Elisabeth Schwarzkopf

Die Kunstdiva par excellence

Am 9. Dezember wäre sie hundert Jahre alt geworden: die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf, die wie Herbert von Karajan, Maria Callas, Nicolai Gedda und Dietrich Fischer-Dieskau zu den Künstlern gehörte, die in den frühen 50er-Jahren gemeinsam mit dem Produzenten Walter Legge eine autonome Ästhetik der Schallplatte zu entwickeln versuchten. Nun hat Warner eine 31 CDs umfassende Edition herausgebracht, die sämtliche zwischen 1952 und 1974 entstandenen Recitals umfasst.Von Jürgen Kesting

Foto: Angus McBean/Warner Classics
Foto: Angus McBean/Warner Classics

Der amerikanische Erzähler und Essayist Ethan Mordden zitiert in einem Buch über „The World of the Opera Diva“, mit dem anspielungsreichen Titel ,,Demented“, das Pamphlet einer „curiously unpopular singer of minor roles active in Vienna“: Lotte Heinotz, die in ihrem „Weltsopranführer“ zwischen der „Stimmdiva“ und der „Kunstdiva“ unterschied. Lotte Heinotz und der „Weltsopranführer“ sind Fiktionen, aber die Unterscheidung gehört zu den gut erfundenen Wahrheiten. Keine Frage, dass Elisabeth Schwarzkopf die Kunstdiva schlechthin war, auch wenn ihre Bewunderer, unter ihnen und voran der große Connaisseur John Steane, immer wieder die betörende Schönheit der Stimme selber gerühmt haben. Vielleicht haben sich die Bewunderer nicht in dem Maße behaupten können wie jene hostilen Stimmen, die in den letzten Jahren immer lauter – oder vorlauter? – geworden sind.

Eine wirklich „populäre“ Sängerin jedenfalls ist sie weder in ihren großen Jahren zwischen 1950 und 1970 gewesen, noch ist ihr Ruhm nach ihrem Abschied von der Bühne als Marschallin in Brüssel (1972) und vom Lieder-Podium in Zürich (1979) in die Gloriole übergegangen. Und während die Reputation von Maria Callas durch die Veröffentlichung einiger später Platten eher Kratzer bekam, gaben die 1999 und 2000 herausgebrachten „Unpublished recordings“ der Schwarzkopf aus den späten 40er- und frühen 50-Jahren nur ein einziges Rätsel auf: warum sie damals nicht veröffentlicht worden sind. Wegen eines kaum wahrnehmbaren Details, einer infinitesimalen Abweichung von der Tonhöhe, einer Nuance des Textes, einer rhythmischen Instabilität?

Es war jedenfalls hoch an der Zeit für die Firma Warner, die das Erbe der EMI betreut, zum 100. Geburtstag der Schwarzkopf sämtliche Recitals aus den Jahren 1952 bis 1974 herauszubringen – auf 31 technisch exzellent bearbeiteten CDs. Die ersten Aufnahmen von 1952 – ein Schubert-Recital mit Edwin Fischer als unvergleichlichem Klavier-Partner und eine Platte mit Mozart-Arien mit dem Londoner Philharmonia Orchestra – fallen in die Zeit der Einführung der Langspielplatte. Die letzten mit Schumanns „Frauenliebe und -leben“ versetzen uns, um einen Titel aus dem „Liederkreis“ zu zitieren, ins „Zwielicht“ ihrer Karriere.

Die Laufbahn von Elisabeth Schwarzkopf hatte im November 1935 mit Studentenkonzerten in der Berliner Hochschule für Musik begonnen. Ihre erste Lehrerin, die Altistin Lula Mysz-Gmeiner, von Brahms und Wolf hoch geschätzt, wollte aus der jungen Sopranistin mit der hellen Silberstimme partout eine Altistin machen. Elisabeth Schwarzkopf gelang es, in die Klasse eines Dr. Egonolf zu wechseln. Nach der 1937 beendeten Ausbildung wurde sie Mitglied der Solistenvereinigung Waldo Favre, die als Chor für die von Sir Thomas Beecham dirigierte Einspielung der „Zauberflöte“ engagiert wurde. Ihre ersten Bühnenpartien hat sie ab dem 13. April 1938 am Deutschen Opernhaus in Berlin gesungen: ein Blumenmädchen in „Parsifal“, Wellgunde in „Rheingold“, den Hirten in „Tannhäuser“ und Esmeralda in „Die verkaufte Braut“. In ihren ersten beiden Spielzeiten bestritt sie jährlich über 100 Aufführungen in 37 kleinen und mittleren Rollen. Doch nachdem sie sich am 28. September 1940 an die Zerbinetta in „Ariadne auf Naxos“ gewagt hatte, erhielt sie vom Bariton Karl Schmitt-Walter den Rat, ihre Technik durch ein erneutes Studium bei Maria Ivogün auf solidere Füße zu stellen.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2016