Felix Klieser

Erfinder der Klänge

Felix Klieser ist ein außergewöhnlicher junger Mann: Er spielt seit 18 Jahren Horn – was nicht jeder 22-Jährige von sich behaupten kann – und das ohne Arme. Dass sich der frühe Einstieg für ihn gelohnt hat, zeigt unter anderem seine Debüt-CD, auf der er sich in die romantische Hornwelt des 19. Jahrhunderts begibt. Ein Porträt von Stephan Schwarz.

Fotos: Steven Haberland/Edel
<i>Fotos: Steven Haberland/Edel</i>

Felix Klieser ist viel unterwegs in diesen Tagen. Fach- und sonstige Zeitschriften verlangen Interviews mit ihm. Der Hörfunk meldet sich ebenso beharrlich, und selbst das Fernsehen, das um Themen klassischer Musik normalerweise einen großen Bogen macht, verzehrt sich nach dem jungen Hornisten aus Niedersachsen. Anfang September sitzt er gemeinsam mit anderen Gästen bei Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers in der Radio-Bremen-Talkshow »3 nach 9«. Von Nervosität im Vorfeld keine Spur. Warum auch sollte sich einer, der so beherzt die hohen, kieksanfälligen Töne auf dem Horn angeht, von Fernsehkameras schrecken lassen? Wenn einem die Öffentlichkeit schon so bereitwillig entgegentritt – wovon viele Künstler in Kliesers Alter träumen –, sollte man sich ihr nicht entziehen. Auch wenn man manchmal abwägen muss, wie etwa im Fall von Markus Lanz. Ob er sich in dessen ZDF-Dampfplauderhöhle begeben soll, weiß Felix Klieser noch nicht so recht. Vorher möchte er wissen, was man dort eigentlich von ihm will. Zu erzählen gäbe es reichlich, zum Beispiel vom Programm seiner Debüt-CD mit Werken der Romantik, vom Hornspielen als solchem, von den Sorgen und Hoffnungen eines jungen aufstrebenden Musikers, der sich von den 22 Jahren seines bisherigen Lebens bereits 18 Jahre mit seinem Instrument beschäftigt. Nicht unwahrscheinlich wäre jedoch, dass ihn der Moderator nach jedem zweiten Satz unterbricht und fragt, wie er das eigentlich überhaupt alles hinbekommt – »so ganz ohne Arme«.

Es gibt schwere und leichte Behinderungen, solche, die man auf den ersten Blick nicht sieht, und solche, die mehr als offensichtlich sind. Dass Felix Klieser keine Arme hat, kann er nicht verbergen. Da er aber bereits ohne sie auf die Welt gekommen ist, kennt er es auch nicht anders. So wie andere lernen müssen, ihre Arme und Hände richtig zu gebrauchen, muss er sich seit frühester Kindheit in einem Leben einrichten, in dem man auf beides weitgehend verzichten muss. Mit Erfindungsreichtum und Übung funktioniert das ganz gut. Felix Klieser geht einkaufen, trinkt Kaffee, schreibt E-Mails, fährt Auto wie ein junger Gott, spielt Horn (auch wie ein junger Gott), nur dass er statt der Hände seine Füße gebraucht. Ob sie ein Wasserglas heben oder die Gabel zum Mund führen: Die Zehen sind ein flinkes, eingespieltes Team, auf das sich Felix Klieser jederzeit verlassen kann. Vor allem, wenn sie die Ventile seines Instruments bedienen, das beim Spielen auf einem speziell angefertigten Ständer aufliegt.

Als er anfing, war das Gestell noch nicht vonnöten. Stolze vier Jahre war der heutige Hornstar-Aspirant damals alt und musste seinen Eltern mit dem Wunsch, sich in das noble Instrument zu vertiefen, so in den Ohren gelegen haben, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als ihm zu folgen. Der Ursprung dieser frühkindlichen Hornleidenschaft liegt heute für Felix Klieser im Dunkeln: »In meinem familiären Umfeld ist niemand Musiker, geschweige denn Hornist. Auch im Freundes- und Bekanntenkreis hatte niemand etwas im Entferntesten mit Horn zu tun. Ich kann mich auch nicht erinnern, damals in einem Konzert gewesen zu sein, in dem ich je ein Horn gehört hätte.« Im Regelfall würde man Eltern schon aus mund ­anatomischen Gründen davon abraten, ein Kind dieses Alters ans Horn zu lassen. Auch die Musikschulleiterin in Göttingen, wo Felix Klieser geboren und aufgewachsen ist, versuchte dem Dreikäsehoch zunächst das Xylophon schmackhaft zu machen. Mit ebenso mäßigem Erfolg wie die Trompete, die als Nächstes zum Einsatz kam und trotz ihrer auffälligeren Verwandtschaft zum Horn keinen Blumentopf gewinnen konnte. Stattdessen triumphierte die kindliche Selbstbehauptung, und Felix Klieser wurde der wohl jüngste Horn-Eleve, den die Musikschule Göttingen je gesehen hatte. Die Suche nach einem Lehrer war nicht schwierig, denn es gab nur einen, und der ging die Sache recht unverkrampft an. »Wenn jemand mit vier Jahren und ohne Arme Horn   lernen möchte, dann ist das Allerallerletzte, woran die Menschen denken, dass er das einmal beruflich machen könnte.«

Dies war auch einer der Hauptgründe, warum Felix Klieser die entbehrungsreiche Aufzucht eines angehenden Berufsmusikers erspart blieb. Das Horn entwickelte sich zur Leidenschaft, hielt ihn aber nicht davon ab, »Briefkästen in die Luft zu sprengen oder Gleichaltrige zu ärgern«, so der Hornist über die unschuldigen Spiele der Kindheit. Ohne äußeren Drill konnte er sich auf sein Instrument konzentrieren. Die geringe Körpergröße erwies sich als Vorteil, denn hierdurch konnte er beim Spielen bequem sitzen bleiben, während das Horn, das am Anfang nicht wesentlich kleiner war als er selbst, auf dem Boden auflag. Die wahren Herausforderungen kamen später, mit voranschreitendem Wachstum. »Man hat ein Horn und muss es irgendwie festhalten. Wie löst man das?« Diese und ähnliche Fra ­gen stellten sich dem langsam in die Höhe schießenden Musiker. Sie stellen sich ihm noch heute und lassen ihn gelegentlich zum Erfinder werden. Um das Halteproblem zu lösen, entwickelte er besagten Ständer. Er ist verstellbar und lässt sich mit den Füßen leicht aufbauen. Schwieriger ist zu lösen ist ein anderes Problem: Beim Spielen ruht die rechte Hand des Hornisten immer im Schalltrichter. Dies nicht aus Bequemlichkeit, sondern um einen abgedunkelt sanften Klang zu erzeugen, der dem Instrument seine typische Stimme verleiht. Mit den Füßen konnte Felix Klieser diese Spieltechnik nicht simulieren, Lösungen mussten auf anderem Wege gefunden werden.

Felix Klieser und Christof Keymer sind ein eingespieltes Team. Die beiden Musiker kennen sich von der Musikhochschule.
<i>Felix Klieser und Christof Keymer sind ein eingespieltes Team. Die beiden Musiker kennen sich von der Musikhochschule.</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2013