Elsa Dreisig

Die Frau mit dem  Turbo

Sie wird von Simon Rattle ebenso geschätzt wie von Daniel Barenboim, an dessen Staatsoper sie Ensemblemitglied ist. Keine schlechten Startbedingungen für die Sopranistin Elsa Dreisig, die gerade ihren Durchbruch erlebt.   

Von Clemens Haustein

Fotos: Warner Classics

Das Gespräch ist noch keine fünf Minuten alt, da erzählt die Sopranistin Elsa Dreisig, dass sie das Gefühl von Schnelligkeit braucht wie die Luft zum Atmen. Es war da auch schon zu sehen gewesen. Ratzfatz war die Tasse ausgelöffelt, die sich die Sängerin nach längerem Hin- und Herüberlegen am Tresen des Berliner Cafés bestellt hatte; über dem flüssigen Inhalt (heiße Schokolade oder Kaffee? das vergaß der nachlässige Reporter zu fragen) wölbte sich eine eindrucksvolle Haube aus Schlagsahne. Beim dritten Hinsehen war davon schon nichts mehr zu sehen.
Dass bei Dreisigs zügigem Tempo Gefahren auftreten, das hatte man da auch schon erfahren dürfen. Beim Interviewtermin vier Tage zuvor, Treffpunkt Künstlerpforte der Berliner Staatsoper, war zwar allerhand Theatervolk auszumachen, das dort wegen der bevorstehenden Ballettgeneralprobe ein- und ausschwirrte: orientalisch kostümierte Tänzerinnen, musizierlüsterne Staatskapellisten, russisch sprechende Familienangehörige, die ins Gebäude geschmuggelt sein wollten, Pförtner, die den Aus- und Eingang feixend moderierten – aber weit und breit keine Elsa Dreisig. Nach zwanzig Minuten trollte sich der Reporter, voll Selbstmitleid die Wunden seines verletzten Journalistenstolzes leckend.
Zwei Tage später eine lange Entschuldigungs-SMS: Es sei gerade so viel los in ihrem Leben und sie habe schlicht vergessen, sich den Termin in ihren Kalender einzutragen. Am Ende der Nachricht die etwas kulleräugig vorgetragene Frage: „Haben Sie denn noch Lust, das Interview zu machen?“, auf die der windelweich gewordene Reporter nicht anders kann, als mit einem selig seufzenden „Ja“ zu antworten. Fahr dahin, Journalistenstolz! Weshalb man also tags darauf mit ihr im Café sitzt, unweit der Staatsoper, einen schnell ausgetrunkenen Espresso (Reporter) und eine schnell ausgelöffelte Tasse vor sich (vielleicht war ja auch nur Sahne drin?), und sich mit Elsa Dreisig darüber unterhält, wie entsetzlich es ist, wenn es einmal nicht schnell geht. „Ich hasse es, langsam zu sein!“, sagt die Sängerin, vielleicht faucht sie sogar ein wenig. Die Ursache für den kleinen Ausbruch kennt man da bereits: Die Einstudierung ihrer Partie in Beat Furrers neuer Oper „Violetter Schnee“, einem Auftragswerk der Staatsoper, Uraufführung im Januar. Elsa Dreisig wurde – darf man das so sagen? – zur Teilnahme verdonnert, worin sich – das sollte man nicht vergessen – zugleich die höchste Wertschätzung des Hauses äußert, an dem sie seit einem Jahr Mitglied des Ensembles ist. Bei der Uraufführung eines Auftragswerkes haben, bitteschön, die besten und prominentesten Kräfte der Institution teilzunehmen! Ein Anspruch, mit dem – wir müssen der Sängerin hier ganz kurz in den Rücken fallen – die Berliner Staatsoper übrigens sehr Recht hat. Was nun dazu führt, dass sich Elsa Dreisig durch ihre erste große Opernrolle in der zeitgenössischen Musik quälen muss: „Nur zwei Seiten davon kriege ich täglich in meinen Kopf! Ich besitze kein absolutes Gehör! Ich habe gerade das Gefühl, eine ganz schlechte Musikerin zu sein!“


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2019