Arthur Rubinsteins

Der glückhafte Virtuose

Wer einmal in die musikalische Welt Arthur Rubinsteins eingetaucht ist, dürfte es schwer haben, sich deren Zauber zu entziehen. Dank seiner klaren, alles eigenwillig Selbstverliebte hintanstellenden Gestaltungs ­weise entstanden Interpretationen von formvollendeter und leuchtender, »klassischer« Schönheit. Von Ingo Harden.

Arthur  Rubinstein vor einem Recital in Newark im Jahr 1969  –  fotografiert von seiner Tochter Eva. (Foto: Eva Rubinsein)
<i>Arthur Rubinstein vor einem Recital in Newark im Jahr 1969 – fotografiert von seiner Tochter Eva. (Foto: Eva Rubinsein)</i>

Arthur Rubinstein – der Pianist unseres Jahrhunderts« war eine Langspielplatte betitelt, die um die Mitte der sechziger Jahre in die Schaufenster unserer (damals noch in nennenswerter Zahl existierenden) Plattenläden kam. Die Formulierung »der Pianist...« deutete dezent an, worüber in jenen Jahren unter Kennern weitgehend Einigkeit bestand: dass nämlich Rubinstein, wenngleich er seit Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr in Deutschland auftreten mochte, unter den aktiven Großen seines Fachs am ehesten den Spitzenplatz verdiene.

Für Jürgen Meyer-Josten war er, den sein zeitweiliger kalifornischer Nachbar Thomas Mann den »glückhaften Virtuosen« nannte, durch die temperamentvolle »musikalische Direkt ­heit, Natürlichkeit und Überzeugungskraft« seines Spiels eindeutig »primus inter pares«. Joachim Kaiser stellte den 1887 geborenen Weltbürger polnischer Herkunft in seinem damals brandneuen Klavierbuch an die Spitze der Serie von Porträts »großer Pianisten in unserer Zeit«: »Wenn es«, meinte er, »unter den Pianisten einen ,Ersten´ geben könnte, dann wäre er es, so lange noch Kraft und Fantasie in ihm lebendig sind.«

Weltweit anerkannt war Rubinsteins Fähigkeit, nicht nur der Musik seines Landsmannes Chopin, sondern auch den Werken von Mozart oder Strawinsky, von Beethoven oder Poulenc stilistisch traumhaft sicher gerecht zu werden. Vor allem aber verband sein urgesund virtuoses Spiel den großen Zugriff der alten, nach-lisztschen Virtuosengeneration mit einer klaren, alles eigenwillig Selbstverliebte hintanstellenden Gestaltungs ­weise. Man fand darin viel vom Geist der Gegenwart widergespiegelt, von der jungen, auf Objektivität und Sachlichkeit setzenden Ästhetik. Wozu anzumerken ist, dass dieser ganz eigene Rubin ­stein-Ton offenbar nicht das Ergebnis eines langen musikalischen Entwicklungsprozesses war. Oder, mit Mozart zu reden, »eine Frucht langer und arbeitsreicher Bemühungen«: Er war ihm sozusagen angeboren. Zum Beispiel war Chopin für ihn nie etwas anderes »als ein kräftiger, sehr männlicher Schöpfer« fern aller Salonhaftigkeit, er setzte von Anfang an den damals geschmacksbestimmenden Auffassungen, etwa »Paderewskis übertriebener Sentimentalität« und »Cortots allzu großer Zartheit« Interpretationen von formvollendeter und leuchtender, »klassischer« Schönheit entgegen.

Und wie steht es heute, ein halbes Jahrhundert später, um unser Verhältnis zu Rubinstein? Hat der schon durch den zunehmenden zeitlichen Abstand unvermeidliche Perspektiv ­wandel sich negativ auf unser Bild von ihm ausgewirkt? Strahlen seine Interpretationen noch den alten Glanz aus? Sind sie noch »aktuell«? Eine Neuveröffentlichung von Sony, riesig und preisgünstig, bietet jetzt gute Gelegenheit zur Bildung oder Überprüfung des eigenen Standpunktes. »Arthur Rubinstein. The Complete Album Collection« heißt sie und ist erschienen aus Anlass der 125. Wiederkehr seines Geburtstages am 28. Januar und seines 30. Todestages elf Monate später, am 20. Dezember.

Arthur Rubinstein bei einem Treffen mit dem Pianistenkollegen Glenn Gould in New York 1969. (Foto: Eva Rubinstein)
<i>Arthur Rubinstein bei einem Treffen mit dem Pianistenkollegen Glenn Gould in New York 1969. (Foto: Eva Rubinstein)</i>

Sie steht in der Tradition der großen Kollektionen mit den RCA-Aufnahmen von Toscanini und Heifetz und toppt alle älteren Rubinstein-Sammlungen beträchtlich. Während die »Rubinstein Collection« von 1999 »nur« 94 CDs umfasste, bringt es die Nachfolgerin auf nicht weniger als 142 CDs und zwei DVDs. »Komplett« ist sie insoweit, als alle Rubinstein-Auf ­nahmen für His Master´s Voice und RCA (Victor) vertreten sind. Mit der Übernahme von Deccas Brahms-Konzert d-Moll mit dem 89-jährigen (!) Rubinstein und drei »Bonus-CDs« geht sie sogar noch ein Stückchen darüber hinaus. Hört man sie von A bis Z durch, hat man fast 96 Stunden Musik an sich vorbeiziehen lassen – knapp 5.746 Minuten genau, wenn ich richtig addiert haben sollte. Als Zugabe gibt´s noch drei Inter ­views und zwei Filme, nämlich einen 1975er-Konzertmit ­schnitt aus Pasadena und »Rubinstein Remembered«, den Ju ­biläumsbeitrag seines jüngsten Sohnes John von 1987.

Zwölf Dutzend Digitalscheiben – das bedeutet nun aber nicht, dass die neue »Collection« bisher unbekanntes Material en masse zu Tage fördert. Unveröffentlichtes bringen allein die letzten drei, als Bonus-CDs bezeichneten Bände mit Ausschnitten aus Rubinsteins New Yorker Konzertserie vom Herbst 1961, seinem legendären Zehn-Konzerte-Marathon, aus dem er selber nur weniges freigegeben hatte. Der um die Hälfte angewachsene Umfang erklärt sich primär aus der Entscheidung des Herausgebers Robert Russ, die alten Programme im Verhältnis 1:1 von LP auf CD zu übertragen – um den Preis, dass die heute üblichen Spielzeiten weit unterschritten sind, kaum je die alte LP-typische 50-, manchmal nicht einmal die 30-Minuten-Grenze erreicht wird. Erfreut stellt man fest, dass die neue Zusammenstellung weitgehend den Veröffentlichungsdaten folgt. Noch erfreulicher ist, dass die (unüblich soliden) Einsteckhüllen mit verkleinerten Abbildungen der originalen Platten ­co ­ver versehen sind. Die Sammlung gewinnt dadurch optisch an Attraktivität – und wird bei Besitzern einiger der alten Originale die nostalgischen Ge ­fühle verstärken.

Das beigegebene Textbuch ist mit 162 Seiten nur halb so dick wie der Vor ­gän ­ger von 1999, lässt aber von Aufma ­chung und Ausstattung her keine Wünsche offen. Erstmals bietet es zum Beispiel neben akribisch genauen Programmproto ­kol ­len ein alphabetisches und ein chronologisches Register. Alle drei zusammen machen das »Navigieren« im weitläufigen Rubinstein-Kosmos zu einem Kinderspiel. Großes Lob!

Aber zum Inhalt: Ob Wieder- oder Neubegegnung – wer einmal in die musikalische Welt Rubinsteins eingetaucht ist, dürfte es schwer haben, sich deren Zauber zu entziehen. Er wird von dem Glanz und Impetus dieses Klavierspiels unweigerlich in den Bann gezogen. Schon seine ältesten Aufnahmen zeigen einen gestandenen Supervirtuosen, der nicht mehr auf der Suche nach seinem Weg ist, sondern sein Publikum durch glänzende Virtuosität, durch Fülle und Schönheit des Tons, vor allem aber durch die emotionale Intensität seines Einsatzes packen will. Wirkungsvolles, großzügig freies oder, wie Rubin ­stein es nannte: »inspiriertes« Außer-sich-Geraten war ihm dabei allemal wichtiger als die Vorführung von verspieltem oder feinsinnig geschliffenem Kunsthandwerk. Er, in jungen Jahren großer Bonvivant mit dem gewissen Schlag bei Frauen, überrannte dabei oft so großzügig die Notenangaben, dass manche Zeitgenossen ihm »manque de sérieux« vorwarfen, Mangel an Ernsthaftigkeit.

Man stößt tatsächlich in seinen 78er-Aufnahmen nicht selten auf Stellen, in denen es einigermaßen wüst zugeht, etwa im Mitschnitt des ersten Chopin-Scherzos von 1932. Und er selber führte seinen späten Durchbruch in den USA, erst 1937 als 50-Jähriger, darauf zurück, dass er als junger Mann Kritikern und Publikum zu viele »falsche Noten« zugemutet habe. In Europa, dann auch in Süd ­amerika, war sein Ruf dagegen so gefestigt, dass His Master´s Voice in London ihm schon parallel zu Arthur Schnabels Gesamtaufnahme der Beethoven-Sonaten und Edwin Fischers »Wohltemperiertem Klavier« von Bach die Erstein ­spie ­lungen aller Scherzi, Polonaisen, Nocturnes und Mazurken von Chopin übertrug. Er hat »seine« unverzärtelte, formvollendete Sicht im Zuge der technischen Weiterentwicklung zur Kunststoffplatte und zur Stereophonie in den fünziger und sechziger Jahren dann noch zweimal fixieren lassen können. Gereifter, verfeinerter – aber die erste Serie blieb, was Sponta ­nei ­tät angeht, unübertroffen.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2012