Maria Callas

Callas neu entdecken

Das Label Warner hat sämtliche Studioaufnahmen von Maria Callas einem aufwendigen Remastering mit den neuesten technischen Möglichkeiten unterzogen. Bei einem Besuch in den Londoner Abbey-Road-Studios hat Bjørn Woll erfahren, was genau gemacht wurde. Das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie.

Maria Callas bei der Aufnahme zu Ponchiellis „La Gioconda“ im Jahr 1959. Foto: Erio Piccagliani/Warner
Maria Callas bei der Aufnahme zu Ponchiellis „La Gioconda“ im Jahr 1959. Foto: Erio Piccagliani/Warner

Es ist einer der wenigen sonnigen Juli-Tage in diesem an Regen so reichen Sommer. Während sich vor der Tür Heerscharen von Touristen auf dem Zebrastreifen fotografieren lassen, der durch das „Abbey Road“-Cover der Beatles Kultstatus erlangte, sitzen im Studio an einem der Schnittplätze die Tonmeister Simon Gibson und Allan Ramsey und sprechen über ein besonderes Projekt: Das Label Warner, das seit dem Verkauf der EMI das neue Zuhause von Maria Callas ist, spendiert der Sängerin eine gewaltige Sammlerkollektion, die sämtliche Studioeinspielungen der Sopranistin in einem technisch grundlegend überarbeiteten Klanggewand präsentiert: Auf 69 CDs finden sich 26 Operngesamtaufnahmen sowie 13 Recitals.

Glücklicherweise ist die Karriere von Maria Callas derart lückenlos dokumentiert wie von kaum einem anderen Sänger: Angefangen bei einem Ausschnitt aus „Turandot“, aufgenommen im Mai 1949 in Buenos Aires, bis hin zu Mitschnitten ihrer Abschiedstournee in den Jahren 1973/1974. Die Studioeinspielungen bilden dabei den prominenten Kern ihrer Diskographie – meist mit Walter Legge als kongenialem Produzenten. Beide waren nahezu versessene Detailfanatiker und schufen im Studio technische Kunstwerke sui generis, darunter die legendäre „Tosca“-Aufnahme aus dem Jahr 1953.

Zwar gab es bereits in der Vergangenheit einige remasterte Callas-Editionen, doch dieses Remastering zeigt sich, selbst bei kritischem Hören, in überraschender Qualität. Neu sind dabei vor allem zwei Dinge: Zum einen liegen die Callas-Aufnahmen nun zum ersten Mal in High Definition vor, und zum anderen gibt es mittlerweile eine Bearbeitungssoftware, mit der sich Probleme lösen lassen, die die Technik vor wenigen Jahren noch überfordert haben. Bevor die Tontechniker mit der Arbeit beginnen konnten, mussten jedoch erst die originalen Mastertapes der Einspielungen gefunden werden. „Ein erheblicher Aufwand dieses Projektes bestand also in der Suche nach den Originalbändern“, erklärt Allan Ramsey. Die Aufnahmen, die in England oder der Scala entstanden sind, lagen im EMI-Archiv in Hayes, die späten französischen Aufnahmen fanden sich überwiegend im Archiv in Paris. Schließlich konnten jedoch alle Mutterbänder aufgetrieben werden, die einzige Ausnahme ist die „Medea“-Produktion von 1957, die ursprünglich nicht für EMI, sondern für Mercury Living Presence aufgezeichnet wurde. Allen anderen Remasterings liegen die Originalbänder zugrunde.

Doch warum der Aufwand, wurden die Callas-Aufnahmen doch bereits Mitte der 80er-Jahre bei der Überspielung auf CD digital aufgefrischt – und noch einmal 1997 zum 20. Todestag der Primadonna. Hätte man die nicht als Ausgangspunkt nehmen können? Allan Ramsey klärt auf: „Wir mussten die analogen Mastertapes suchen, denn nur sie sind die bestmögliche Quelle für jede Aufnahme.“ Will heißen: Die Qualität der bisherigen Überspielungen war nicht immer optimal, der jüngste Fortschritt im Bereich der digitalen Tonbearbeitung kann deutlich bessere Ergebnisse erzielen. Zum anderen wirkt sich der Frequenzbereich der CD limitierend auf das Klangergebnis aus, denn alles über 22 kHz wurde einfach abgeschnitten. Das High-Definition-Remastering erlaubt hier völlig andere Möglichkeiten, reicht der Frequenzbereich doch weit über 40 kHz hinaus. „Durch HD bekommen wir mehr Klanginformation in den hohen Frequenzen und eine bessere Auflösung im Klangbild“, erklärt Allan Ramsey. Doch um das zu erreichen, musste man auf die analogen Mutterbänder zurückgreifen, denn nur sie enthalten die komplette, unkomprimierte Klanginformation.

Was er damit meint, demonstriert er sogleich mit Neddas „Qual fiamma avea nel guardo“ aus Leoncavallos „I Pagliacci“. Während die CD mit einer Abtastrate von 44,1 kHz und einer Auflösung von 16 Bit arbeitet, sind bei High Definition 96 kHz und 24 Bit möglich. Für unser Ohr heißt das, dass im Klangbeispiel die hohen Holzbläser, Harfe und Stimme deutlich mehr Glanz und Brillanz bekommen. Fast klingt es, als hätte man den Schleier von einer beschlagenen Scheibe gewischt. Der Unterschied ist frappant! Ähnlich eindrücklich ist der Vergleich der beiden Versionen von „Ah! Je veux vivre“ aus „Roméo et Juliette“ von 1961 („Callas à Paris“): Die Triangel in der Eröffnung der Arie klingt in HD klarer und präsenter und zeigt deutlich den Unterschied der beiden Formate.

Während man den erweiterten Frequenzbereich nur mit dem HD-Format genießen kann, hat auch die neue Überspielung auf CD einige klangliche Vorteile. Simon Gibson gibt ein Beispiel: „Als wir ,La Gioconda‘ das letzte Mal remastert haben, war das einzige Band, das wir hatten, eine Kopie aus den 60er-Jahren. Darauf hat man der Stimme ein starkes Echo hinzugefügt. Es klingt, als ob Maria Callas im Badezimmer singt. Für diese Wiederveröffentlichung konnten wir auf das originale Cetra-Band zurückgreifen, auf dem es kein Echo gibt. Erst jetzt kann man hören, wie ihre Stimme wirklich geklungen hat, welches Timbre sie tatsächlich hatte.“ Und in der Tat ist der Unterschied verblüffend: Die Stimme der Callas klingt präsenter, direkter, fast so, als wäre man ihr ein Stückchen nähergekommen.

Es ist aber nicht nur das verbesserte Klangbild der Aufnahmen, das durch den Rückgriff auf die Originalbänder und den bestmöglichen digitalen Transfer ermöglicht wird, das das neue Remastering von den früheren unterscheidet. Dank der neuen Bearbeitungssoftware „Cedar Retouch“ konnten Störgeräusche erstmals so entfernt werden, dass das restliche Audiomaterial davon unberührt blieb. Photoshop für Audio nennt Allan Ramsey das Programm scherzhaft und erklärt seine Vorzüge: „Es eröffnet neue Möglichkeiten beim Beseitigen technischer Fehler. Im ,Vissi d’Arte‘ der ,Tosca‘-Aufnahme von 1953 gibt es vor dem Einsatz der Gesangsstimme ein abnehmendes, hochfrequentes Pfeifen. Bisher war die einzige Möglichkeit es loszuwerden, alle hohen Frequenzen zu beschneiden – oder das Pfeifen drinzulassen. Mit Retouch ist es uns möglich, nur das Pfeifen zu isolieren und zu entfernen, ohne dabei andere Klanginformationen zu verlieren. Natürlich muss man es präzise und vorsichtig einsetzen, denn man kann auch großen Schaden damit anrichten.“

Simon Gibson an seinem Arbeitsplatz in den Abbey-Road-Studios. Foto: Warner
Simon Gibson an seinem Arbeitsplatz in den Abbey-Road-Studios. Foto: Warner

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2014