Leif Ove Andsnes

»Johannes, du hast keine Chance«

Viele Jahre Zeit ließ sich Leif Ove Andsnes mit seinen ersten Beethoven-Aufnahmen. Seit 2011 dreht sich für ihn allerdings alles um des Meisters Klavierkonzerte, die er komplett für sein neues Label Sony einspielt. Warum er als Kind mit dessen Klavierwerken fremdelte, erfuhr Mario-Felix Vogt im Gespräch mit dem Künstler in Köln.

Foto: Chris Aadland/Sony
<i>Foto: Chris Aadland/Sony</i>
Foto: Chris Aadland/Sony
<i>Foto: Chris Aadland/Sony</i>

Herr Andsnes, was war das erste prägende Beethoven-Erlebnis in Ihrem Leben?

Ich erinnere mich daran, dass wir Aufnahmen aller Beethoven-Klavierkonzerte hatten. Mein Vater hörte besonders das fünfte Klavierkonzert sehr gern. Seine Lieblingspassage war zwischen dem zweiten und dritten Satz, wo sich wirklich die Welt verändert, der Übergang von H-Dur nach B-Dur. Plötzlich erklingt das Thema des dritten Satzes mit Echo. Ich habe damals schon verstanden, dass dies musikalisch etwas ganz Besonderes ist.

Wie haben Sie als Kind Beethovens Klaviermusik erlebt?

Ich spielte zunächst Stücke wie den ersten Satz der »Mondschein-Sonate«. Beethovens Musik machte auf mich einen großen Eindruck. Sie war groß und tief, stellte jedoch zugleich eine sehr fremde Welt für mich dar. Ich glaube, dass sie nicht unbedingt etwas für Kinder ist. Ich fand es beispielsweise in jungen Jahren ziemlich unbequem, Beethoven auf dem Klavier zu spielen – was mit dem Abstand zwischen beiden Händen zu tun hatte. Er setzte den Bass sehr tief, die Oberstimme hingegen sehr hoch, forcierte die Register also. Das ist für ein Kind nicht so angenehm. Als ich klein war, liebte ich eher Mozart, und als Teenager begeisterte ich mich für Chopin, weil seine Musik unheimlich sinnlich ist.

Sie haben sich jedoch bereits als Heranwachsender auch mit Beethovens Orchesterwerken beschäftigt?

Ja. Als 14-Jähriger bekam ich die Noten von seinen Sinfonien, habe mich hingesetzt und sie mir alle angehört. Das war etwas, was ich tun musste, um mich als Musiker weiterzuentwickeln, und es hat eine große Wirkung auf mich gehabt. Stücke wie der Trauermarsch der »Eroica« waren für mich so weit jenseits von allem, was ich bis dahin kannte.

Muss man erwachsen sein, um Beethoven wirklich verstehen zu können?

Ja, man kann viele Aspekte seiner Musik erst verstehen, wenn man älter ist. Als Pianist braucht man Erfahrung mit dem Abstand der Hände, man muss verstehen, warum er in den Klangregistern so sehr in die Extreme geht. Viele berühmte Pianisten haben Beethovens Klaviermusik als unpianistisch bezeichnet. Ich bin da ganz anderer Meinung. Seine Werke sind wirklich sehr pianistisch gedacht, aber sie fordern eine ganz andere Pianistik als Chopins Musik. Vielleicht braucht man einfach mehr Zeit, um die Qualität von Beethovens sinfonischer Schreibweise für das Klavier zu verstehen. Bevor Sie kamen, hatte ich den zweiten Satz aus Beethovens Klaviersonate op. 54 geübt. Wie könnte man diesen Satz unpianistisch nennen?

Die Klavierkonzerte sind Ihre ersten Beethoven-Aufnahmen bisher. Wie kommt das?

Ich hatte das Gefühl, dass ich viel Zeit brauche, um diesen Werken gerecht zu werden. Ich sehe keinen Sinn darin, etwas aufzunehmen, bei dem man nicht das Gefühl hat, dass man zu den Stücken etwas Persönliches zu sagen hat. Denn es ist ja nicht so, dass die Welt unbedingt noch eine weitere Beethoven-Aufnahme braucht. In den letzten paar Jahren merkte ich jedoch, dass meine Zeit jetzt gekommen ist. Ich meine, das ist die großartigste Musik, die wir haben. Deshalb wollte ich mich über einen längeren Zeitraum Beethovens Musik widmen – der heißt nun »Beethoven Journey« (zu Deutsch: die Beethoven-Reise) – und sehen, wie weit ich damit komme.

Sehen Sie Aspekte in den Klavierkonzerten, die von anderen Interpreten bisher nicht berücksichtigt wurden, und denen Sie sich jetzt mit dem Mahler Chamber Orchestra widmen?

Es ist schwierig, solche Aspekte aufzuzeigen, denn es gibt so viele Interpreten, die die Konzerte auf ganz unterschiedliche Weise aufgenommen haben. Viele traditionelle Sinfonieorchester der Vergangenheit tendieren allerdings zu einer massiven Darstellung der Klavierkonzerte. Sie beeindrucken damit zwar, sind jedoch in dieser Musizierweise festgefahren. Ihr Spiel beinhaltet nicht den blitzschnellen Wechsel, den Beethovens Musik oftmals benötigt. In seinen Stücken gibt es so viele Überraschungen, dass man als Hörer nie so genau weiß, was an der nächsten Ecke musikalisch passieren wird. Es gibt etwa zahllose Möglichkeiten zur Betonung des Rhythmus oder der verschiedenen Klänge. Diese Flexibilität bringt das Mahler Chamber Orchestra mit. Beethovens Klavierkonzerte sind Stücke, die wir alle als etwas Selbstverständliches betrachten, da wir diese Werke so oft hören. Und mit diesem außergewöhnlichen Orchester hatte ich das Gefühl, diese Stücke ganz neu zu entdecken. Ich war völlig überrascht, was in der Partitur eigentlich passiert, und hoffe, dass ich dieses Gefühl auf das Publikum übertragen kann.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2014