Kirill Gerstein im Interview

Aussage gegen Aussage?

Wumms, wumms, wumms: Wer an Tschaikowskys erstes Klavierkonzert denkt, bekommt möglicherweise Lust auf einen Joghurt. Auf jeden Fall aber hat er die wuchtigen Klavier-Akkorde des Anfangs im Kopf. Wuchtige Akkorde? Alles Humbug, sagt eine neue Urtext-Ausgabe, für die sich der Pianist Kirill Gerstein leidenschaftlich einsetzt. Stephan Schwarz hat mit ihm gesprochen.

Foto: Marco Borggreve/PR
Foto: Marco Borggreve/PR

Wenn die Sprache auf „Herrn Siloti“ kommt, zieht Kirill Gerstein seine Oberlippe leicht mokant nach oben. Freundschaft hätte er mit ihm wohl nicht geschlossen. Dabei müsste der Pianist dem Liszt-Eleven (1863-1945) eigentlich dankbar sein, hat er doch immerhin die 42 mächtigsten Klavier-Akkorde der Musikgeschichte zu verantworten. Man findet sie in den Einleitungstakten von Tschaikowskys erstem Klavierkonzert, jenem Fortissimo-Brei aus der Joghurt-Werbung, der seit Generationen schon mit so viel künstlichen Aromastoffen angerührt wird, dass alles Weitere im süßesten Früchte-Traum versinkt. Merkwürdig nur, dass von all dem nichts in der Partitur steht. Zumindest nicht in der des Komponisten, der sich an dieser Stelle mit einem einfachen Forte zufrieden gibt. Und wenn man schon im Original herumstöbert: Von den jeweils drei Akkorden, die Tschaikowsky taktweise in wiedererkennbaren Gruppen anordnet, sind hier immer die beiden letzten mit einem Arpeggio versehen – was sie, im Gegensatz zur blockhaften Ausführung, eher zart klingen lassen müsste. Was ebenfalls fehlt, sind die vielen wuchtverstärkenden Oktavierungen nach unten und oben. Haben wir uns im Stück vertan?

Die Spielpraxis, die wir nun seit über 100 Jahren kennen, stammt in der Tat von jenem so zur Süffisanz reizenden „Herrn Siloti“, der sie den Verlegern neben weiteren Eingriffen in den Notentext als vom Meister persönlich autorisiert verkauft hatte. Und wer weiß, vielleicht würde das Tschaikowsky-Konzert auch in 100 Jahren noch in dieser Weise aufgeführt werden, hielte nicht eine neue Urtext-Ausgabe aus Russland den lange gesuchten Schlüssel zur Wahrheit bereit, der Pianisten wie Kirill Gerstein die Gelegenheit gibt, das Werk endlich einmal so zu spielen, wie es gedacht ist. Noch vor der Veröffentlichung durfte er das Material für seine Neuaufnahme mit dem Deutschen Sinfonieorchester heranziehen; und das passend zu Tschaikowskys 175. Geburtstag und dem 140-jährigen Uraufführungs-Jubiläum des Klavierkonzerts.

Herr Gerstein, sind Sie ein bescheidener Mensch?
Wieso?

Sie verzichten freiwillig auf eine der effektvollsten Klavierpassagen aller Zeiten.
Und damit fängt die Geschichte gleich an! Die historischen Dokumente und Quellen, die wir haben, zeigen ziemlich eindeutig, dass Tschaikowsky das so nicht geschrieben hat. Dann bin ich als Pianist lieber ehrlich als laut und spiele das, was in den Noten steht. Nicht, was die „Tradition“ daraus gemacht hat.

Gestehen Sie den Zuhörern nicht eine gewisse Erwartungshaltung zu?
Man sollte weder Aufnahmen noch Konzerte oder generell irgendeine Entscheidung im Leben abhängig von dem machen, was die Leute erwarten, sondern von dem, was man selbst für richtig hält. Wenn ich auf diese Erwartungshaltung abzielen würde, bräuchte ich das Tschaikowsky-Konzert gar nicht aufzunehmen. Das haben nämlich schon 250 Leute vor mir getan. Und wenn wir schon wissen, was Tschaikowsky geschrieben hat, sollten wir es auch spielen.

Ich nehme an, dass nicht nur prinzipielle, sondern auch konkret musikalische Gründe hierfür ausschlaggebend für Sie waren.
Allerdings. Schon als ich damals die Standardversion gelernt und gespielt hatte, habe ich mich gewundert. Erst kommen da diese Bomben-Akkorde, aber sobald die Streicher mit ihren Achtel-Figuren beginnen, fängt das Klavier auf einmal an, arpeggierte Akkorde zu spielen. Da frage ich mich doch: Wenn Tschaikowsky das so am Anfang schreibt, warum schafft er es nicht, den Gestus über die ganze Passage hinweg durchzuhalten? Das ist weder pianistisch noch kompositorisch besonders logisch – aber ein gutes Beispiel für das Ergebnis dieser posthumen Änderungen durch Herrn Siloti.

Andere Pianisten scheinen sich daran nie gestört zu haben.
Das liegt wohl an dem, was sie als Notenmaterial vorgefunden haben. Durch die neue Urtext-Ausgabe haben Interpreten jetzt zum ersten Mal Gelegenheit, die Unterschiede zwischen der allerersten Version von 1875, der zweiten von 1879 – also der, die wir eingespielt haben – und der gängigen dritten, die sich nach Tschaikowskys Tod eingebürgert hat, zu vergleichen. Freilich gab es auch vorher schon Versuche, sich dem Original anzunähern. Alexander Guldenweiser, ein berühmter Pianist und unter anderem Lehrer von Lazar Berman, hatte bereits 1954 einen Versuch mit einer Urtext-Ausgabe unternommen. Aber ihm fehlten damals noch bedeutsame Quellen, die erst später auftauchten. Allen voran Tschaikowskys persönliche Dirigier-Partitur, die er noch kurz vor seinem Tod 1893 benutzt hatte. Ein weiteres wichtiges Zeugnis, das wiederentdeckt wurde, ist ein Brief von Tschaikowskys Schüler Sergej Tanejew, der als Pianist das Konzert noch zu dessen Lebzeiten aufgeführt hat. Darin schreibt er im Jahr 1912, es wäre nun endlich an der Zeit, wegzukommen von den Änderungen der unterschiedlichen Herausgeber und zurückzukehren zu Tschaikowskys Notentext. Und wenn einer sich auskannte, dann Tanejew. Immerhin hatte er dabei geholfen, die Partitur zu kopieren.

Was aber hat einen Pianisten wie Siloti dazu veranlasst, so massiv in das Original einzugreifen?
Das lag wohl daran, dass Tschaikowsky selbst kein Instrumentalist war, der auf dem Konzertpodium auftrat. Daraus ergab sich die Vorstellung „na ja, der weiß eigentlich gar nicht, wie man brillant für Klavier schreibt“ – oder auch für Geige oder Cello. Also musste man ihm ein wenig „helfen“. Das war beim ersten Klavierkonzert so, aber auch beim zweiten, beim Violinkonzert und bei den „Rokoko-Variationen“.

Sie haben mit den Quellen gute Argumente an der Hand. Andererseits behauptet Siloti, er habe die Änderungen mit Tschaikowsky abgesprochen. Letztendlich steht hier Aussage gegen Aussage.
Ein wichtiger Punkt ist, dass es keinerlei Aufzeichnungen von Tschaikowsky dazu gibt – schon gar nicht in der Partitur, die er noch wenige Tage vor seinem Tod benutzt hatte. Wenn Tschaikowsky eine Änderung haben wollte, hat er immer gleich an alle geschrieben, an die Verleger, die Orchester, und hat alles minutiös in seiner eigenen Partitur vermerkt. Er hätte niemals den gleichzeitigen Gebrauch von unterschiedlichen Versionen erlaubt. Nie! Und so eine wirklich glaubwürdige Quelle ist Herr Siloti ohnehin nicht. Es gibt Aussagen von ihm, die geradezu phantastisch wirken. Die meisten davon stammen aus dem Jahr 1929, als er gerade versuchte, seine etwas eingeschlafene Karriere in Amerika zu reanimieren. In diesem Zusammenhang behauptete er sogar, er hätte Tschaikowsky die Anfangsakkorde seines Klavierkonzerts so vorgespielt, wie sie sich dann eingebürgert haben – und dem Komponisten wäre es zunächst gar nicht aufgefallen. Höchst unwahrscheinlich. Ebenso wie die Behauptung, Liszt habe ihm persönlich erlaubt, jede Note an jeder Stelle eines jeden seiner Stücke so zu ändern, wie er es für richtig halte.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Mai 2015