Jonas Kaufmann

Uptodate

Alles, wirklich alles scheint ihm in der Stimme zu liegen: Was Jonas Kaufmann anpackt, wird zu musikalischem Gold. Nun stellt der deutsche Tenor in seinem aktuellen Album wieder einen wichtigen Teil des italienischen Repertoires in den Vordergrund: Arien von Giacomo Puccini. Manuel Brug über einen Sänger, der es mit allem und allen aufnehmen kann.

Foto: Julian Hargreaves/Sony
Foto: Julian Hargreaves/Sony

Bitte nicht kaufen, vor dieser CD wird gewarnt!“ Diesen Hinweis würden wir gern öfters bekommen. Erspart viel Hörzeit und Geld. Dass aber ein Sänger seinen Fans sein eigenes Produkt verbietet, das ist schon eher selten und komisch. Der Tenorissimo Jonas Kaufmann hat diesen ungewöhnlichen Schritt unternommen. Auf seiner Facebook-Seite hat er folgendes Statement veröffentlicht: „Liebe Freunde, bitte lasst euch vom Titel der Decca-CD ‚Jonas Kaufmann – The Age Of Puccini‘ nicht täuschen! Diese Kompilation enthält lediglich drei Puccini-Titel (…). Bei den übrigen 18 Titeln handelt es sich (…) um bekannte Aufnahmen in neuer Verpackung. Das Ganze wurde ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung erstellt.“

„DECCAdent“, ätzen dann auch gleich die Fans über einen Vorgang, der eigentlich ganz normales Geschäftsgebaren ist. Gut, nun mag man die englische Traditionsfirma, die bei Universal Classics neben der einst stolzen, ebenfalls zusammengeschrumpften Deutschen Grammophon nur noch eine Art von Inprint-Label ist, längst nicht mehr „The Opera Company“ nennen – so wie sie sich einst, in der goldenen Pavarotti-, Tebaldi- und Sutherland-Ära, zu Recht titulierte. Aber sie hatte eine gute Nase und konnte für einige Anfängerjahre den heute führenden Tenor verpflichten. Bis der – zusammen mit dem Label-Chef – zu Sony wechselte. Wo (noch) das Geld sitzt, spielt auch die Musik. Branchenbasisweisheit.

Klar sollte einem Künstler freilich sein, dass er für gewöhnlich sämtliche Rechte an seinen Aufnahmen verkauft hat, die Plattenfirma darf damit machen, was sie will. Jonas Kaufmann veröffentlicht aktuell mit großem Werbeaufwand ein Album aller Puccini-Arien. Damit liegt er im Trend, die Bregenzer Bodensee-„Turandot“ oder dieselbe Oper gerade als akustische Verfolgungssättigungsbeilage in „Mission Impossible“ (wie vorher „Tosca“ bei „James Bond“) beweisen das. Alle Puccini-Arien? Aktuell werden die Hits „Che gelida manina“ aus „La bohème“ und „E lucevan le stelle“ aus „Tosca“ fehlen. Die hat Kaufmann 2007 für Decca aufgenommen, sie sind bis 2017 für ihn im Studio gesperrt. Logisch, dass Decca jetzt ihre Archivschätze nochmals vor der Neuveröffentlichung an den Fan zu bringen versucht.

Und logisch auch, dass der düpierte Kaufmann darüber schimpft – und nutzt das natürlich auch als Werbung für das eigene Album. Also hat Decca dem bissigen Tenor doch einen Dienst erwiesen … Und dieses neue Album, es ist ein sehr schönes geworden. Dabei ist es im Grunde eine einfache Kalkulation: Man nehme den gegenwärtig populärsten Tenor (Plácido Domingo ist ja inzwischen Bariton), kombiniere ihn mit dem besten italienischen Orchester und dem für italienische Opern stilistisch könnerischsten Dirigenten – und lasse sie alle in Arien von Giacomo Puccini schwelgen. Der Bestseller ist dabei schon vorprogrammiert.

Und trotzdem hat man sich alle Mühe gegeben, nicht den leichtesten Weg zu gehen. Chor und Orchester der Accademia Nationale di Santa Cecilia sind zwar mit dem Idiom vertraut, spielen als Konzertklangkörper freilich gar nicht so viel Opernmusik. Also gibt es viel Enthusiasmus und gar keine Routine, alle lassen sich von ihrem geschätzten Chefdirigenten Antonio Pappano zu dieser süffigen Musik (ver-)führen, nehmen sie aber nicht (zu) leicht.

Und auch der deutsche Tenor weiß, dass hier nicht nur der die Spitzentöne stemmende Strahlemann gefragt ist. Ihm sind besonders die Arien aus den beiden Frühwerken „Le Villi“ und „Edgar“ ein Anliegen: „Die sind wie ein Experimentierkasten. Puccini ist schon deutlich erkennbar, aber die Solonummern sind schwerer, länger und viel komplexer. Später hat er es verstanden, wirkliche, eindeutige und doch sehr individuelle ‚Schlager‘ zu schreiben. Eine späte Puccini-Arie ist wie ein Hit-Tune heute, ganz bewusst auf kurze Spielzeit und einen nicht zu langen Aufmerksamkeits-Slot konzipiert. Da ist sehr up to date, so wie Puccini ja generell ein moderner Künstler war. Einer, der sich für zeitgenössische Erfolgsstücke wie Belascos ,Butterfly‘ oder ,The Girl From The Golden West‘ interessierte, für Schönberg und Strawinsky, für schnelle Autos und Grammophone. Das kulminiert dann alles in ,Turandot‘. Puccini ist der letzte Volkskomponist geworden, aber mit Anspruch. Man darf es sich mit ihm nicht zu leicht machen.“

Tut Jonas Kaufmann nicht, da ja für ihn gegenwärtig Erntezeit ist – nicht nur in Sachen Puccini. Der augenblicklich erfolgreichste Tenor nimmt auf dem Höhepunkt seines Erfolges wie seiner Kunst alles mit, was er kriegen kann. Und bleibt dabei durchaus seriös. Trotzdem sind die nächsten Monate – die unerwartete Decca-Ausschlachtung mit einem Wimpernzucken wegwischend – auch kommerziell unglaublich souverän durchgeplant.

Zur Platte gibt es die entsprechende Europatournee (dann allerdings mit der Staatskapelle Weimar unter Jochen Hieber) zwischen dem 14. und 29. Oktober und zwei Nachzügler-Konzerte am 6. und 13. April 2016. Am 12. September hat er bei der weltweit übertragenen Last Night of the Proms in der Royal Albert Hall für Puccini (und die eigene CD) geworben.

Im Herbst erscheinen zudem zwei Puccini-DVDs mit zwei seiner eindrücklichsten Rollendebüts. Mit der aufopferungsvollen Sängerdarstellerin Kristine Opolais sang Jonas Kaufmann im Frühjahr 2014 an der Royal Opera Covent Garden einen glutvollen Studenten Des Grieux („für mich die anspruchsvollste und längste Puccini-Partie, völlig unterschätzt, eigentlich müsste die Oper nach ihm heißen“) in einer konventionellen Produktion von Jonathan Kent; freilich von Pappano bestens auf Klangspur gebracht. Und mit der wunderbar stimmigen, verletzlichen und doch robusten Nina Stemme reifte er im Oktober 2013 in Wien aus dem Stand zu einem alle Westernschurken-Klischees hinter sich lassenden Dick Johnson im hinreißend sentimentalen wie orchestral avantgardistischen Western-Reißer „La fanciulla del West“. Franz Welser-Möst dirigierte idiomatisch, und Marco Arturo Marelli gelang eine einfache, aber atmosphärische szenische Umsetzung.

Foto: Bill Cooper/ROH
Foto: Bill Cooper/ROH

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2015