Juan Diego Flórez

Vom Jüngling zum Mann

Juan Diego Flórez weiß technische Virtuosität mit dem Charme eines Herzensdiebs zu verbinden, was ihn stets unter den Rossini-Tenören auszeichnete. Auf seinem neuen Album taucht der Peruaner in die Welt der französischen Oper ein – mit einem herausragenden Ergebnis, wie der Stimmenfachmann Jürgen Kesting findet.

Dieser Mann hat es eindeutig drauf: Juan Diego Flórez’ Bedeutung an der Tenorspitze unserer Tage ist nicht zu unterschätzen. Foto: Thomas Grube/PR
<i>Dieser Mann hat es eindeutig drauf: Juan Diego Flórez’ Bedeutung an der Tenorspitze unserer Tage ist nicht zu unterschätzen. Foto: Thomas Grube/PR </i>

Die Jahre bringen viel Erquickliches mit sich, wenn sie kommen«, so heißt es in der »Ars Poetica« des Horaz, »rauben aber vieles davon wieder, wenn sie schwinden.« Ach, das Altern! Der Dichter-Philosoph ging in seinem »Sermo« – einem Brief an einen Vater mit zwei Söhnen – von vier Lebensaltern aus: dem puer (Knaben), iuvenis (Jüngling), vir (Mann) und senex (Greis). Dem dramatischen Dichter erteilte er den Rat, dass er die männlichen Rollen nicht dem Knaben überlassen dürfe: »Wir werden uns immer in dem aufhalten, was dem Alter eigen ist und zu ihm passt.«

Eine treffende Metapher für das Leben eines Sängers. Seit seinem Debüt beim Rossini-Festival in Pesaro verkörpert der peruanische Tenor Juan Diego Flórez den unbekümmert-strahlenden Jüngling, dessen Stimme auf Flügelschuhen dahingleitet, gleich jenen, mit denen Fred Astaire in »Königliche Hochzeit« die Decke eines Zimmers als Tanzfläche nutzte. Das Debüt liegt 18 Jahre zurück, und mit 41 ist Flórez kein Jüngling mehr. So betritt er denn auch mit »L´Amour« – seinem ersten neuen Recital seit vier Jahren! – ein neues Terrain: das der französischen Oper aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vorweg sei gesagt, dass die 18 Jahre nichts geraubt haben; dass Flórez weiterhin ein Fußgänger der Lüfte ist; dass sein Singen sich nach wie vor auszeichnet durch Brillanz und Exuberanz, Spontaneität und technisches Finish.

Doch zunächst ein Blick auf seine Laufbahn. Flórez wurde am 13. Januar 1973 in Lima geboren. Sein Vater Ruben war ein bekannter Sänger volkstümlicher Musik. 1990 begann er mit dem Musikstudium am Nationalen Konservatorium von Peru. Nach einem Jahr begann er mit der systematischen Gesangsausbildung bei Andrés Santa Maria, dem Direktor des Coro Nacional. Seit 1993 konnte er dank eines Stipendiums drei Jahre lang am Curtis Institute of Music in Philadelphia studieren. Bühnenaufführungen des Instituts – von Rossinis »Barbiere« und »Il Viaggio à Reims« bis zu Bellinis »I Capuleti« und Strauß´ »Fledermaus« (Alfred) – schufen die idealen Voraussetzungen für den Eintritt ins Sängerleben. 1994 fand er in dem peruanischen Tenor Ernesto Palacio (Partner von Marilyn Horne in »L´Italiana in Algeri«) einen wichtigen Mentor. Palacio erkannte sogleich Flórez´ Eignung für das Belcanto-Repertoire, insbesondere für die vokalen Choreografien von Rossini, deren Pirouetten und »Ballons« – die schwebende Sprungfähigkeit des Tänzers – er 1995 mit Marilyn Horne erarbeitete.

Flórez war noch ein »iuvenis«, als er sich 1996 um einen Platz an der Rossini-Akademie in Pesaro bewarb. Nach dem Probesingen wurde ihm die kleine Rolle des Ernesto in »Ricciardo e Zoraide«   angeboten. Da er – nach der Maxime: Bereit sein ist alles – auch die ausschweifend-verzierte Titelpartie des Ricciardo vorbereitet hatte, konnte er bei den Proben den noch nicht anwesenden Gregory Kunde ersetzen und damit seine Eignung für größere Aufgaben beweisen. Vor eine solche Aufgabe wurde er sogleich gestellt, weil der für die Partie des Corradino in »Matilde di Shabran« vorgesehene Bruce Ford hatte absagen müssen. Flórez konnte sich auf das verlassen, was jeden Virtuosen auszeichnet: die Reserven des Könnens. Er lernte den Part in wenigen Tagen und verhalf der als »verstörend blass« eingeschätzten Oper (Sabine Henze-Döhring in Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters) am 13. August 1996 zum Erfolg.

Knapp vier Monate später, am 7. Dezember, gab er unter Leitung von Riccardo Muti sein Debüt am Teatro alla Scala: in Glucks »Armide«. 1997 sang er, erneut »on short notice«, in einer konzertanten Londoner Aufführung von Rossinis »Elisabetta Regina d´Inghilterra« die Partie des Leicester. »Zum ersten Mal hatte ich ein d´´ zu singen und, in der zweiten Hälfte, zahllose Cis´´. Die Leute glauben, dass die Arie aus »La Fille du Régiment« am schwersten ist. Es gab zwei Arien (in Elisabetta), die schwerer sind.«

Die Arie des Tonio aus »La Fille du Régiment«: »Ah mes amis, quel jour de fête«. Mit ihr war Luciano Pavarotti am 17. Februar 1972 an der Met zum »King of the high C« arriviert. Tonio wurde zur Leib-und-Magen-Partie von Juan Diego Flórez. Über seine erste Aufführung am 21. April 1998 an der Met hieß es in »Opera News«: »Die opening night sorgte für Schlagzeilen, weil ein ehernes Gesetz der Met – das Verbot von Dacapos – gebrochen wurde. So wurden aus Tonios neun Cs volle 18. Juan Diego Flórez ,nailed them‘ mit chirurgischer Präzision und einem hübschen Punch.« Ein Jahr zuvor hatte er das gleiche »Tabu« auch an der Mailänder Scala gebrochen: mit dem ersten Dacapo seit 1933. Auf Youtube wurde die Arie – aufgezeichnet 2007 in Wien – 522.449 Mal (zum Zeitpunkt des Schreibens) aufgerufen.

Im Jahre 2001 unterzeichnete Flórez einen Vertrag mit Decca, die ihn als Rossini-Tenor präsentierte. Die Geschmeidigkeit, mit der er seine silbrig-helle Stimme durch Skalen und Arpeggios führte, Triller und Gruppetti formte, und die Brillanz seiner nie »telegrafierten« Acuti ließen ihn als Wiedergänger jenes stratosphärischen Tenors erscheinen, den Stendhal in »La Vie de Rossini« als den einzigen Tenor seiner Zeit gepriesen hat: Giovanni David, für den Rossini in seiner neapolitanischen Zeit zwischen 1815 und 1823 ein halbes Dutzend Partien geschrieben hat. Hatten die Jahrzehnte zwischen 1810 und 1840 als »das Zeitalter Beethovens und Rossinis« gegolten, so musste Rossinis »klassische« Oper schon bald dem Ansturm des romantischen Melodramma und des Verdi´schen Musikdramas weichen. Mit ihr verschwand auch der Tenor-Virtuoso, der zum Beispiel die Fiorituren in Almavivas »Cessa di più resistere« (»Il Barbiere«) singen oder in die hohen Lagen von Lindoros »Languir per una bella« (»L´Italiana in Algeri«) steigen konnte. Selbst Luigi Alva, der einst mit dem Beinamen Alvaviva geschmückt wurde, musste sich in der vielgerühmten Aufnahme des »Barbiere« unter Claudio Abbado mit Hunderten von Aspiraten durch die Koloratur-Passagen mogeln. In der ersten Aufnahme von »Semiramide« mit Joan Sutherland und Marilyn Horne wurde dem Sänger des Idreno die Arie »Ah dov´è, dov´è il cimento« erspart.

In der Aufführung von Rossinis „Zelmira“ beim Rossini-Festival in Pesaro. In der Geburtsstadt des Komponisten hatte Juan Diego Flórez als junger Sänger an der Akademie angefangen. Foto: Studio Amati Bacciardi/Decca
<i>In der Aufführung von Rossinis „Zelmira“ beim Rossini-Festival in Pesaro. In der Geburtsstadt des Komponisten hatte Juan Diego Flórez als junger Sänger an der Akademie angefangen. Foto: Studio Amati Bacciardi/Decca</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2014