Grigory Sokolov im Porträt

Der Zauberer

Nach Meinung vieler Kenner ist Grigory Sokolov der bedeutendste Pianist unserer Zeit, doch vom großen Publikum wird er erst allmählich entdeckt. Andreas Kunz und Mario-Felix Vogt versuchen, Schaffen und Persönlichkeit dieses Genies zu ergründen.

Foto: Mary Slepkova/DG
Foto: Mary Slepkova/DG

Ein Sokolov-Abend vor ein paar Jahren. Unter den Zuschauern im abgedunkelten Saal sitzt ein renommierter Konzertpianist, der sich angesichts der unfassbaren Qualität von Sokolovs Spiel zugleich bewundernd und neidisch in seinen Sitz krampft. Der Oscar-prämierte „Amadeus“-Film kommt einem in den Sinn, wo Salieri jeder der „Don Giovanni“-Aufführungen seines Rivalen Mozart voller Verehrung lauscht, aber zugleich intrigiert, um eine vorzeitige Absetzung der Oper zu bewirken. Auch jenen Sitznachbarn scheinen widerstrebende Gefühle zu zerreißen.

Keine Frage, Grigory Sokolov hat die Macht, Menschen mit seiner Kunst zu verzaubern. Unter Kennern gilt der russische Künstler schon lange als einer der ganz Großen, viele sehen in ihm das Pianistengenie der Gegenwart, auf gleicher Stufe mit Svjatoslav Richter oder Glenn Gould; Anflüge von Uninspiriertheit erlebt man bei ihm sehr selten. Angesichts seines stilistisch breiten Repertoires, das Pretiosen aus knapp einem halben Jahrtausend umfasst – vom Renaissance-Komponisten William Byrd bis hin zum 1992 gestorbenen Boris Arapow – ist erstaunlich, dass er (fast) alles großartig spielt. Besonders hingezogen scheint sich der Russe zu Fréderic Chopin zu fühlen – und zu deutschen Komponisten wie Bach, Beethoven, Schubert, Schumann und Brahms. Nur auf Liszt habe er „einfach nie Lust“ gehabt.

Grundlage von Sokolovs Kunst ist seine phänomenale Technik. So wird man in Konzerten auch bei bekannten Werken mit ungeahnten Klangfarben oder dynamischen Schattierungen beschenkt; etwa, wenn am Ende des „Largo“ von Chopins h-Moll-Sonate das wunderbar elegische Anfangsthema wieder auftaucht: Sokolov wird dann plötzlich (noch) zarter und lässt es in einem unfassbar feinen Pianissimo leuchten. In seinen besten Momenten entlockt Sokolov dem Flügel einen kantablen Klang, der so schwebend ist, dass er aller Erdenschwere enthoben scheint.

Dieser Pianist scheint einfach alles zu haben: Leidenschaft und Virtuosität der russischen Klavierschule paart sich mit deutschem Tiefsinn und Strukturbewusstsein. Auch in schnellen Läufen ist jeder Ton rund und hat Kern, trotz seines Intellekts klingt sein Spiel natürlich, nie ist etwas einer vordergründigen Wirkung wegen forciert. In Bachs c-Moll-Partita modelliert er durch Non-Legato-Spiel die polyphonen Stimmen überaus transparent, wobei er im Unterschied zu dem ihm verwandten Glenn Gould die Linien mehr atmen lässt, während Gould durch motorischen Drive stärker mitreißt. Beglückend seine Triller, die kein anderer Pianist genussvoller zelebriert. Bei romantischer Literatur wiederum zeigt er seine Meisterschaft, das Tempo sehr frei zu gestalten, sein mitunter extremes Rubato aber so erscheinen zu lassen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Manchmal widmet sich Sokolov selten gespielten, scheinbar undankbaren Stücken und beweist durch seine Kunst, wie ignorant man bisher war: So und nicht anders muss das Werk klingen – oder?

Umso merkwürdiger, dass dieses Genie dem Konzertpublikum zumindest im Westen über Jahrzehnte hinweg fast unbekannt war. Dass er lange Zeit hinter dem „Eisernen Vorhang“ lebte, erklärt diesen Umstand nur zum Teil. Geboren wird Grigory Sokolov am 18. April 1950 in Leningrad/St. Petersburg, wo er heute noch lebt, wenn er nicht gerade tourt. Bereits im Alter von 16 Jahren gewinnt er den neben dem Chopin-Wettbewerb weltweit bedeutendsten Klavierpreis:  die Goldmedaille des Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerbs, die zuvor die Karrieren von Van Cliburn und Vladimir Ashkenazy befeuert hatte. Nach Lockerung der sowjetischen Reisebestimmungen Ende der 1980er-Jahre tritt er auch regelmäßig im Westen auf, doch anders als zuvor Richter und Gilels wird er vom breiten Publikum lange nicht wahrgenommen: Noch um die Jahrtausendwende spielt er vor lediglich ein paar Hundert Besuchern in der Essener Folkwang-Hochschule, und eine Garantie für ausverkaufte große Häuser haben die Veranstalter bis heute nicht. Woran liegt das?

In einer Zeit, in der Fotobroschüren mit attraktiven Gesichtern und Körpern für Plattenfirmen und Konzertagenturen bisweilen wichtiger zu sein scheinen als künstlerische Qualität, fällt er durch alle Raster. Nicht nur in puncto Präsentation, wenn er die Bühne eher wie ein korpulenter Butler denn ein Künstler betritt, eine Hand auf dem Frackrücken, die Verbeugung steif. Studioaufnahmen lehnt er kategorisch ab, und der jüngste (später veröffentlichte) CD-Live-Mitschnitt stammt von 1993! Erst seit Kurzem ist er bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag: Im Oktober 2014 unterschrieb er einen Vertrag bei der Deutschen Grammophon, die nun immerhin einen Konzertmitschnitt von 2008 auf den Markt bringt. Interviews gewährt er schon seit rund eineinhalb Jahrzehnten (fast) nicht mehr. 

Vor 15 Jahren räumte er im FONO FORUM ein: „Es ist schwierig, vom Publikum etwas zu kriegen. Die Leute hören ein Stück ja vielleicht zum ersten Mal – ich dagegen habe bereits ein ganzes Leben dafür geopfert“. Ein Konzert versteht Sokolov als Einbahnstraße von der Bühne in den Saal. Allerdings erlebt man das als Zuschauer in der Gewissheit, dass diesen Mann nichts erschüttern kann. So berichtet der Klaviertechniker Wolfgang Vornehm von einem Missgeschick während eines Radiokonzerts in der ausverkauften Münchner Philharmonie, für das Sokolov ein älteres, schon etwas lädiertes Instrument ausgesucht hatte: „Schon bei den Oktavsprüngen zu Beginn von Tschaikowskys erstem Klavierkonzert reißt eine Saite, was sowohl für den Künstler als auch den Stimmer ein GAU ist, weil es furchtbar scheppert, wenn der Draht quer über den anderen Saiten liegt, und man während eines Konzerts ja nicht auf die Bühne gehen kann. Ich diskutiere noch aufgeregt mit dem Tonmeister, als Sokolov während des Spielens in den Flügel reingreift, den Draht nimmt, ihn nach außen wegzieht und so die peinliche Situation für das Publikum kaum merkbar bewältigt – phantastisch“. 

Über den Menschen Sokolov weiß man wenig. In einem der seltenen Filmdokumente, einer Folge der Serie „Galerie der Musik“ vom Sender Russland, erzählt Sokolov von seinem Elternhaus: „Meine Eltern sind keine professionellen Musiker, aber mein Vater hat Geige gespielt, und unser Zuhause war voller Musik, was sehr wichtig ist. Als ich drei Jahre alt war, bemerkte man, dass es schwierig ist, mich von Musik wegzureißen. Ein Jahr später haben meine Eltern eine Lehrerin zu uns gebeten und gefragt: ‚Was können wir mit ihm machen?‘, woraufhin sie antwortete: ‚Zurzeit nichts. Warten Sie bitte ein Jahr, und dann kaufen Sie ein Klavier und ermöglichen ihm Unterricht.‘ Als ich dann mit fünf angefangen habe Klavier zu spielen, vergaß ich meinen Traum, Dirigent zu werden. Gewöhnlich sind Musiker zuerst Pianist oder Geiger und wollen später unbedingt dirigieren, bei mir ist es dagegen genau andersherum gelaufen.“

Zum Klavier scheint er in der Folgezeit ein geradezu symbiotisches Verhältnis entwickelt zu haben: Bei Konzerten kann man – wenn auch nicht so extrem wie bei Glenn Gould – eine ähnlich geduckte, fast embryonale Körperhaltung beobachten, so, als wolle er in den Flügel geradezu hineinkriechen: „Im Unterschied zur Geige ähnelt ein Flügel dem menschlichen Organismus: Er wird älter, erkrankt und stirbt. Genauso wie ein Mensch mit 20 oder erst 80 Jahren sterben kann, tut dies auch der Flügel, beide haben eine Art genetische Disposition. Dies liegt wohl daran, wie das Material mit der Klangerzeugung zu tun hat. Der Filz reagiert genau wie das Holz sehr stark auf Temperaturschwankungen, was den Klang eines Instrumentes so verändern kann, dass man es nicht mehr erkennt. So gibt es nichts Feindlicheres für einen Flügel als Open Air-Konzerte – solche Veranstaltungen sind für mich unprofessionell. Denn genau wie ein Baby nach der Geburt benötigt ein Flügel 20 bis 22 Grad Raumtemperatur, und wenn er weint, müssen wir versuchen herauszufinden, was ihn stört.“

Eine verantwortungsvolle Aufgabe kommt in diesem Zusammenhang dem Klaviertechniker zu: „Ich suche den Flügel aus und versuche dann herauszufinden, was er kann und möchte, und was nicht – auch deshalb, um diese Erfahrung mit dem Klaviertechniker zu besprechen. Aber vorher muss ich das Instrument so gut wie möglich verstehen, und dem Flügel ist es genauso wichtig, mich zu verstehen. Für mich ist der Flügel ein gleichwertiger Partner mit eigenem Charakter, und wir müssen eine gemeinsame Sprache finden.“ Renommierte Klaviertechniker berichten, dass Sokolov nicht die schönsten Instrumente wählt, sondern die interessantesten, was er bestätigt: „Gesunde, sportlich-frische Instrumente gibt es selten, und im Grunde sind sie unangenehm, weil sie nichts können.“ Er soll sich die Charakteristik aller Steinway-Flügel eingeprägt haben, die er je gespielt hat, inklusive Seriennummern. In der Branche hat er den Ruf, selbst kleinste Macken sofort zu erspüren – auch, wenn sich der Flügel nach dem Stimmen nur um Zentimeter auf der Bühne verschoben hat. Ein Klaviertechniker berichtete von einem erregten Anruf Sokolovs bei ihm zu Hause am späten Abend, dem am nächsten Tag eine über zehnstündige intensive Arbeit am Instrument folgte; aber alle Einwände des Meisters seien berechtigt gewesen, wenn es auch überwiegend um feinste Details gegangen sei.

Während er gerne über Instrumente spricht, sind Äußerungen über noch lebende Musikerkollegen nicht überliefert. Musik scheint für Sokolov etwas zu sein, das er – vom Publikum abgesehen – nicht mit anderen teilt. So unterrichtet er nicht, gibt keine Meisterkurse und spielt seit vielen Jahren weder Kammermusik noch Klavierkonzerte. Letzteres begründet er mit zu geringer Probenzeit, aber die Abneigung geht darüber hinaus: „Ich mag Soloabende mehr, weil alles in meinen eigenen Händen liegt, denn die minimalste Einmischung beeinflusst das künstlerische Ergebnis: Beim Zusammenspiel mit einem Orchester sind das 100 Musiker und ein Dirigent! Dirigenten teile ich in drei Kategorien auf: Mit manchen ist es angenehm zusammenzuspielen, aber das gilt nur für ganz wenige.Viel größer ist die Kategorie von Dirigenten, die beim Spielen nicht stören. Und dann gibt es noch Dirigenten, die aktiv stören. Dirigenten, die Musik lieben, sind selten. Ich benötige einen, der auch das Talent besitzt, zu begleiten, denn wenn wir uns das erste Mal treffen, gibt es für uns beide nur eine Interpretation: meine.“ Eine kompromisslose Haltung, die großes Selbstbewusstsein demonstriert. Am Starrummel berauscht hat sich Sokolov dagegen nie. Als er 2010 vom Klavier-Festival Ruhr den „Ehrenpreis für seine außerordentlichen Leistungen“ erhielt, war bezeichnend, dass ihn die Preisverleihung weit mehr anzustrengen schien als das eigentliche Konzert.

Foto: Mary Slepkova/DG
Foto: Mary Slepkova/DG

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2015