Kim Kashkashian

Klassik als Ganzkörpersyndrom

Kim Kashkashian gehört zu den berühmtesten Bratschistinnen überhaupt und hat erheblich zur Emanzipation der Viola als Soloinstrument beigetragen. Mit Kai Luehrs-Kaiser sprach sie über ihre zwei Wurzeln, Keith Jarrett und den amerikanischen Stil.

(Foto: Foto: Gabo/DG)
<i>(Foto: Foto: Gabo/DG)</i>

Sind diese armenischen Hirten-Schlappen etwa kein Schlag ins Gesicht des amerikanischen Showbusiness?! In biodynamischen Jesus-Sandaletten, darüber ein gerades Hängerchen, betritt Kim Kashkashian die Bühne des Berliner Konzerthauses. Der schöne Schlabberlook begünstigt den europäischen Charakter von Alfred Schnittkes Viola ­konzert. Von Kashkashian wird es fantastisch gespielt. »Ich habe zwei Wurzeln«, sagt sie tags drauf. »Mein Vater sang mir jeden Tag Lieder seiner armenischen Heimat vor.« Geboren wurde sie in Detroit/Michigan.

Zum Gespräch verabredet sich Kim Kash ­kashian in Berlin-Kreuzberg. Sie kommt direkt von der Probe bei der Multi-Perkussionistin Robyn Schulkowsky. In einem Eckcafé verzehrt sie eine beeindruckende Menge Käse-Nudeln. Telefoniert mit ihrer Tochter. Und wundert sich, wer von den talentierten Musikern heute eine große Karriere macht – und wer nicht. »Mir ist das Ganze schleierhaft«, so Kashkashian. »Ich kenne unglaublich talentierte Musiker – sensibel, intelligent und stark –, die trotzdem niemals auf einer großen Bühne stehen. Und ich? Improvisieren habe ich erst durch Robyn Schulkowsky gelernt. Als ich vor vielen Jahren mit Tabea Zimmermann gemeinsam musizierte, kam ich mir unglaublich langsam vor.« Und mit Keith Jarrett? »Ich habe mich wie ein Kleinkind gefühlt.«

Mit amerikanischen Mainstream-Begriffen kommt man bei der erstaunlich offenen und ehrlichen Kim Kashkashian gewiss nicht weit. »Schnittke muss schroff klingen, egal wo der Mu ­siker herkommt«, meint sie. Dabei will sie das Vorhandensein amerikanischer Standards in der Musik nicht grundsätzlich leugnen. »Das Guarneri-Quartett empfinde ich selbst als durch ­aus amerikanisch: wegen der Fülle, Üppig ­keit und Wärme des Tons und einer sehr deutlichen Phrasierung.«

Am internationalen Aufstieg der Viola hatte Kashkashian seit Mitte der achtziger Jahre einen entscheidenden Anteil. Mozarts Sinfonia concertante gemeinsam mit Gidon Kre ­mer (Diri ­gent: Nikolaus Harnoncourt) und die Quartettauf ­nah ­men mit Kremer, Yo-Yo Ma und Daniel Philips (CBS) sorgten insgesamt für Aufsehen für die zuvor ein Schattendasein führende Viola. Und bescherten Kashkashian 1985 einen – bis heute anhaltenden – Vertrag mit dem schon damals todschi-cken Independent-Label ECM. Hier forstete sie großflächig und bis heute die moderne Duo-Literatur von Britten und Elliot Carter bis zu Kancheli, Kurtág, Manssurjan und Thomas Larcher auf. Mit Keith Jarrett gemeinsam widmete sie sich Bach. Jan Garberek war es, der sie für eigene Kompositionen einlud. Kim Kashkashian hat eine beneidenswerte Disko ­graphie vorzuweisen, welche die Grundlage für viele spätere Viola-Laufbahnen bis heute bildet.

Man darf nie vergessen: Im Fahrtwind unzähliger Bratschen-Witze kam die Karriere dieses Instruments nur schleppend in Gang. William Primrose, gerne als eine Art Schallplatten-Gründervater der Viola gehandelt, konnte noch nicht einmal ausschließlich von einer Solisten-Tätigkeit leben. »Er spielte zeitweilig im NBC Symphony Orchestra unter Toscanini«, so Kashkashian. Auch sie selbst wurde weniger von Primrose als von Kammer ­mu ­sikern internationaler Quartettformationen angeregt. »Boris Kroyt vom Budapest-Quartett war wichtig für mich, auch durch Solo-Aufnahmen. Wegen seiner Musikalität und wegen des singenden, sprachlich kommunikationsfreudigen Tons«, so Kashkashian. »Ebenso Martha Kats, die Bratschistin des ­Cle ­ve-land Quartet. Mit diesen Musikern bestand eine Wahl ­verwandtschaft über alle Schulen hinweg.«Das Streichquartett bilde »das schönste musikalische Material von allen«. Nun, derlei war früher einmal »communis opinio«; heute gerät es zunehmend in Vergessenheit. »Transparenz und Klarheit sind entscheidende Qualitätsmerkmale für jeden Musiker«, so Kashkashian.

Zu ihrem entscheidenden Mentor wurde Felix Galimir am Curtis Institute in Philadelphia. Galimir, Schüler von Carl Flesch, war eng mit dem Marlboro Music Festival verbunden und stellte so einen Kontakt zu Rudolf Serkin her. »Meine Lehrer waren alle europäisch: Galimir stammte aus Wien, Walter Trampler aus München. Alexander Schneider war Litauer.« Sie alle blieben zeitlebens mit Streichquartetten verbunden – und kreierten Generationen von Schülern, die den Geist der Kammermusik als Zentrum weitergetragen haben. Heutige jüngere Musiker wie Janine Jansen, Christian Tetzlaff oder auch Tabea Zimmermann haben ihn aufgenommen.

Noch als sie in Freiburg 1989 eine Professur antrat, richtete sich eine Sorge der Studenten auf den Punkt ihrer Herkunft: »Wir haben Angst«, so sagte man ihr, »dass Sie uns einen amerikanischen Stil überstülpen, so dass wir hier in Europa keine Stelle finden.« Was heißt also amerikanisch?! »Es gibt keinen amerikanischen Stil, zumindest gab es keinen, als ich wurde, was ich bin«, so Kashkashian. Der Unterschied zwischen einst und jetzt mag also eher so zu beschreiben sein, dass wir in Zeiten leben, die einen amerikanischen Stil in der Musik erst hervorgebracht haben. »Richtigen Klang spürt man im Rückgrat«, so Kashkashian über ihr eigenes Stilgefühl. »Ich versuche mit purer Resonanz zu spielen, auf dass die Vibrationen des Instru ­ments über Bogen, Steg, Kinnhalter und den Boden durch den ganzen Körper gehen.« Das sei ein sehr angenehmes Gefühl. »Ich klinge dann gut, wenn ich mich gut fühle.« Es sei ein Kreislauf, in den man das Publikum einbeziehen müsse. Klassik als Ganzkör ­per ­syndrom: Deswe ­gen muss auch bequeme Kleidung her.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2013