Johannes Moser

Getragen von der Liebe zur Musik

Die letzte Aufnahme von Johannes Moser wurde in FONO FORUM als CD des Monats ausgezeichnet. Nun erscheinen zeitgleich drei weitere Einspielungen des Cellisten. Unserem Autor Norbert Hornig verriet er sein Erfolgsgeheimnis und warum er vor dem Debüt in der Berliner Philharmonie mit einem Mentaltrainer gearbeitet hat.

(Foto: PR)
<i>(Foto: PR)</i>

Seit Sie 2002 den Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen haben, ging es mit Ihrer Kar ­riere steil bergauf. Einen solchen Erfolg wirk ­lich zu nutzen gelingt nicht jedem. Warum ist bei Ihnen alles so gut gelaufen?

Viele, die einen bedeutenden Wett ­be ­werb gewinnen, begreifen diesen bereits als Höhepunkt ihrer Laufbahn. Ich habe ihn als Startschuss wahrgenommen, für mich war es die »Stunde null«. Ich habe den Wettbewerb genutzt, um Dirigen ­ten vorzuspielen, die mich dann oft zu ihren Orchestern mitgenommen haben. Ma ­riss Jansons, Lorin Maazel oder Esa-Pek ­ka Salonen. Es gab viele, die nach dem Wett ­bewerb bereit waren, mich anzuhören, und mir eine Chance gegeben haben. Man muss sie natürlich auch nutzen und diese Situation bestehen, denn Di ­rigenten haben ja die Auswahl unter vielen Cellisten. Und warum jetzt gerade ich? Solch ein Vorspiel bietet die Mög ­lich ­keit, sich nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich kennen zu lernen, ein ausschlaggebender Moment. Da ent ­scheidet sich, ob man miteinander arbei ­tet oder nicht. Besonders prägend war für mich das Vorspiel bei Zubin Mehta, der mich nicht nur zum Los Angeles Phil ­harmonic, sondern jetzt auch zu den Berliner Philharmonikern gebracht hat.

Ihr Debüt bei den Berliner Philhar ­mo ­ni ­kern im September liegt hinter Ihnen. Wie haben Sie dieses Konzert erlebt?

Als ich das Engagement bekam vor zwei Jahren, war die Freude natürlich riesengroß. Aber schnell wurde mir klar, welch große Belastung das bedeutete. Man begibt sich ja auf eine Weltbühne. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich das schaffen würde, so groß war der Respekt vor dieser Aufgabe. Zwei Jahre habe ich mich dann nicht nur instrumen ­tal, sondern auch psychologisch vor ­bereitet und mir Sportler zum Vor ­bild genommen, für die es im Leben viel ­leicht nur einmal die Chance gibt, an einer Olympiade teilzunehmen. Diese Chan ­ce war so einmalig, das wollte ich nicht dem Zufall über ­lassen und habe mich mit einem Coach vorbereitet. Was im Sport heute selbst ­ ­verständlich ist, gibt es im klassischen Musikbereich noch eher selten: dass man sich auf einen großen Mo ­ment ganz aktiv vorbereitet und nicht mit dem Zufall spielt.

(Foto: Manfred Esser/Hänssler)
<i>(Foto: Manfred Esser/Hänssler)</i>

Mit einem speziellen Mental ­trai ­ning?

Ja. Ich bin zu meinem Trainer gegangen mit der Maßgabe, dass ich diese vier Konzerte aus vollem Herzen genießen möchte und mir nachher sagen zu können, wirklich mein Bestes gegeben zu haben. Dann haben wir ein auf mich zugeschnittenes Programm absolviert als Vorbereitung auf diese ganz konkrete Situation, ergänzend zur intensiven Be ­schäftigung mit dem Schumann-Cello ­konzert. Mit Erfolg, denn das, was mir möglich war, konnte ich auch zeigen. Diese Beschäftigung nicht nur mit der Mu ­sik, sondern auch mit meinen Ängsten und der Problematik eines solchen Auf ­tritts hat mich sehr gefestigt und auch offen werden lassen für Zustände, denen ich vorher vielleicht aus dem Weg gegangen bin. Da hat sich noch einmal ein neues Tor geöffnet.

Kennen Sie so etwas wie Routine nach zehn Jahren Konzertbetrieb? Von Cel ­lis ­ten werden doch vor allem die wenigen Standardkonzerte verlangt: Haydn, Schumann, Dvorák, Elgar, Schostako ­witsch...

Es gibt diese Gefahr, absolut. Ich gehe dagegen vor, indem ich ein ­mal im Jahr meine Noten zum Beispiel des Dvorák-Konzertes zerreiße, mir eine neue Aus ­gabe kaufe und Tabula rasa mache, noch einmal aktiv in die Partitur schaue und Strich ­bezeichnungen und Fin ­gersätze neu überdenke. Mit der Zeit schleifen sich näm ­lich Dinge ein, oft sind es nur Kleinigkeiten, die aber auf Schlam ­pigkeit und eben auf Routine beruhen. Aber ich habe auch das Glück, dass man mich, mit Blick auf meine Diskogra ­phie, auch für Konzerte etwa von Hindemith, Lalo oder Martinu engagiert. Zudem ha ­be ich das Privileg, neue Stücke in Auf ­trag geben und aufführen zu können. So sorge ich dafür, dass mein Haus ­halt an Konzerten immer frisch bleibt. Vor Jah ­ren habe ich auch das Elgar-Konzert ein ­mal für drei Saisons ganz beiseitegelegt, weil ich diesem Werk gegenüber eine Art emotionale Erwartungshaltung hatte. Sich selber nicht mehr überraschen zu kön ­nen, das ist gefährlich. Dann droht die Routine.

Eigentlich sollte es doch bei Cellisten heute kein Repertoireproblem mehr geben. Sie leben zwar von den Standard ­konzerten, aber es gibt viele neue Werke.

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhun ­dert der Celloliteratur. Einfach weil die Cellisten jetzt in der Lage waren, die Herausforderungen auch anzunehmen. Als das Dvorák-Konzert geschrieben wurde, beherrschte niemand dieses Werk wirklich, es galt als unspielbar. Die Konzerte von Lutoslawski, Dutilleux oder Ligeti werden bleiben und die Schostakowitsch-Konzerte natürlich, sie sind ja heute absoluter Standard. Mir persönlich liegt das Hindemith-Konzert sehr am Herzen. Hindemith wird zu Unrecht als ein spröder und »trockener« Komponist bezeichnet, dabei hat er so viel Humor und Kraft. Hindemith hat sehr kräftig orchestriert, und es gibt ein Balanceproblem. Da muss man schon ordentlich zulangen, damit alles hörbar wird. Ich sehe nicht, wie ich den Katalog von Einspielungen zum Beispiel der Bach-Suiten nennenswert bereichern könnte. Aber mit dem Hindemith-Kon ­zert kann ich etwas bewegen.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe März 2012