Gidon Kremer

Kampf den „falschen“ Tönen

Eigentlich wollten wir mit Gidon Kremer über seine neue CD sprechen. Doch zwei aktuelle Anlässe lenkten das Gespräch in eine ganz andere Richtung. Bei unserem Treffen in der Kronberg Academy waren dem Geiger vor allem zwei Themen wichtig: Politik und das Geschäft mit der Musik. Bjørn Woll sprach mit dem lettischen Künstler deutsch-jüdischer Abstammung.

Gidon Kremer, hier beim Partiturstudium mit dem Komponisten Victor Kissine, ist immer auf der Suche nach der Wahrheit – nicht nur in der Musik. Foto: Andreas Malkmus/Kronberg Academy
Gidon Kremer, hier beim Partiturstudium mit dem Komponisten Victor Kissine, ist immer auf der Suche nach der Wahrheit – nicht nur in der Musik. Foto: Andreas Malkmus/Kronberg Academy

Es dauert gerade einmal 20 Minuten, bis man mit der S-Bahn aus der geschäftigen Wirtschaftsmetropole Frankfurt nach Kronberg gelangt. Doch die Gegensätze könnten größer kaum sein: Bereits am Bahnhof spürt man die abrupte Entschleunigung, fast kontemplativ ist die Atmosphäre in diesem pittoresken Städtchen im Taunus mit seinen nicht mal 20.000 Einwohnern. Doch die Idylle täuscht an diesen frühlingshaften Tagen Anfang März, denn in den Seminarräumen der Kronberg Academy spricht einer der besten Geiger unserer Zeit über ernste Themen.

1993 wurde die Kammermusikakademie in Kronberg gegründet und hat sich zu einer der international führenden Elite-Ausbildungsstätten entwickelt, der mittlerweile weltweit erfolgreiche Streicher wie Vilde Frang, Nils Mönkemeyer, Antoine Tamestit oder Nicolas Altstaedt angehörten. In der Vergangenheit waren es Musikerpersönlichkeiten wie Mstislaw Rostropowitsch oder Boris Pergamenschikow, die in Kronberg den Nachwuchs nicht nur instrumental unterrichteten, sondern auch auf die Anforderungen des Lebens als Berufsmusiker vorbereiteten. Heute sind es so bedeutende Künstler wie Ana Chumachenco, Christian Tetzlaff oder der Geiger Gidon Kremer.

Der hat Ende Februar auf Anraten seines Arztes eigentlich alle Termine abgesagt, doch die Arbeit mit dem künstlerischen Nachwuchs war ihm so wichtig, dass er eine Ausnahme macht. Aus aktuellem Anlass – später mehr dazu – lag ihm ein Thema besonders am Herzen. Und so beginnt er sein Seminar mit den Worten: „Klassische Musik und Business passen nicht zusammen!“ Es folgt eine spannungsgeladene Pause, bis der brillante Geiger mit dem nicht weniger brillanten Verstand eine Geschichte erzählt: „Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem englischen Manager, der einmal zu mir sagte: ,Gidon, du bist ein besonderer Interpret – aber nur für besondere Menschen.‘ Er sah mich an mit einer Mischung aus Respekt und Bewunderung, zur gleichen Zeit aber verringerte er meine Leistung, weil ein Manager seiner Meinung nach ein Produkt liefern muss, für das es eine große Nachfrage gibt. Was ich jedoch stets angeboten habe, war etwa ein Repertoire, das nicht nachgefragt war. Dann sagte er einen zweiten Satz zu mir: ,Vergiss nicht: Um mein Büro erfolgreich führen zu können, muss ich 30.000 Pfund pro Tag verdienen.‘ – Kein Wort über Musik! Für solche Manager sind Musiker nur ein Instrument, um Geld zu verdienen, damit die eigenen Geschäfte gut laufen. Es geht dann nur noch um Profit!“

Nach diesem mahnenden Auftakt spricht Kremer weiter mit der für ihn typischen eindringlich-leisen Stimme: „Ich bin unglaublich enttäuscht von einer Geschäftsangelegenheit!“ – Was war passiert? Im Februar war der Geiger mit der von ihm gegründeten Kremerata Baltica und dem Pianisten Daniil Trifonov auf Konzerttournee. Auf dem Programm standen neben den beiden Klavierkonzerten von Chopin auch Werke von Gorecki, Penderecki und Weinberg. Doch dann erkrankte Trifonov und musste den Rest der Tournee absagen. „Das war eine dramatische Wendung“, so Kremer. „Es ist absolut klar, dass Menschen und Künstler nicht einfach so ersetzt werden können. Aber normalerweise findet man in solchen Fällen zu einem Kompromiss, und jemand springt ein. Meine erste Reaktion waren also ein paar schlaflose Nächte, die ich mit der Suche nach einer Lösung verbracht habe. Aber Veranstalter und Promoter wollten nur Namen wie Martha Argerich, Evgeny Kissin oder Maria João Pires akzeptieren, die in diesem Moment aus verschiedenen Gründen nicht verfügbar waren. Letztendlich fand ich eine Lösung: Eine junge Künstlerin, die von Krystian Zimerman und Martha Argerich wärmstens empfohlen wurde, und die für die restlichen Konzerte sogar das gleiche Repertoire hätte spielen können. Doch der Veranstalter hat sich geweigert, den Ersatz zu akzeptieren. Der Name der Pianistin ist Yulianna Avdeeva, die Gewinnerin des Chopin-Wettbewerbs, bei dem Trifonov den dritten Platz belegt hat, und die mit der Kremerata Baltica bereits eins der Chopin-Konzerte gespielt hat. Diese Entscheidung erscheint auf allen Ebenen unlogisch, nicht nur, weil sie eine erfahrene und brillante Pianistin ist. Es ist auch keine Frage von Geschmack oder des ,Marktwertes‘ eines Künstlers. Hier ging es nur noch um Namen. Für mich war die ablehnende Haltung der Geschäftspartner niederschmetternd, weil das Geschäft wichtiger war als die Musik. Diesen kommerziellen Zugang zur Musik lehne ich strikt ab!“

Stets wägt Gidon Kremer seine Worte ab, wählt sie mit Bedacht. Aber spricht er sie einmal aus, haben sie Gewicht, formen eine Aussage, zu der der Geiger sich bedingungslos bekennt. Damit eckt er an, auch weil er kein Blatt vor den Mund nimmt. Kremer ist nicht nur in der Musik ein ruheloser Wahrheitssuchender: Er verfügt über einen scharfen Intellekt, den er immer wieder einsetzt, um sich zu Wort zu melden: zur Musik und zum Geschäft, damit aber auch zu Politik und Gesellschaft. Gleichgültigkeit ist ihm verhasst, stets bezieht er Stellung und tritt ein für seine Meinung. Im Musikbetrieb ist er damit ein Solitär, ein Unangepasster, der sich nicht nur Freunde macht. Die Wahrheit ist nicht immer bequem – aber Gidon Kremer ist es ein inneres Bedürfnis, sie auszusprechen. Als Ende Februar der russische Oppositionelle Boris Nemzov ermordet wurde, nahm er sogleich Stellung dazu in einem offenen Brief. „In diesen tragischen Stunden kann niemand gleichgültig bleiben, ebenso wie es unmöglich ist zu schweigen. Das Gewissen jedes ehrlichen Menschen, der Russland und die Freiheit liebt, muss unbedingt zu dem Verbrechen Stellung nehmen, das geschehen ist.“ – So war es dort zu lesen. Einen Tag nach der Diskussion mit den jungen Musikern sitzen wir in Kronberg beim Mittagessen. Schnell nimmt das Gespräch eine politische Wendung.

Herr Kremer, es ist nicht das erste Mal, dass Sie politisch Stellung nehmen. Liegt das für Sie in Ihrer Verantwortung als Künstler?

Die Veränderungen, die in Russland im Augenblick passieren, die fürchterlichen Ereignisse in der Ostukraine und der tragische Tod von einem der führenden Oppositionellen, haben mich zutiefst erschüttert – dazu wollte ich ein Geständnis abgeben. Ich bin eben kein gleichgültiger Mensch, und ich sehe auch für Musiker eine Pflicht, sich nicht nur mit der Musik zu schmücken und für sich selbst Profit aus ihr zu schlagen, sondern mit der Musik ein Statement zu geben. Das muss nicht immer politisch sein, aber wir müssen in der Musik eine Sprache der Seele und des Gewissens sehen: eine Sprache, die Gleichgültigkeit verneint.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2015