John Eliot Gardiner

»Bach muss man tanzen können«

Die Motetten von Johann Sebastian Bach begleiten John Eliot Gardiner bereits das ganze Leben. Mit seinem Monteverdi Choir hat er nun eine CD mit Bach-Motetten aufgenommen und gastiert für vier Konzerte in der Kölner Philharmonie – natürlich auch mit Bach. Marco Frei traf sich mit ihm in München.

(Foto: Tony Buckingham/PR)
<i>(Foto: Tony Buckingham/PR)</i>

Herr Gardiner, wie ist Ihre Sicht auf die Motetten von Bach mit der Zeit gewachsen?

Ich glaube, mein Glück war es, dass mir als Knabensänger geduldig und klar erklärt wurde, wie wichtig der Text ist und die Musik gestaltet und bestimmt – nicht nur bei Johann Sebastian Bach, sondern auch bei Heinrich Schütz. Ich wuchs mit der geistlichen Chormusik von Schütz auf. »So fahr ich hin zu Jesu Christ«, »Die mit Tränen säen«, »Ich bin der rechte Weinstock«, »Ich bin eine rufende Stimme«, »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes«, »Selig sind die Toten«, »Das ist je gewisslich wahr«: All diese Stücke beherrschte ich bereits auswendig, als ich ein kleiner Junge war. Bach war für mich im Grunde dasselbe, aber komplexer – und für einen Jungen schwieriger zu singen.

Spielt die Leipziger Motetten-Sammlung »Florilegium Por ­tense«, die Erhard Bodenschatz zwischen 1618 und 1621 herausgegeben hatte, für die Bach´schen Motetten nicht auch eine große Rolle – zumal sie Bach nachweislich studiert hat?

Für die Interpretation der Bach-Motetten spielt das Wissen um diese Sammlung keine Rolle. Man steht als Interpret vor gewaltigen Problemen und Herausforderungen, wenn es um die Bach-Motetten geht, aber dies zählt nicht dazu.

Obwohl seinerzeit diese 365 Motetten in Bachs Wirkungs ­stätte Leipzig auf Begräbnissen verwendet wurden, was ein zentraler semantischer Kontext von Bachs Motetten ist?

Wenn Sie mich fragen, von welchen Motetten aus dem 17. Jahrhundert Bach sehr beeinflusst war, würde ich Schütz nennen. Und Gleiches gilt für Bachs Großonkel Johann Christoph. Der hatte, so denke ich, einen enormen Einfluss auf Bach. Beide hatten generell sehr viel gemein – sowohl schöpferisch als auch geistig und persönlich.

John Eliot Gardiner ist einer der größten Bach-Kenner unserer Tage. Vermutlich gibt es keine Note in Bachs Vokalwerk, die er noch nicht mit seinem Monteverdi Choir zur Aufführung gebracht hat. Nun gelingt dem Maestro und seinen Sängern mit
<i>John Eliot Gardiner ist einer der größten Bach-Kenner unserer Tage. Vermutlich gibt es keine Note in Bachs Vokalwerk, die er noch nicht mit seinem Monteverdi Choir zur Aufführung gebracht hat. Nun gelingt dem Maestro und seinen Sängern mit den Motetten ein neuer Coup auf CD. (Fotos: Anima Mundi Festival/PR)</i>

Inwieweit?

Sie waren verwandte Seelen. Das betrifft gerade auch ihre Haltung, wie sie gegenüber Autoritäten auftraten. Oder wenn es um die Trübsal geht, auf dieser Erde zu leben. Wissen Sie, leben kann richtig beschissen sein. Beide haben das so empfunden, beide hatten damit Probleme, beide haben das durchdrungen. Und beide haben eine Musik von unglaublichem Pathos geschrieben, mit tröstenden Gemüts- und Empfindungs ­qua ­li ­täten. Das ist wundervoll. Ich denke wirklich, dass es mir sehr geholfen hat, dass ich frühzeitig mit der strengen Rhetorik der deutschen Schule des 17. Jahrhunderts konfrontiert wurde – und mit den Vorstellungen und Ideen von Martin Luther, wie sie sich in der Musik äußerten. Das war das eine.

Und das andere?

Andererseits lernte ich, wie wichtig der Tanz bei Bach ist. Deswegen ist auf dem CD-Cover der Bach-Motetten ein Seil ­tänzer abgebildet. Mit der Wahl des Tempos alleine hat das nichts zu tun. Es ist vielmehr die Art der Phrasierung, das gestische Element. Man muss generell genau wissen, wie man eine Sarabande tanzt oder was für eine Gigue gemeint ist, denn es gibt verschiedene – die italienische und die französische. Man muss wissen, was eine Forlana ist oder ein Menuett. Und man muss letztlich das alles auch selber tanzen können und mit jemanden erprobt haben, der Barocktanz studiert hat. Das habe ich getan. Man braucht in der Interpretation eine Elastizität und Eleganz.

Was ja eben generell für Bach gilt, gerade auch für seine Instrumentalwerke.

Ja, absolut. Man muss lernen, gleichzeitig zu singen und zu tanzen. Oder es eben auch in einer tänzerischen Art spielen. Diese Herangehensweise durch den Sinn des Textes einerseits und den Sinn des Tanzes andererseits hat sich im Laufe meines Lebens nicht verändert – vom Anfang bis heute. Und bis zum Ende wird es so bleiben. Was sich aber geändert hat, ist die Erfahrenheit, um den Motetten von Bach gerecht werden zu können. Es bedarf so unglaublich viel an Kontrolle und Ver ­ständnis von jedem einzelnen Sänger: Wenn es auch nur ein bisschen träge oder schwer ­fällig wird, ist schon alles verloren. Es ist wie bei einem Soufflé, das zusammen ­fällt. Man muss agieren wie ein Pilot, der das Flug ­zeug mit Hilfe der Ma ­schinen in den Him ­ ­mel hebt, dann aber das Flug ­zeug durch die Luft gleiten lässt.

Trotzdem spielte der Tanz in der Bach-Interpre ­ta ­tion des 19. und 20. Jahr ­hun ­derts kaum eine Rolle. Mussten Sie, als Sie in den 1960er Jahren den Monte ­verdi Choir grün ­deten, für Ihre Sichtweise kämpfen?

Oh ja. Das war von Land zu Land unterschiedlich, und von Situation zu Situation. Für mich war es in Cambridge sehr schwierig, weil es dort eine starke Chortradition gab, mit der ich ganz und gar nicht einverstanden war. Alles war so auf Harmonie aus, sehr weich, sanft und gütig – ein bisschen wie eine gezähmte Raubkatze. Das hatte zwar Fleisch, aber keine Knochen. Und war überhaupt nicht sexy.

Wie haben Sie die Situation in Deutschland erlebt, wenn man etwa an Karl Richters Bach-Bild denkt?

Die sehr bombastische, schwere Weise, Bach zu musizieren, habe ich in Deutschland als besonders schwierig empfunden. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich 1967 nach München kam, um ein Konzert mit Karl Richters Bach-Chor und seinem Bach-Orchester zu hören. Sie haben die Motette »Singet dem Herrn ein neues Lied« gesungen, und ich wollte meine Hände über die Ohren legen, weil es so laut war – wie ein Panzer, wie eine Armee in der Schlacht. Ich habe das nicht genossen und fühlte nicht, dass das irgendetwas mit Bach zu tun hatte. Ganz sicher tanzte es nicht. Ich sage nicht, dass es in Großbritannien besser gewesen sei. Das war es nicht. Ich hörte, wie Benjamin Britten die »Johannes-Passion« dirigierte, und natürlich hörte ich auch Richter oder Helmuth Rilling. Aber ich bin ohne Vorbild in der Bach-Interpre ­tation aufgewachsen.


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