Campino

Ich war nie Anti-Klassik

Normalerweise macht Campino als Sänger der „Toten Hosen“ Punk und Rockmusik – nun hat er für die Deutsche Grammophon eine neue Version von „Peter und der Wolf“ aufgenommen. Mit Clemens Haustein sprach er über seine gescheiterte Karriere als Trompeter, die Angst vor dem Publikum und das Lernen von der Klassik.

Foto: Erik Weiss/DG
Foto: Erik Weiss/DG

Die wildesten Zeiten als Punkrocker, mit Konzerten im Vollrausch und Schlägereien liegen schon ein paar Jahre zurück. Äußerlich sichtbare Spuren sucht man vergeblich. Frühmorgens um 10.30 Uhr treffen wir Campino, der eigentlich Andreas Frege heißt, in Berlin zum Interview. Er ist so munter und gut gelaunt, als habe er schon eine Runde Frühsport hinter sich – der 53-Jährige hält sich mit Kickboxen fit. Campino ist außerdem die Höflichkeit in Person. 20 Minuten hat er sich verspätet: „Ich hoffe, ich habe jetzt nicht Ihren ganzen Tag durcheinandergebracht.“ Natürlich nicht. Zur Strafe gibt es die erste Frage:

Campino, haben Sie eigentlich mal Blockflöte gespielt?
Blockflöte … (denkt länger nach). Tatsächlich. „ABC, die Katze lief im Schnee“ oder irgendsowas. Tatsächlich Blockflöte. Im Kindergarten. Ich war kein großes Talent.

War klassische Musik bei Ihnen zu Hause ein Thema?
Ja. Vor allem durch meine Mutter. Sie war leidenschaftliche Chorsängerin und wollte auch uns Kinder näher an die klassische Musik bringen. Meine Schwester ist dann auch Ballett-Tänzerin geworden, mit uns Jungs war es ein bisschen schwieriger. Als bei uns in Mettmann eine neue Musikschule eröffnete, fragte mich meine Mutter: „Welches Instrument würdest du denn am liebsten spielen?“ Ich antwortete: „Schlagzeug.“ Hatten sie an der Musikschule aber nicht. Meine Mutter meldete mich dann stattdessen beim Trompetenkurs an, um mich zu überraschen. Weil ich sie nicht enttäuschen wollte und weil ich wusste, wie viel der Unterricht kostete, habe ich vier Jahre lang klassische Trompete gelernt. Aber ich konnte das Instrument nicht wirklich zum Leben erwecken.

In welchem Alter war das?
Zwischen zehn und vierzehn Jahren. Höhepunkt meiner Karriere war der alljährliche Sankt-Martins-Umzug, wo ich mitblasen durfte. Das war es aber auch schon. Zu der Zeit bin ich auch nach Düsseldorf in die Tonhalle gefahren und habe Maurice André gehört. Ich wollte mich bemühen und meiner Mutter eine Freude machen, aber ich habe es nicht wirklich gut hinbekommen.

Sie haben vom Schlagzeug geträumt.
Unsere Nachbarn hätten das nicht mitgemacht, wenn nebenan jemand Schlagzeug geübt hätte. Man brauchte damals viel Glück, um einen Probenkeller zu finden, der halbwegs schallisoliert war. Ich hatte dieses Glück nicht und habe meine Laune am Schlagzeug erst ausgelassen, als wir schon eine Band gegründet hatten und es bereits einen etatmäßigen Schlagzeuger gab. Ich habe mich immer eine halbe Stunde vor und nach den Proben hingesetzt und ein bisschen gespielt. Aber da waren die Würfel mehr oder weniger schon gefallen in Richtung Gesang.

Sie haben von Ihrer Mutter erzählt. Ihr Vater hatte nicht so viel mit klassischer Musik zu tun?
Weniger. Der hat die Marschmusik-Komponente mit eingebracht.

Oh  …
Bei uns zu Hause gab es die ganze Bandbreite. Mein ältester Bruder war für Rock 'n' Roll zuständig, ihm bin ich erst einmal gefolgt. In der Klassik gefielen mir einzelne Sachen, aber es gab nie eine Grundfaszination. Ein abtörnendes Moment war auch, dass Klassik im Schulunterricht besprochen wurde – und alles, was in der Schule behandelt wurde, war für mich automatisch erstmal kein Thema. So wurden mir übrigens auch lange die Rolling Stones und die Beatles madig gemacht. Es war damals der Versuch unserer Lehrer, sich modern zu geben. Sie sagten: „Heute hören wir mal die Rolling Stones im Vergleich.“ Und dann hat man schon die Ohren zugeklappt.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2016