Kit Armstrong

»Hör auf zu lachen, wir proben«

Mit dem Begriff Genie sollte man vorsichtig umgehen, zu inflationär wird dieser gebraucht. Doch bei Kit Armstrong gerät man in Versuchung, ihn zu verwenden: Mit drei Jahren liest er das »Wall Street Journal«, mit acht debütiert er als Pianist mit Orchester, und mit neun beginnt er sein Mathematikstudium. Nun erscheint seine Solodebüt-CD bei Sony. Mario-Felix Vogt traf sich mit ihm auf einen Tee in Düsseldorf.

Foto: June
<i>Foto: June</i>

Beim Betreten der Lobby empfangen mich impressionistische Klavierklänge. Live. Ist das Kit? Spielt er hier, in der Hotelhalle, öffentlich, so kurz vor unserem Interview? Nein, es ist nicht Kit Armstrong, der da in die Tasten greift, sondern ein junges Mädchen. Denn heute findet im Hotel ein Konzert mit Nachwuchstalenten statt. Kit ist noch auf seinem Zimmer. Wir sind im Restaurant eines japanischen Hotels in Düsseldorf verabredet, das so stilecht eingerichtet ist, dass ich mich eher in einem traditionellen Sushi-Lokal der Kaiserstadt Kyoto wähne als im rheinischen Düsseldorf. Ich bestelle grünen Tee, alles andere wäre stillos. Dann erscheint Kit und sorgt gleich für mehrere Überraschungen. Ich war davon ausgegangen, mich mit dem 21-Jährigen auf Englisch zu unterhalten, doch er sagt, es sei für ihn gar kein Problem, das Interview auf Deutsch zu machen. Offenbar hat er nebenbei, so wie er sich auch Französisch aneignete, mal Deutsch gelernt, das er ohne jeden Anflug von amerikanischem Akzent spricht. Überraschung Nr. 2 ist, dass Kit sich als ein sehr offener und gesprächiger Interviewpartner zeigt. Dies war nicht unbedingt zu erwarten, denn in einem Interview anno 2008 mit dem »SZ-Magazin« verweigerte er sich zunächst einem Gespräch, und auch als er sich schließlich auf das Interview eingelassen hatte, waren seine Antworten zumeist sehr knapp. Tempi passati. Aus dem Teenager von damals ist ein junger Mann von 21 Jahren geworden. Ich habe das Gefühl, dass ihm das Gespräch Spaß macht, wenn es um musikalische Themen geht – über sich selbst spricht er weniger gerne. Er wirkt interessiert und bemüht sich um möglichst präzise Formulierungen.

Geboren wurde Kit Armstrong am 5. März 1992 in Long Beach (Kalifornien). Seine Mutter ist eine aus Taiwan stammende Investmentbankerin, sein Vater ein Engländer, ihn hat er nie kennen gelernt. Mit neun Monaten fing der Frühbegabte an zu sprechen, einige Wochen später begann er zu zählen und zu rechnen, und als Dreijähriger las er bereits das »Wall Street Journal«. Auch seine Beschäftigung mit Musik startete sehr früh. Sein Weg zu ihr war allerdings »ein eher ungewöhnlicher«, wie er selbst bekennt: »Zuerst habe ich Notationen kennen gelernt, die ich in einem Buch gesehen hatte«, erzählt er. »Ich habe versucht, diese zu imitieren, indem ich selbst Noten geschrieben habe. Nach und nach hat sich dies dann in Richtung Komposition entwickelt. Als meine Mutter merkte, dass ich zu komponieren begann, hat sie für mich ein Klavier angeschafft und dafür gesorgt, dass ich auch Unterricht bekam.« Kit bekommt nicht nur Klavierunterricht bei dem Pianisten Mark Sullivan, einem Schüler von Menahem Pressler (Beaux Arts Trio) und Rosalyn Tureck, sondern wird parallel von Michael Martin in die Geheimnisse der Komposition eingewiesen.

Dann geht, wie immer bei Kit Armstrong, alles sehr schnell. Sein Konzertdebüt absolviert er als Achtjähriger, und mit neun (!) beginnt er bereits ein Studium an der Utah State University in den Fächern Biologie, Physik und Mathematik. Diese Parallelbeschäftigung mit Musik und Naturwissenschaften zieht sich wie ein roter Faden durch Kits Leben. Er wollte sich nie für eines von beiden entscheiden. Auch als er später am Curtis Institute in Philadelphia bei Keith Jarretts ehemaliger Lehrerin Eleanor Sokoloff und beim Schnabel-Schüler Claude Frank studiert, belegt er Kurse in Mathematik an der Pennsylvania State University, ebenso während seines Musikstudiums an der Royal Academy of Music in London. Dieses schließt er mit einem Bachelor of Music und einem Ersten Preis ab, als Abschluss für seine naturwissenschaftlichen Studien erhält er einen Master of Science mit Auszeichnung von der Pierre-und-Marie-Curie-Universität in Paris.

Seit 2005 arbeitet er regelmäßig mit Alfred Brendel. Der gefeierte Beethoven- und Schubert-Interpret hatte sich stets geweigert, Kinder zu unterrichten, und zitierte in diesem Zusammenhang gerne seinen Kollegen Artur Schnabel: »Man beschäftigt keinen Bergführer, um einem Kleinkind das Laufen beizubringen.« Bei Kit jedoch machte er eine Ausnahme: »Er hatte gerade Beethovens Les Adieux‘-Sonate gelernt und spielte die ersten beiden Sätze bemerkenswert gut«, erinnert sich Brendel, »dann brachte er mir eine CD mit einem kleinen Recital, das er an der Royal Academy gegeben hatte. Er spielte darauf Chopins B-Dur-Nocturne so schön, dass ich mir dachte: ,Ich muss mir für ihn Zeit nehmen‘. Es war eine Interpretation, die einen als Zuhörer wirklich von der ersten bis zur letzten Note führte. Ein Musiker mit einem solchen Überblick und zugleich dem nötigen Feinsinn ist nur sehr selten zu finden.« Alfred Brendel ist sich sicher: »Dieser Junge ist die größte musikalische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin.«

Mark Kidels gelungene Dokumentation »Set The Piano Stool Under Fire« zeigt das freundschaftliche Verhältnis, das beide miteinander verbindet. Wenn Kit in Brendels Stadthaus im Nordlondoner Stadtteil Hampstead zum Klavierunterricht kommt, so hat er meistens einen Kuchen dabei, und Brendel begrüßt ihn mit Küsschen wie einen Lieblingsenkel. Er versucht seinem hochbegabten Schüler alles zu vermitteln, worauf es bei der Interpretation der klassischen Meisterwerke ankommt: intellektuelle Durchdringung der musikalischen Materie, emotionales Engagement und gesunde Spieltechnik. Einmal spielt Kit sehr eng mit den Armen am Körper, es ist eine Haltung, die tendenziell zu einem eher dünnen und monochromen Ton führt, da die Verbindung zum Oberkörper blockiert wird. »Das müssen wir ändern«, sagt Brendel, steht auf und macht mit den Armen Bewegungen wie ein fliegender Bussard. Kit soll dadurch angespornt werden, den ganzen Körper einzusetzen, um sich musikalisch auszudrücken. Als sie an Mozarts später B-Dur-Klaviersonate KV 570 arbeiten, erklärt Brendel seinem Eleven, dass auch in Mozarts Klavierwerken immer wieder der Opernkomponist hervortritt: »Wenn du Mozart spielst, dann denke so oft du kannst an die Oper«, rät er, »in ihr werden nicht nur Worte gesprochen, sondern auch Stimmungen ausgedrückt.« Kit Armstrong sagt über den Unterricht bei Brendel, dass man bei ihm »eher das Hören als das Spielen lernt«. »Als erfahrener Pianist spielt man nur so, wie man hört«, erklärt er, »es sind nicht die Finger, die bestimmen, wie man spielt. Sie wirken nur im Dienste der höheren geistigen Vorstellung, deshalb muss man im Unterricht das Hören lernen und nicht das mechanische Spielen. Denn es ist letztlich das Hören, was eine Interpretation und eine Interpretationsweise bestimmt.«

Für sein Debütalbum als Solopianist wählte Kit von seinem Lieblingskomponisten Bach nicht nur die berühmte B-Dur-Partita, sondern auch eine Reihe von Choralvorspielen für Orgel, setzte sie für den modernen Flügel und kombinierte diese mit seiner eigenen »Fantasie über B-A-C-H« und Sätzen aus György Ligetis »Musica ricercata«. Seine »Fantasie« über Bachs Namen ist nicht nur »ein Wortspiel über die Töne des Namens, sondern auch eine persönliche Hommage an Johann Sebastian Bach«. Dabei war es für ihn kein Ziel, alles musikalische Material streng von dem B-A-C-H-Thema abzuleiten: » Ich mag Kompositionen, bei denen man nicht sagen kann, woher etwas kommt«, bekennt er, »in denen das Handwerkliche versteckt ist. Deshalb habe ich diese Fantasie über B-A-C-H eher als einen Variationensatz komponiert, in dem jede einzelne Variation wie ein Bach´sches Choralvorspiel aussieht.« Die Tonsprache, in der sich Armstrong in der Fantasie bewegt, verwendet Elemente der klassischen Moderne. Harmonisch ist das Stück freitonal, die Rhythmik ist eher traditionell, es dominieren durchgehende Achtel- und Sechzehntelfiguren.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2013