Maria João Pires

Der Erosion der Klassik entgegenwirken

Nur wenigen Interpreten gelingt es, in Mozarts Klavierwerken so zum Kern der Musik vorzudringen wie Maria João Pires. Doch auch ihr inniger Schubert und ihr lyrisches Chopin-Spiel haben dazu beigetragen, ihr einen Platz im Pianistenolymp zu sichern. Anlässlich ihres 70. Geburtstages im Juli traf unser Klavierexperte Ingo Harden die Künstlerin beim „Internationalen Musikfest Hamburg“ zum Gespräch.

Foto: Felix Broede/DG
Foto: Felix Broede/DG

„Live“ hörte ich Maria João Pires zum ersten Mal im Frühjahr 1986 in Utrecht, und durch die Vermittlung eines niederländischen Kollegen traf ich sie am Tag nach dem Konzert zu einem Gespräch. Schon nach kurzer Zeit kam sie auf ein Thema zu sprechen, das ihr eine dringliche Herzensangelegenheit war: Sie hatte gerade damit begonnen, einen ihrer großen Lebensträume in die Realität umzusetzen, nämlich sich in ihrer Heimat Portugal und fernab von allem Stress des modernen Lebens einen Platz zu schaffen, wo sie wohnen und arbeiten konnte, wo sie in einem eigenen kleinen Saal Konzerte veranstalten, unterrichten und sogar Schallplattenaufnahmen machen wollte. Und besonders wichtig war ihr ein soziales Projekt: Sie wollte ihr Haus auch zu einem Treffpunkt für junge Leute werden lassen, die bisher überhaupt noch keine Beziehung zur Musik hatten und hier nun die Chance bekommen sollten, erste Kunsterfahrungen zu sammeln.

In FF 2/2002 konnte Gregor Willmes dann berichten, wie Maria João Pires sich diesen Traum in der Casa Belgais verwirklicht hatte, einem alten Hof, rund 250 km nordöstlich von Lissabon in der Einsamkeit nahe der spanischen Grenze gelegen, den sie in ein Kulturzentrum für Veranstaltungen aller Art umgebaut hatte – für Kammerkonzerte, Meisterklassen, interdisziplinäre Workshops, nicht zuletzt auch für die Proben eines neu aus Kindern und Jugendlichen der Umgebung gegründeten Laienchores. Alles sprach dafür, dass ihr weiteres Leben hier ihren Mittelpunkt haben würde.

Doch es kam anders. Die Ideen der Pianistin fanden in Portugal unterschiedlichen Widerhall. Dass die international erfolgreichste Musikerin des Landes plötzlich auch noch soziale Kompetenz unter Beweis stellen wollte, löste nicht nur positive Reaktionen aus, wurde als anmaßende Grenzüberschreitung empfunden. Es kam im Land eine Stimmung auf, die sie – schmal, fast zerbrechlich wirkend, leise im Auftreten, aber kompromisslos für ihre Überzeugungen eintretend –  am Ende dazu brachte, ihr Projekt enttäuscht aufzugeben und mit ihrer Heimat zu brechen. Sie kehrte Portugal radikal den Rücken, übersiedelte nach Salvador da Bahia in Brasilien und führte von dort aus das (nie sonderlich geliebte) Reiseleben einer konzertierenden Künstlerin fort. Allerdings machte sie sich noch rarer, als man es von ihr ohnehin gewohnt war – schon früher hatte sie des Öfteren davon gesprochen, sich mit der Situation eines Solisten allein auf dem Podium eines großen Konzertsaals nur schlecht abfinden zu können.

So wurden die „Nullerjahre“ für sie, inzwischen eine Sechzigerin, keine Zeit der allmählichen Beruhigung, der Erfüllung und Konsolidierung eines Lebenstraumes, sondern der Unruhe und Unsicherheiten, der Aufregungen und Belastungen. Auch eine schwere Erkrankung musste durchgestanden werden. Heute darauf angesprochen, ist all dies aber für sie ein abgeschlossenes Kapitel, über das sie kaum noch Worte verlieren mag.

Maria João Pires (MJP): Um es kurz zu machen: Ich hatte ein Projekt. Aber es war nicht gewünscht. Das war eines der Unglücke in meinem Leben, ich musste damals viel vom Leben lernen. Ich musste akzeptieren, was passiert ist. Anstatt unglücklich zu bleiben, musste ich akzeptieren, dass das, wofür ich Pläne gemacht hatte, nicht gewünscht war.

Es kam Ihnen vor allem auf das Sozialprojekt an, nicht so sehr auf die Förderung einer Begabtenelite?
MJP: Ja, unbedingt. Begabt sind wir alle. Jeder Mensch besitzt irgendeine Art von Begabung, der eine mehr, der andere weniger. Aber manche haben weniger Gelegenheit als andere, etwas zu werden. Da müssen wir einhaken, um die Lage zu verbessern.

Inzwischen hat Maria João Pires einen Platz gefunden, an dem sie sich verständnisvoller aufgehoben fühlt. Es ist die Chapelle musicale Reine Élisabeth in Waterloo, dem durch Napoleons Niederlage von 1815 bekannt gewordenen Ort ein paar Kilometer südlich von Brüssel. Die Schule wurde 1939 von der damaligen, sehr musikliebenden belgischen Königin ins Leben gerufen, geriet nach dem Krieg allerdings in den Sog des hoch renommierten, jedoch zunehmend von Wirtschaftlichem mitbestimmten Concours Reine Élisabeth. Doch 2004 unternahm die Chapelle musicale einen Neustart im alten, idealistischen Geist ihrer royalen Gründerin. In einem gleichgestimmten Umfeld, mit Kollegen wie dem Bariton José van Dam, dem Cellisten Gary Hoffman, ihrem langjährigen Partner Augustin Dumay oder auch dem Artemis-Quartett versucht sie hier jetzt, über den Rahmen einer Meisterklasse hinaus junge Menschen an die Musik, an die Kunst heranzuführen und so ihren Teil dazu beizutragen, der allmählichen Erosion der Klassik durch die zunehmende Kommerzialisierung entgegenzuwirken.
 
MJP: Eine solche Erosion ist ja überall zu spüren, sie ist global. Sie hat nichts damit zu tun, dass es heute an Begabungen fehlt. Sie beruht auf der Tatsache, dass die Musik heute in immer stärkerem Maße von Kommerziellem durchdrungen wird. Es muss aber eine Trennung geben. Denn heute müssen zu viele Musiker zu sehr an ihre Karriere denken und können sich zu wenig in die Musik selber vertiefen. Wettbewerbe zum Beispiel, bei denen es ja nur um das Gewinnen geht, sind schädlich. Sie helfen, die junge Generation künstlerisch zu schwächen, sie nehmen ihr die Kraft für das Wesentliche. Sie sind etwas für den Sport, nicht für die Kunst. Wir aber sollen für die Kunst kämpfen, und jeder muss sehen, was er dazu beitragen kann. Ich jedenfalls bin froh, dass ich jetzt an dieser Schule nach meinen Vorstellungen unterrichten kann.

Und Sie sind, nebenbei bemerkt, sicherlich auch froh, dass Sie Ihren Kindern wieder näher sind?
MJP: Eine meiner vier Töchter ist bei mir in Belgien und hilft mir, eine ist in Frankreich, zwei leben in der Schweiz. Die beiden Söhne …

… Adoptivsöhne …
MJP: … sind inzwischen in London.

Im Unterschied zu ihrem bewegten Leben zeichnet Maria João Pires’ künstlerische Entwicklung sich durch eine über die Jahrzehnte reichende außergewöhnliche Konstanz aus. Als in den frühen 1970er-Jahren ihre ersten LP-Aufnahmen erschienen – die Mozart-Sonaten bei Denon, Konzerte von Bach und Mozart bei Erato –, fielen sie auf durch einen bei Pianisten-Debüts seltenen Sinn für die charakteristische Modellierung von Melodielinien in Kombination mit einer insgesamt ausgesprochen strukturierten und zugleich harmonischen Formung: Schon die junge Maria João Pires besaß die Fähigkeit, Musik sich gleichsam natürlich entwickeln zu lassen – sie habe auf Anhieb den „richtigen“ Mozart-Ton, notierte ich damals positiv überrascht. Es war ihr gegeben, die „Skyline“, die klanglichen Umrisse einer Komposition klar und entschieden, aber völlig frei von unbescheidener Eigenwilligkeit, sich in den Vordergrund spielender Extravaganz oder virtuoser Aufplusterung nachzuzeichnen. Und dies prägt ihr Spiel bis heute unverwechselbar, mit seltenen geringen Qualitätsschwankungen, aber mit zunehmender expressiver Verdichtung und Vertiefung.

Maria João Pires im Jahr 1973. Mit dem Sieg beim Wett­­bewerb der internationalen Rundfunkanstalten 1970 in Brüssel begann die Weltkarriere der portugiesischen Pianistin. Foto: Warner
Maria João Pires im Jahr 1973. Mit dem Sieg beim Wett­­bewerb der internationalen Rundfunkanstalten 1970 in Brüssel begann die Weltkarriere der portugiesischen Pianistin. Foto: Warner

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe August 2014