Lisa della Casa

Ein Leben in zwei Welten

Auf der Bühne war sie die Diva, strahlend schön und unnahbar. Privat lebte sie über 60 Jahre mit Ehemann und Tochter in ihrem Schloss, abgeschottet von der Außenwelt. Nur einmal, vor ihrem 90. Geburtstag, durfte ein Filmteam sie besuchen. Thomas Voigt erinnert sich an seine Begegnungen mit Lisa della Casa, die am 10. Dezember im Alter von 93 Jahren starb.

Die „Arabellissima“ Lisa della Casa in ihrer Paraderolle als Strauss’ Arabella. Ihr zur Seite als Mandryka: Dietrich Fischer-Dieskau. (Foto: DG)
<i>Die „Arabellissima“ Lisa della Casa in ihrer Paraderolle als Strauss’ Arabella. Ihr zur Seite als Mandryka: Dietrich Fischer-Dieskau. (Foto: DG)</i>

Wenn sie im zweiten Akt von »Arabella« im Ball ­kleid auftrat, ging eine Welle durchs Publikum: der kollektive Griff zum Fernglas, um diese bild ­schöne Frau aus der Nähe zu sehen. Für Anneliese Rothen ­berger, ihre ständige Partnerin in »Arabella«, war Lisa della Casa die »Liz Taylor der Oper«, für viele Opernbesucher bleibt sie schlichtweg die »Arabellissima«. »Wir alle waren verliebt in sie«, schwärmte der Strauss-Enkel Christian noch Jahrzehnte später. Auch wer sie »nur« von Aufnahmen kennt, von der Fern ­sehaufzeichnung aus dem Prinzregententheater in Mün ­chen oder von diversen Mitschnitten, kann sich die kapriziöse Figur von Strauss/Hofmannsthal kaum mehr anders vorstellen. So sehr eins sind Sängerin und darzustellende Figur, dass man sich ins Gedächtnis rufen muss, was es neben dieser Ara ­bel ­lissima noch alles von Lisa della Casa zu hören und zu sehen gibt: eine Ariadne, die die heikle Phrase »Ein Schönes war« mit scheinbar endlosem Atem singt, eine »Capriccio«-Gräfin aus dem Bilderbuch, eine jugendlich-hitzige (wenn auch vokal leicht gefährdete) Salome und sogar eine Chrysothemis: In der Salzburger High-Voltage-»Elektra« unter Dimitri Mitropoulos ist Lisa della Casa der lyrische Gegenpol zur ekstatischen Inge Borkh in der Titelrolle. Ein besonderes Kapitel in ihrer Vita ist »Der Rosenkavalier«. Wahrscheinlich ist sie die einzige Sopra ­nis ­tin von Weltrang, die in dieser Oper vier Rollen gesungen hat: Annina, Sophie, Octavian und Marschallin. Drum gibt es von della Casa derzeit sieben »Rosenkavaliere« auf CD, oft in spannenden Konstellationen mit berühmten Kolleginnen und Konkurrentinnen.

Die Kombination von instrumentaler Stimmführung und expressiver Diktion kommt auch Mozart zugute: Donna Anna und Elvira, »Figaro«-Gräfin, Fiordiligi und Pamina haben bei ihr mehr Fleisch und Blut, als man es heute von der Auffüh ­rungs ­tradition jener Jahre erwarten würde. Und wenn sie in Wagners »Meistersinger« ihr »O Sachs, mein Freund!« herausjubelt, kann man sich das Happy End der Oper auch anders vorstellen ... Nach wie vor gefällt mir ihre Tosca, im Electrola-Querschnitt von 1959 mit Rudolf Schock und Josef Metternich; deutsch gesungen, wie damals noch üblich. Dass sie Schweizerin war und della Casa ihr echter Name, kann man in jedem Musiklexikon nachlesen. Sie kam in Burgdorf bei Bern zur Welt, die Familie des Vaters stammte aus dem Tessin, die der Mutter aus München.

Jene »Tosca« war meine erste Begegnung mit der Stimme. Ge ­sehen habe ich sie erstmals in Guido Baumanns Sendung »Schö ­ne Stimmen«. Dass dies ihr letzter Fernsehauftritt sein sollte, konnte damals niemand ahnen. Ihr Rückzug von der Bühne, nach einer »Arabella« an der Wiener Staatsoper am 25. Okto ­ber 1973, kam für die meisten völlig überraschend. Nur wenige wussten, was sie in den letzten Jahren ihrer Karriere durchgemacht hatte. 1970 war bei ihrer Tochter Vesna ein Aneurysma festgestellt worden. Bei der Operation gab es Komplikationen, die zur halbseitigen Lähmung der 19-Jährigen führten. Um Vesna nicht das Gefühl zu geben, ein ständiges Sorgenkind zu sein, übte Lisa ihren Beruf weiterhin aus, freilich unter größerem Druck und in ständiger Anspannung. Einige unschöne Erfahrungen im Opernbetrieb kamen hinzu, und so sagte sie der Musikwelt drei Jahre später adieu, zog sich zurück in ihr Schloss am Bodensee. Und dabei blieb es: kein Comeback, keine Meisterklassen, keine Talkshows, keine Interviews. »Sie können gerne zum Kaffee vorbeikommen«, sagte Dragan Debeljevic am Telefon, »aber es gibt kein Interview!« Das war 15 Jahre nach ihrem Farewell, im Frühjahr 1989. So kam es zu meinem ersten Besuch auf Schloss Gottlieben. Vater, Mutter und Toch ­ter saßen in einem gemütlichen Seitenzimmer, erzählten von alten Zeiten und spielten Highlights von della Casas Auftritten in amerikanischen Fernsehshows: Tosca«-Szenen mit Franco Corelli, Puccini-Duette mit Richard Tucker, das »Faust«-Finale mit Nicolai Gedda und Cesare Siepi.

Nach diesem Besuch haben wir noch einige Male telefoniert, meist wenn ich Hintergrund ­informationen brauchte, z. B. zur »Rosen ­ka ­va ­lier«-Affäre bei der Eröffnung des Neuen Fest ­spiel ­hauses in Salzburg. Bei der Premiere sang della Casa noch die Marschallin, für die Film ­produktion, die wenige Wochen später entstand, holte man Elisabeth Schwarzkopf. Tief getroffen lehnte della Casa alle Versöhnungsangebote ab; sie hat danach nie wieder in Salzburg gesungen.

Dragan Debeljevic ist ein guter Erzähler und Schreiber. Sein Buch »Ein Leben mit Lisa della Casa« ist erfrischend direkt und im Gegensatz zu den meisten Sänger-Biographien wohltuend uneitel. Außerdem verfügt er über ein phänomenales Gedächt ­nis – was sich als unschätzbare Hilfe erwies, als Lisa della Casa schließlich bereit war, vor laufender Kamera zu sprechen. Das war im November 2007, ihr erstes Interview nach 34 Jahren Funkstille. Nach unserer TV-Doku über Fritz Wunderlich hatten der BR und das Schweizer Fernsehen bei Barbara und Wolf ­gang Wunderlich wegen eines TV-Porträts von Lisa della Casa angefragt. Die Initiative zu diesem Projekt kam von Mo ­nika Fal ­ter ­meier, einer Freundin der Familie. Sie hatte es von langer Hand vorbereitet und rares TV-Material organisiert, von dem ich das meiste nur vom Hörensagen kannte, darunter ein BBC-Porträt mit Interview und sechs Musiknummern, das Finale der Münch ­ner »Salome«, Auszüge von der General ­pro ­be des Salz ­burger »Rosenkavalier« mit Sena Jurinac und Hilde Gü ­den, das »Otello«-Duett mit Wolfgang Windgassen und zig Fern ­seh ­auftritte, von »Einer wird gewinnen« bis zum »Blauen Bock«.

Die Wunderlichs und ich waren Feuer und Flamme für diesen Film, aber wir mussten uns auf eine besondere Situation einstellen: Lisa hatte im Alter von 80 Jahren eine schwere Enze ­phalitis erlitten, die nicht nur ihr Erinnerungsvermögen, sondern auch ihr emotionales Empfinden beeinträchtigt hatte. Je nach Tagesverfassung konnte sie zugänglich oder sehr »schwierig« sein. Bei unserem ersten Besuch hatten wir kein Glück, beim zweiten Anlauf lief alles prima: Es ging ihr sehr gut, sie konnte sich wieder an vieles erinnern. Doch blieb Dragan der hauptsächliche Er ­zäh ­ ­ler, er war quasi ihr ausgelagertes Gedächtnis. Außerdem war uns ziemlich schnell klar, dass dies kein Porträt einer Sängerin werden würde, sondern ein Film über drei Menschen, die das Leben zusammengeschmiedet hatte. Seit Jahr ­zehnten waren Vater, Mutter und Kind unzertrennlich, keiner konnte ohne die beiden anderen sein. Und so gab es bei den Dreharbeiten immer wieder Momente, die einem sehr nahegingen. Zum Beispiel als Dragan erzählte, was Vesna nach ihrer Operation ihrer Mutter ans Herz legte: »Bitte mache dir keine Sorgen, und gehe singen. Je besser du singst, desto schneller werde ich gesund.«

Selbst ist die Frau: Bei ihrer Verwandlung in die Marschallin aus Strauss’ „Rosenkavalier” legt Lisa della Casa selbst Hand an; ein Schnapp­schuss aus den frühen sechziger Jahren. (Foto: FF-Archiv)
<i>Selbst ist die Frau: Bei ihrer Verwandlung in die Marschallin aus Strauss’ „Rosenkavalier” legt Lisa della Casa selbst Hand an; ein Schnapp­schuss aus den frühen sechziger Jahren. (Foto: FF-Archiv)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2013