Julia Lezhneva

Früh vollendet

Ausnahmetalent: Wenn aktuell eine Nachwuchssängerin diesen Titel verdient, dann die erst 23-jährige Julia Lezhneva. In der Verbindung aus technischer Perfektion und erfüllter Interpretation lässt sie schon jetzt so manchen etablierten Star alt aussehen. Björn Woll hat sich die Sängerin angehört, auf der Bühne und auf CD.

(Foto: Uli Weber/Decca)
<i>(Foto: Uli Weber/Decca)</i>

Ein Freitagabend in der Kölner Philharmonie. Auf dem Programm: Händels Oratorium »Il trionfo del tempo e del disinganno«. René Jacobs dirigiert das Freiburger Barockorchester. Der Schlussapplaus gehört zwar der Sopra ­nis ­tin Sunhae Im, die gerade mit einem hinreißend gesungenen »Tu del ciel« den Zuhörern den Atem geraubt hat; die Über ­raschung des Abends jedoch ist eine erst 23-jährige Sängerin aus Russland: Julia Lezhneva. Bereits im ersten Teil des Oratoriums begeistert sie im rasanten »Un pensiero nemico di pace«, das Jacobs in schier Schwindel erregendem Tempo nimmt. Kein Problem indes für die junge Sopranistin: Mit traumwandlerischer Sicherheit folgt sie dem Dirigenten durch die Koloraturenketten. Über eine derart schnelle Kehle verfügen heute höchstens noch Sängerin ­nen wie Joyce DiDonato oder Diana Damrau.

Doch Julia Lezhneva ist mehr als eine Lie ­fe ­rantin perfekter Töne. Als sie zum Da-capo-Teil von »Lascia la spina« ansetzt, jener Arie, die Händel in seinem »Rinaldo« recycelte und die als »Lascia ch‘io pianga« zum Evergreen wurde, scheint die Zeit stillzustehen. Die von René Jacobs stammenden Verzierungen werden bei Julia Lezhneva zu Ausdrucks ­gesten, die mehr sind als das gesungene Wort: Jedes Ornament ist, bei gleichzeitig perfekter technischer Kontrolle, ein Kraft ­werk der Emotionen. Die Spannung im Saal war fast greif ­bar, kein Husten, kein Räuspern, kein Atmen störten die Konzen ­t ­ration auf diesen Augenblick.

Geboren wurde Julia Lezhneva am 5. Dezember 1989 auf der russischen Insel Sachalin. Doch anders als die meisten Nachwuchskünstler stammt sie nicht aus einer musikalischen Familie, beide Eltern waren Geophysiker. Eine Begabung, die Julia Lezhneva nicht teilte: »Selbst die einfachsten mathematischen Aufgaben fielen mir schwer.« Ihre Mutter, eine begeisterte Klassikhörerin, war es schließlich, die das Talent ihrer Tochter erkannte. Mit elf Jahren hörte sie das Vivaldi-Album von Cecilia Bartoli: »Das war wie ein Schock für mich. Ich hatte noch nie eine Stimme gehört, die so schnell singen kann.« 2008 schloss sie ihr Gesangsstudium am Moskauer Konservatorium ab und setzte ihre Ausbildung an der International Academy of Voice in Cardiff bei dem walisischen Tenor Dennis O‘Neill fort, den sie als die prägende Figur in ihrer Entwicklung als Sängerin bezeichnet.

Kennern der Szene ist Julia Lezhneva seitdem keine Unbekannte: 2010 sang sie auf Einladung von Kiri Te Kanawa die Arie »Fra il padre« aus Rossinis »La donna del lago« bei den Classical Brit Awards. Auf dem Videoportal Youtube ist der Auftritt nachzuschauen: Ein Beispiel stupender Virtuosität, in dieser so schwierigen Musik, die so leicht klingen muss. Hat man seit Marilyn Horne jemals wieder Rossini-Töne so perfekt und zugleich so zauberhaft aus dem Mund einer Sängerin perlen hören? Youtube war dann auch die Initialzündung für eine schick ­salhafte Begegnung in der noch jungen Karriere der Sängerin: »Marc Minkowski sah eines meiner Videos und lud mich als Sopran für seine Aufnahme von Bachs h-Moll-Messe ein, das war mein erstes Projekt im Ausland. Eigentlich war das der Beginn meiner Karriere.«

Mit Minkowski gab sie 2010 auch ihre Debüts bei der Salz ­burger Mozartwoche und den Salzburger Festspielen. 2011 sang sie, erneut unter Minkowski, die Rolle des Urbain in Meyerbeers »Hugenotten« in der viel gerühmten Produktion am Brüsseler Théâtre La Monnaie, was ihr die Auszeichnung »Nachwuchssänger des Jahres« der »Opernwelt« einbrachte. Und auch auf dem Plattenmarkt ist Julia Lezhneva seitdem mit einigen hervorragenden Aufnahmen vertreten: Erst kürzlich brillierte sie in der Decca-Aufnahme von Händels »Ales ­sandro« (Empfehlung des Monats in FF 12/12). Und beim Label Naïve liegt ein Soloalbum mit Rossini-Arien vor sowie eine Gesamtaufnahme von Vivaldis »Ottone in villa« unter Giovanni Antonini, ebenfalls eine prägende Gestalt: »Mit ihm hatte ich meinen ersten Kontakt mit der italienischen Oper. Ich war damals noch Studentin in Moskau, als ich für die Auf ­nahme von ,Ottone in villa‘ engagiert wurde. Weil ich bisher noch nie italienische Oper gesungen hatte, lud er mich ein, das Werk mit ihm zu studieren. Er hat mir so vieles beigebracht. Das hat vor allem mit der italienischen Sprache zu tun, denn ich spreche leider kein Italienisch. Aber Giovanni Antonini hat mir den Sinn der Worte so genau erklärt, dass meine Phra ­sie ­rung hinterher klang wie gesprochene Sprache. Ich hatte das Gefühl, wirklich Italienisch zu sprechen.«

Am Morgen nach dem Konzert treffen wir Julia Lezhneva in einem Kölner Hotel. Der funkelnde Bühnenzauber vom Vorabend ist verschwunden. Ruhig sitzt sie auf dem kleinen Sofa in ihrem Zimmer, spricht mit leiser, aber ernsthafter Stimme. Sie ist ein nachdenklicher Mensch, fast ein bisschen zu erwachsen für ihre 23 Jahre. Während ihre Altersgenossen sich noch mit Etüden an der Musikhochschule plagen, feiert sie bereits internationale Erfolge. Für Julia Lezhneva jedoch kein Grund zum Abheben. Irgendwie scheint bei ihr alles außergewöhnlich, die Perfektion ihrer Gesangstechnik ebenso wie der erstaunlich abgeklärte und bodenständige Blick auf das Business und die Fallstricke im Leben eines Berufsmusikers: »Normalerweise bin ich sehr vorsichtig. Natürlich bin ich viel unterwegs, aber ich versuche zum Beispiel, niemals am Tag vor einem Konzert zu reisen. Wenn es möglich ist, komme ich so, dass ich zwei oder sogar drei Tage vorher ,frei‘ habe.«

(Foto: Uli Weber/Decca)
<i>(Foto: Uli Weber/Decca)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2013