Leonard Bernstein im Porträt

„Das Ziel ist die Musik“

Leonard Bernstein war eine Lichtgestalt, ein Erleuchteter, der mit seinem musikalischen Schaffen die Welt umarmte. Die Firma Sony hat dem Allroundkünstler nun eine große Edition gewidmet. Julia Spinola erklärt, was Leonard Bernstein auch heute noch so besonders macht.

Foto: Altaffer/DG
Foto: Altaffer/DG

Bevor Leonard Bernstein auf der Höhe seiner Karriere 1970 am Theater an der Wien den „Fidelio“ dirigierte, versenkte er sich aus einem selbstzweiflerischen Gefühl der Ehrfurcht heraus solange in Briefe und Memorabilia von Beethoven, dass er irgendwann glaubte, selber taub zu sein. „An einem Punkt dachte ich: ‚Ich kann die zweite Oboe nicht hören‘ (es stellte sich heraus, dass sie nicht gespielt hatte)“, bekannte er nach der Premiere in einem Interview. „Dann dachte ich, das Werk sei tatsächlich von mir geschrieben worden. Ich stellte mir das erste Publikum in diesem Theater vor, die französischen Soldaten, ihre Gleichgültigkeit und sogar Feindseligkeit gegenüber der Premiere. Es war geradezu beängstigend, wie in einem schlechten Traum. Diese quälenden Beethoven’schen Zweifel. Am Abend der Premiere identifizierte ich mich so stark, dass ich mich so fühlte, als dirigiere ich mein eigenes Werk.“

Gustav Mahlers schönen Aphorismus – Tradition sei die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche – würde heute wohl selbst der konservativste Erbsenzähler unter den Interpreten für sich in Anspruch nehmen wollen. Von Thomas Morus über Benjamin Franklin bis Ricarda Huch ist dieser Satz quer durch die Jahrhunderte in zahlreichen Varianten immer wieder beschworen worden. Aber kaum einer hat so lustvoll Ernst gemacht aus dieser Forderung, wie der musikalische Universalist und Weltbeglücker Leonard Bernstein. Sein Feuer brannte so leidenschaftlich, dass die genialischen Funken gleich in die diversesten Ecken des ansonsten wohlsortierten Musikbetriebs flogen. Kein anderer Musiker, nicht einmal der vielseitig begnadete Daniel Barenboim, hat sein Talent in einer ähnlichen Bandbreite umgesetzt, ja geradezu verschwendet. Bernstein entflammte das Publikum am Broadway ebenso wie jenes der Carnegie Hall, er enthusiasmierte die Menschen mit seinen populären Fernsehauftritten und mit den bahnbrechenden Vorlesungen, die er an der Harvard University hielt; er wirkte als Pianist, als Dirigent, als Komponist von Sinfonien wie von Musicals, als Musikvermittler und Pädagoge – und nicht zuletzt als brillanter Autor. Zu seinen Bewunderern zählten so unterschiedliche Gemüter wie Michael Jackson und Helmut Schmidt. War er deshalb ein unseriöser „Tausendsassa“, ein „Fünfkämpfer unter den Tonkünstlern“, wie ihm von manchem Kritiker spöttisch vorgeworfen wurde? Bernsteins eigene Antwort auf diese Frage geriet in ihrer offenen Selbstbezüglichkeit so entwaffnend wie seine hoch emotionalen, stets vom dringlichsten Ausdrucksbedürfnis zeugenden Anverwandlungen des Repertoires. „Es ist mir unmöglich“, so rechtfertigte er sich einmal, „ausschließlich Dirigent, Komponist, Theaterautor oder Pianist zu sein. Das, was mir in einem bestimmten Augenblick als richtig erscheint, ist genau das, was ich tun muss. Denn das Ziel ist die Musik und nicht die Konventionen des Musikgeschäfts, und die Mittel sind meine rein persönliche Angelegenheit“. Als Komponist der „West Side Story“ eroberte Bernstein 1957 zunächst den Broadway, dann die Musicalbühnen der ganzen Welt. Wie selbstverständlich komponierte er daneben auch Sinfonien, Kammermusik und Liederzyklen.

Geboren 1918 in Lawrence, Massachusetts, als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, die vor den Pogromen aus der Ukraine in die Vereinigten Staaten geflohen waren, musste Bernstein seinen Berufswunsch gegen den heftigen Widerstand des Vaters durchsetzen. Vater Samuel Bernstein war ein Vertreter für Kosmetikartikel, der sein Leben im Spannungsfeld von glühender Religiosität und überlebensnotwendigem Geschäftssinn führte, und der sich keinerlei Sinn für die Extravaganzen seines hypersensiblen Sohnes leisten konnte.

Das musikalische Talent des Jungen wird erst entdeckt, als eine Tante ihr Klavier bei den Bernsteins unterstellt. Da ist Leonard – dem bislang nur die Musik der Synagoge Tränen in die Augen getrieben hat und der den Wunsch hegte, Rabbiner zu werden – bereits zehn Jahre alt. Doch er versenkt sich sogleich so besessen in die Musik, dass ihm bald die besten Ausbildungsinstitute offen stehen. Nach einem Musikwissenschaftsstudium an der Harvard University, besucht er das Curtis Institute of Music und das Berkshire Music Center, wo er Klavier, Komposition und Dirigieren studiert. Von Fritz Reiner, dem wegen seiner Strenge gefürchteten Chef des Pittsburgh Symphony Orchestra und späterem Leiter der Metropolitan Opera, erhält er seine interpretatorischen Maßstäbe, während der Sommerferien studiert er bei Serge Koussevitzky in Tanglewood, der ihn 1942 zu seinem Stellvertreter ernennt. 1943 wird er Assistent von Artur Rodzinski beim New York Philharmonic Orchestra und erhält kurz darauf jene Chance, die ihm zum Durchbruch verhilft. Nach einer Station als Leiter der New Yorker Sinfoniker und zahlreichen Gastdirigaten bei den bedeutenden Orchestern der Welt übernimmt er 14 Jahre nach diesem ersten großen Erfolg als Nachfolger von Dimitri Mitropoulos selber die Chefposition des New York Philharmonic Orchestra, wo er zugleich als Direktor der Konzerte der jungen Mitglieder dieses Orchesters Furore macht. Die von Bernstein fürs Fernsehen moderierten und geleiteten „Young People’s Concerts“ avancieren zu legendären Ereignissen, die in 29 Länder ausgestrahlt werden und nicht nur die amerikanische Musikkultur entscheidend bereichern.

Als brillantem Musikvermittler gelang es Bernstein, Musik für Laien erfahrbar zu machen, ohne sie zu banalisieren, indem er ihre Gehalte mit seiner rhetorischen Leichtigkeit in die Lebenshorizonte der Zuhörer übersetzte und ihren Funken charismatisch überspringen ließ. Bernstein hat mit diesen Pioniertaten in einem Bereich, der heute als „Education“-Zweig der Konzert- und Opernhäuser institutionalisiert ist, Maßstäbe gesetzt, an denen sich die heutige Praxis noch abarbeiten muss. Beflügelt hat ihn dabei nicht nur sein Enthusiasmus für die unerschöpflichen Reichtümer der Musik, sondern auch der tiefe Glaube an die Machbarkeit des Guten, eine Überzeugung, dass allen Menschen eine „Liebe zum Lernen“ angeboren sei. Bernstein war bekanntlich überzeugt davon, dass die Unterscheidung in U- und E-Musik unsinnig sei, weil es nur „gute und schlechte Musik“ gebe. Im gleichen Sinn war ihm auch jeder Elitismus im Umgang mit seinem Publikum fremd. Für Bernstein hatte Musik eine geradezu existenzielle Relevanz, die ihn dazu drängte, seine Entdeckungen jederzeit möglichst mit der ganzen Welt zu teilen. Ob dies mit Fachleuten, Repräsentanten der Society, Studenten oder jener Schar von Fans geschah, die ihn nach seinen Konzerten bestürmte, spielte dabei keine grundsätzliche Rolle.

Foto:Susesch Bayat/DG
Bernsteins Talent mit Menschen umzugehen war mindestens so ausgeprägt wie sein musikalisches. Die Orchester liebten die Zusammenarbeit mit „Lenny“ – der sich daneben noch in maßstabsetzender Weise dafür einsetzte, junge Menschen für die Musik zu begeistern. Foto:Susesch Bayat/DG

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2015