James Rhodes

Furien der Leidenschaft

Anmerkungen zur großartigen und zugleich verstörenden Biografie des englischen Pianisten James Rhodes

Foto: Dave Brown
Foto: Dave Brown

Der erste Satz ist so furchtbar, dass man das Buch sofort in die Ecke schmeißen möchte. Er lautet:
„Von klassischer Musik krieg ich’n Ständer.“
Abgesehen davon, dass mich der Ständer von James Rhodes nicht interessiert, kann ich Bücher mit Flaps-Sprache à la „ich’n“ nicht ausstehen.
Der zweite Satz versöhnt, aber noch nicht ganz, dafür klingt das alles zu kokett. Er lautet:
„Mir ist klar, dass das für manche Leute kein wahnsinnig vielversprechender erster Satz ist.“
Bingo, jetzt hat er mich schon fast, ich lese weiter, und der Autor braucht nur noch wenige Sätze, um mich so in sein Buch reinzuziehen, wie das lange keiner geschafft hat.
DIESES BUCH IST EINE BOMBE.
Es ist eine Granate, die in Kopf und Herz zündet, die aber keine Verwüstungen anrichtet, die eher ver- als zerstört. Dieses Buch hat das, was man Furor nennt: Da toben, rasen, wüten die Furien der Leidenschaft. Rhodes hat Wut, schon im Titel, und die lässt er raus, geballt, und das ist nicht immer leicht zu ertragen, aber immer zu verstehen, denn er erklärt alles. Als schönes, anziehendes Kind im Internat wird James Rhodes von einem Lehrer vergewaltigt, missbraucht, über Jahre. So schmerzhaft, dass er später Operationen braucht, um seinen Körper wieder funktionsfähig zu machen. Obwohl er, wie er sagt, nicht alles erzählt, um den Leser zu schonen, erzählt er schon genug, um ihn zutiefst zu erschrecken und zu entsetzen. Ein Martyrium hat dieses Kind durchgemacht, und die Chance, da je wieder rauszukommen, war denkbar gering. Selbsthass, Drogen, Selbstverstümmelung, als junger Mann landet Rhodes immer wieder in der Psychiatrie, haut ab, wird wieder eingeliefert, und was rettet ihn? Ein iPod mit Kopfhörer und klassischer Musik, den ihm ein Freund bringt. Rhodes hatte schon als Kind in der Schule ein Klavier entdeckt, da­rauf gespielt, um sich in seinem Elend irgendwie abzulenken, die Musik, wie dilettantisch auch immer, half ihm, die Klänge taten ihm gut, das Versinken mit den Tasten. Aber jetzt hört er ganz bewusst, lässt sich ein auf das Wunder Musik und ist gerettet.
„Ich tauchte unter die Bettdecke ab. Ohrhörer eingesteckt. Tiefste Nacht. Dunkel und unmöglich still. Und ich drückte auf Play und hörte ein Stück von Bach, das ich noch nie gehört hatte. Und es versetzte mich an einen Ort solcher Herrlichkeit, solcher Ergebung, Hoffnung, Schönheit, unendlichen Weite, dass es so war, als berührte man das Angesicht Gottes.“
Wer Bachs Musik kennt, weiß: Hier spricht Gott, immer. Und in Rhodes´ Fall war es die Tür zu einem endlich anderen Leben:
„Und jetzt war ich fest entschlossen. Ich wusste, dass dieser Ort nicht der richtige Ort für mich war. Hier konnte ich nicht gesund werden. Nicht mit so vielen Pillen, so viel Irrsinn, so viel Trash-TV und Langeweile. Ich musste auf die korrekte Weise raus, ein für alle Mal.“


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2016