Händels Orgelkonzerte

Neuschnee betreten

Händels Orgelkonzerte benötigen kein Pedal und lassen sich somit problemlos auf dem Flügel spielen. Doch die Pianisten ließen sie links liegen. Jetzt haben gleich zwei Künstler die Werke eingespielt: Matthias Kirschnereit und Ragna Schirmer. Was an den Stücken so besonders und schwierig ist, erfuhr Mario-Felix Vogt im Gespräch mit den beiden Interpreten.

Während Matthias Kirschnereits Händel-Spiel  durch einen intimen und schlanken Ton geprägt ist ... Foto: Maike Helbig/PR....  zeigt Ragna Schirmer nicht nur auf der Hammond-Orgel, dass Händel auch mal rocken und swingen
<i>Während Matthias Kirschnereits Händel-Spiel durch einen intimen und schlanken Ton geprägt ist ... Foto: Maike Helbig/PR.<br />...  zeigt Ragna Schirmer nicht nur auf der Hammond-Orgel, dass Händel auch mal rocken und swingen darf. Foto: Robert Dämmig/Edel</i>

Seit ihrem Erscheinen 1738 zählen Händels Orgelkonzerte zu seinen beliebtesten Werken. Allein die bekannteren Stücke aus op. 4 wurden bis 1770 mindestens dreizehn Mal neu aufgelegt, zwölf Mal davon nur in der Solofassung ohne Orchester, was zeigt, dass vor allem Cembalisten die Konzerte solistisch oder mit Streichquartett-Begleitung spielten. So verwundert es nicht, dass sämtliche Editionen bis zum frühen 19. Jahrhundert mit der Bezeichnung »Für das Cembalo oder die Orgel« veröffentlicht wurden.

Der Cembalist und Musikwissenschaftler Siegbert Rampe weist darauf hin, dass es zwei Umstände gibt, denen die Stücke ihre ursprüngliche Bestimmung als Orgelkonzerte verdanken. Diese hängen eng mit Händels Biographie zusammen. Seit den 1730er Jahren waren seine Musiktheaterwerke nach dem Modell der italienischen Opera seria in London immer weniger gefragt, im Gegenzug feierten jüngere Komponisten, darunter auch einige Händel-Schüler, mit englischen Singspielen große Erfolge. Zu allem Unglück hatte es außerdem Händels Konkurrenzunternehmen, die »Opera of the Nobility« (zu Deutsch: Oper des Adels), 1734 unter der Führung des Komponisten Nicola Porpora geschafft, fast sämtliche Sängerstars von Händel abzuwerben und den berühmten Soprankastraten Farinelli für mehrere Jahre nach London zu holen. Dieser avancierte rasch zum absoluten Publikumsliebling, Händel musste sich also dringend etwas einfallen lassen.

Zum einen ersetzte er zunächst nur während der Fastenzeit die italienischen Opern in seinem Theater durch englischsprachige Oratorien, ab 1742 wurden sogar ganzjährig Oratorien aufgeführt, und die Oper verschwand komplett vom Spielplan. Ab 1735 waren die Orgelkonzerte (von Zeit zu Zeit auch Concerti grossi) als Zwischenaktmusiken feste Bestandteile der Oratorienaufführungen. Insofern ist der Aufstieg der Orgelkonzerte eng mit den sensationellen Erfolgen von Händels Oratorien verbunden. Liest man die Aufführungsberichte, so ist es schwierig zu entscheiden, ob die Leute eher wegen der Vokalwerke, der Sänger oder der Orgelkonzerte kamen.

Auf der anderen Seite wollte Händel als brillanter Solist dem Kastratensuperstar Farinelli entgegentreten. Hierfür war das traditionell im Theater verwendete Cembalo mit seinem eher zarten Klang nicht geeignet, die klanglich fülligere Orgel hingegen schon. Einige Konzerte aus op. 4 wurden in direkter Konkurrenz zu Live-Auftritten des Sängers aufgeführt, außerdem wurden einzelne Werke wie das Konzert Nr. 13 mit dem Beinamen »Der Kuckuck und die Nachtigall« und das Konzert Nr. 14, das ebenfalls den Gesang der Nachtigall motivisch aufgreift, von der Singweise des Kastraten beeinflusst.

Auch wenn er vor allem als Interpret von Mozart und deutscher Romantik bekannt geworden ist, so kennt er doch Händels Musik von klein auf. Matthias Kirschnereit ist in einem lutherischen Pastorenhaushalt aufgewachsen. »Dadurch hatte ich sehr viel mit Kirchenmusik zu tun«, erklärt der 1962 im westfälischen Dorsten geborene Pianist.

Die Orgeln, die er in seiner Jugend kennen gelernt hat, stammten zumeist aus der Werkstatt des berühmten norddeutschen Orgelbauers Arp Schnitger: »Das waren gewaltige Instrumente, auf denen man sich Bachs d-Moll-Toccata bestens vorstellen kann.« Im Gegensatz dazu sei das Modell, für das Händel seine Konzerte schrieb, bestenfalls ein »Orgelchen«, bemerkt Kirschnereit verschmitzt. In der Tat hat er seine Orgelkonzerte für ein kleines Orgelpositiv mit nur einem Manual und ohne Pedal komponiert. Dies müsste eigentlich die Werke für Pianisten interessant machen, doch vor Matthias Kirschnereit und Ragna Schirmer gab es niemanden, der die Konzerte auf einem Flügel   aufgenommen hatte.

Wie kam Kirschnereit eigentlich dazu? »Durch den Produzenten Burkhard Schmilgun von CPO. Er hatte mich schon vor längerer Zeit gefragt, ob ich Interesse hätte, Orgelkonzerte von Händel aufzunehmen«, erzählt Matthias Kirschnereit, »doch da habe ich gleich entgegnet: Danke der Nachfrage, aber ich bin kein Organist.« Kirschnereit überlegte, ob er die Stücke vielleicht auf einem Cembalo oder Hammerflügel aus etwas späterer Zeit realisieren sollte, verwarf jedoch den Gedanken wieder: »So etwas können doch Spezialisten viel besser.« Aber Schmilgun hatte sowieso die Idee, dass die Konzerte auf einem modernen Flügel eingespielt werden sollten, und wollte dieses Projekt unbedingt mit Kirschnereit verwirklichen.

Der erbat sich Bedenkzeit, besorgte sich einige Aufnahmen der Konzerte in der Originalbesetzung mit Orgel – und war enttäuscht: »Einige Einspielungen fand ich ausgesprochen langweilig«, bekennt er, »diese Musik mit dem doch sehr unflexiblen Orgelton klingt in der Substanz manchmal einfach etwas dünn und nicht so vital, dass sie mich wirklich mitreißt.« Doch der Pianist erkannte, dass sich aus der Musik auf dem Flügel etwas machen lässt – wenn er selbst kreativ wird. Außerdem reizte ihn der Gedanke, »Neuschnee zu betreten«, wie er es formuliert. Er sagte zu und vertiefte sich in die Werke. Eine Menge Arbeit lag vor ihm.

Händels Konzerte mal in verjazzter Form zu spielen und sich selbst dafür an die Hammond-Orgel zu setzen ist schon lange ein Traum von Ragna Schirmer. Nun hat sie ihn wahrgemacht. Die Arrangements dafür schrieb der Dirigent Stefan Malzew (recht
<i>Händels Konzerte mal in verjazzter Form zu spielen und sich selbst dafür an die Hammond-Orgel zu setzen ist schon lange ein Traum von Ragna Schirmer. Nun hat sie ihn wahrgemacht. Die Arrangements dafür schrieb der Dirigent Stefan Malzew (rechts am Vibraphon). Foto: Robert Dämmig/Berlin</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Dezember 2013