!« – unter dieser Devise gelang es der Sopranistin Anne Schwanewilms, sich aus der »Wagner-Falle« zu befreien. Heute zählt sie zu den gefragtesten Hochdramatischen weltweit – und zwar zu Recht, wie Manuel Brug findet.

(Foto: Javier del Real/PR)
<i>(Foto: Javier del Real/PR)</i>

Eine hochgewachsene Diva. Un ­bedingt. Hingebungsvoll. Kon ­sequent bis ans Ende in dem, was sie tut. Eine Erscheinung, der alle Blicke im Saal folgen, die auf jeder großen Bühne der Welt die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen auf sich zieht. Von der man sich nicht abwenden kann, die einen bannt mit ihrer Person und mit ihrem Gesang.

Im Berliner Speckgürtelkaff aber steht einem winterlich dick verpackt und gleich kumpelhaft eine sehr patente Frau gegenüber, die lossabbelt, in bes ­tem Gelsenkirchener Pott, die pragmatisch ist und die doch vieles nicht erklären kann, in der Schwebe bleibt zwischen abgeklärtem Profi und schamhaft naivem Jungmädchen.

Und somit hat man gleich einen sehr guten Eindruck von der deutlichen, aber auch sehr wandelbaren Persönlichkeit der Anne Schwanewilms. Gegen Ende der neunziger Jahre nahm die plötzlich die deutschen Bühnen im Sturm, war Gudrune in Bayreuth, dann Sieglinde, Daniel Barenboims Senta. Endlich – die Zeiten von Hildegard Behrens waren schon längst vorbei – war da wieder eine deutsche Wagner-Sängerin, die sich anschickte, eine Hochdramatische zu werden. Doch schon damals schwangen Zeichen der Gefährdung mit: eine offene, helle, wie ein Lichtstrahl emporsegelnde Höhe, bei der manchmal ein Ton brach, eine absolute Rollenidentifi ­ka ­tion, die man sich gerade bei einer jungen Sängerin etwas weniger identifikatorisch, auf gesünderem Abstand haltend gewünscht hätte. Aber wie sie heute selbst sagt: »Ich bin 182 Zentimeter groß, deutsch, rotblond und heiße Schwanewilms. Ja, da konnte ich doch nur Wagner-Sängerin werden.«

So dachten sie alle, Agenten, Inten ­danten, Lehrer. Und sie selbst. Bis sie merkte, so um das Jahr 2001 herum: »Da kamen Angebote für Elektra und Brünn ­ ­hilde von den allergrößten Häu ­sern. Das wollte ich aber nicht. Wo waren nur die lyrischen Rollen geblieben, die Grä ­fin, die Chrysothemis, das wollte ich. Ich hörte in mir zarte Farben, die musste ich suchen gehen. Ich bin doch kein Auto, das immer nur auf Vollgas läuft.« Und so sagte sie alle Verträge ab, wechselte den Agenten, ließ jeden wissen: »mehr Strauss, bitte«. Der Opernbetrieb reagierte gnädig, brauchte aber seine Zeit, Madame neu in seine Terminkalender einzusortieren. Das ist jetzt längst erledigt. Heute erlebt man Anne Schwa ­newilms als Ariadne und Marschallin, als Kaiserin, Arabella und Danae nur an ersten Häusern, in London, Paris, Mad ­rid, Mailand, München, Dresden, Wien, Hamburg, an der Berliner Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen. Und über damals sagt sie: »Die haben mich nicht verstanden, und ich habe nicht nachgedacht.« Aber zum Glück hat sie für sich rechtzeitig die Reißleine gezogen.

2006 gab es dann die erste Marschal ­lin: »Ich frage mich, warum das keiner früher in mir gehört hat, aber ich habe es auch nicht zu verkaufen gewusst. So wurde doch noch die Weiche gestellt, der Zug ist nicht aus dem Gleis gekommen, sondern ist weitergefahren.« Die 45-Jährige ist heute berühmt, auf der Höhe ihrer Kunst, nicht nur bei Ken ­nern und Kollegen geschätzt. Ein Star ist sie jedoch nicht. So wie eigentlich auch ihre Landsmännin Anja Harteros. Bei bei ­den hat es mit Plattenfirmen nie richtig geklappt – »obwohl es Interesse gab«, so Schwanewilms, aber irgendwie ging aus mancherlei Gründen nichts Langfristi ­ges zusammen. Sie bedauert es kaum: »Ich wurde anderweitig beschenkt«, sagt sie nüchtern und schaut vorwärts, die Vergangenheit war kompliziert genug. Und auf der Netrebko-Glamourlauf ­bahn kann man sie sich sowieso kaum vorstellen.

Bei Schwanewilms´ in Gelsenkirchen wur ­ ­de immer schon gesungen, vor allem in der Kirche, aber auch in der Kü ­che beim Boh ­nenputzen. Bach und Haydn und Händel. Aber Oper, das kam in dieser Welt nicht vor. Vielleicht deshalb wurde sie zunächst Floristin und Gar ­ten ­ge ­stalterin, hatte einen eigenen Betrieb. Aber da war noch mehr, Un ­ ­sag ­bares. Sie hörte auf mit den Blumen und Büschen. Fünf Jahre gab sie sich, raste schnell durchs Stu ­dium, kam 1990 für zwei Spielzeiten ans Kölner Opernstu ­dio zu Hans Sotin. Ein Alt war sie damals, mit Tendenz zum Mezzo, für Ho ­senrollen à la Octavian und Kom ­po ­nist. Sie spürte aber lichtere Töne, so wie Anne Schwa ­newilms Musik oft in Far ­ben erlebt, sie als synergetisches Erleb ­nis begreift. Ihre Mittellage ist gut fundiert, ihr Timbre aber eigentlich immer hell, obwohl sie anfangs so gerne eine dunkle, warme Stimme haben wollte.

Eine Sängerin wie geschaffen für die Psychodramen Franz Schrekers: Anne Schwanewilms in den „Gezeichneten“ (Salzburg 2005, l.) und dem „Fernen Klang“ (Berlin 2003, r.). (Foto: Ruth Walz/Staatsoper Berlin)
<i>Eine Sängerin wie geschaffen für die Psychodramen Franz Schrekers: Anne Schwanewilms in den „Gezeichneten“ (Salzburg 2005, l.) und dem „Fernen Klang“ (Berlin 2003, r.). (Foto: Ruth Walz/Staatsoper Berlin)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe März 2013